Swatch Group schliesst wegen Unruhen in Hongkong ihre Läden

Die Proteste im grössten Markt der Welt beeinträchtigen die Geschäfte der Schweizer Uhrenhersteller erheblich.

Die prodemokratischen Proteste in Hongkong verlagerten sich auch in die Einkaufsmeilen der Metropole. Foto: Mark Schiefelbein (AP)

Die prodemokratischen Proteste in Hongkong verlagerten sich auch in die Einkaufsmeilen der Metropole. Foto: Mark Schiefelbein (AP)

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Geschlossene Läden, gestörter öffentlicher Verkehr, abgeschreckte Touristen: Die monatelangen Proteste in Hongkong ziehen die Wirtschaft der Millionenmetropole in Mitleidenschaft. Davon ist auch der weltgrösste Uhrenhersteller, die Swatch Group mit Sitz in Biel, betroffen. Ein Sprecher des Unternehmens von Nick Hayek bestätigt, in Hongkong manche Läden aus Sicherheitsgründen früher zu schliessen, deren Betrieb teilweise einzustellen oder sie gar den ganzen Tag geschlossen zu lassen.

Das fällt darum ins Gewicht, weil Hongkong der mit Abstand grösste Uhrenmarkt der Welt ist. Die Swatch Group mit Marken wie Swatch, Omega und Breguet ist in der chinesischen Sonderverwaltungszone mit etwa 100 Boutiquen vertreten.

Umsatz sinkt deutlich

Konkrete Angaben zu den Folgen für den Geschäftsgang im wichtigen zweiten Halbjahr mit dem Weihnachtsgeschäft machte der börsenkotierte Uhrenkonzern nicht. Der Sprecher sagt einzig: «Natürlich ist die Gruppe betroffen, und zwar signifikant.»

Das Ausmass wird erst ersichtlich sein, wenn die Swatch Group im Februar den Geschäftsbericht für das laufende Jahr veröffentlicht. Bekannt ist hingegen, dass die Gruppe im ersten Halbjahr in Hongkong einen Umsatzrückgang im zweistelligen Prozentbereich hinnehmen musste. Der Aktienkurs ist seit längerem auf Talfahrt. Doch seit Ausbruch der Proteste in Hongkong im Juni nahm er leicht zu.

«Das globale Geschehen ist ausserhalb unserer Kontrolle.»Johann Rupert, Verwaltungsratspräsident Richemont

Die Ereignisse in Hongkong sind ein Déjà-vu für die Swatch Group: Während der Gelbwesten-Proteste in Frankreich musste das Unternehmen im vergangenen Jahr seine Läden in der Tourismusmetropole Paris – dem zweitwichtigsten Uhrenmarkt der Welt – geradezu verbarrikadieren. Die Swatch Group ist auf den Champs-Elysées mit eigenen Boutiquen der Marken Swatch, Omega und Tissot vertreten. Die Sicherheitsvorkehrungen in Paris und anderen französischen Grossstädten führten zu Umsatzrückgängen und vermiesten dem Uhrenkonzern das Weihnachtsgeschäft.

Den Konkurrenten geht es in Hongkong nicht besser. Der Genfer Luxusgüterkonzern Richemont vermeldet für die Geschäftsperiode April bis September Umsatzeinbussen im zweistelligen Prozentbereich. «Das globale Geschehen ist ausserhalb unserer Kontrolle», kommentiert Verwaltungsratspräsident Johann Rupert das Ergebnis. Zu Richemont gehören Uhrenmarken wie IWC, Piaget und Jaeger-LeCoultre. Der Aktienkurs des Luxusgüterkonzerns ist seit dem Sommer eingebrochen.

Dramatischer Einbruch der Ausfuhren

Die Folgen der Unruhen in Hongkong machen sich bei der Schweizer Uhrenindustrie insgesamt bemerkbar. Der drittgrösste Exportzweig des Landes mit seinen knapp 58’000 Mitarbeitern verzeichnete im Oktober dramatische Einbussen bei den Ausfuhren nach Hongkong. Wertmässig exportierte die Branche im vergangenen Monat fast ein Drittel weniger als im Oktober 2018.

Von Januar bis Oktober gingen die Exporte um knapp 9 Prozent auf 2,2 Milliarden Franken zurück. «Hongkong bleibt der erste Markt unserer Industrie», sagt Jean-Daniel Pasche, Präsident des Dachverbands der Uhrenindustrie. «Solange sich die Unruhen dort aber fortsetzen, werden unsere Ausfuhren leiden.»

Chinesen reisen statt nach Hongkong nach Japan, Südkorea oder Singapur, um sich dort mit Luxusuhren einzudecken.

Das ist für die Branche deshalb ein Problem, weil sie in der ehemaligen britischen Kolonie mit Luxusuhren traditionell höhere Margen erwirtschaftet als an anderen Standorten. Hongkong ist einerseits eine beliebte Einkaufsdestination für kaufkräftige Touristen vom chinesischen Festland. Auf der anderen Seite ist die Metropole aber auch ein Drehkreuz für die Nachbarländer. Von dort aus versorgt die Schweizer Uhrenindustrie die umliegenden Märkte in Südostasien. Die Eskalation der Proteste trifft die hiesigen Uhrenhersteller deshalb empfindlich.

Dennoch gibt es in der Uhrenindustrie derzeit keine Anzeichen für einen Stellenabbau. Der Grund: In den übrigen wichtigen Exportmärkten läuft das Geschäft gut, wie die aktuellen Zahlen für Oktober zeigen.

Doch auch die Touristen vom chinesischen Festland sorgen mit ihrem Verhalten für Zuversicht: Sie reisen statt nach Hongkong nach Japan, Südkorea oder Singapur, um sich dort mit Luxusuhren einzudecken. Oder aber sie kaufen vermehrt wieder in China selbst ein.

«Der Rückgang in Hongkong wird so zu einem grossen Teil in den anderen Ländern kompensiert», sagt Branchenkenner René Weber von der Bank Vontobel. Die Analysten der Helvetischen Bank rechnen mit einem «Aufholeffekt» für Hongkong, sollten die Demonstrationen nachlassen.

Wirtschaft in Hongkong schrumpft

Hongkong stürzte im dritten Quartal in eine Rezession, wie die offiziellen Daten jetzt zeigen. Die Wirtschaft schrumpfte von Juli bis September im Vergleich zum Vorquartal um 3,2 Prozent. Das ist eine deutliche Abschwächung gegenüber dem zweiten Quartal mit einem Rückgang um 0,5 Prozent.

Da keine unmittelbare Lösung für die politische Krise der Stadt in Sicht ist, könnte sich der erste konjunkturelle Abschwung Hongkongs seit zehn Jahren bis ins kommende Jahr hinein erstrecken.

Erstellt: 22.11.2019, 19:06 Uhr

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