«Swissport will das Ganze vertuschen»

Erstmals äussert sich der ukrainische Milliardär Igor Kolomojski zu den Vorwürfen von Swissport, sie sei in der Ukraine um ein Joint Venture mit der ihm gehörenden Airline betrogen worden.

Der Flughafen in Kiew: Hier sollte das Joint Venture von Swissport und Ukraine International Airlines tätig werden. Foto: Sergei Supinski (AFP)

Der Flughafen in Kiew: Hier sollte das Joint Venture von Swissport und Ukraine International Airlines tätig werden. Foto: Sergei Supinski (AFP)

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Am Sitz der Swissport in Opfikon löst die Erwähnung der Ukraine seit bald zwei Jahren nur noch Ärger aus. Der weltgrösste Bodenabfertiger im Luftfahrtgeschäft kämpft vor ukrainischen Gerichten um die Rückgabe einer 70-Prozent-Beteiligung an der Swissport Ukraine, die heute Interavia heisst.

Auf der Gegenseite steht der Joint-Venture-Partner, die Fluggesellschaft Ukraine International Airlines (UIA), vor allem jedoch deren heutige Besitzer: der Oligarch Igor Kolomojski, Gouverneur der Provinz Dnipropetrowsk, und sein Geschäftspartner Aron Mayberg. Sie kauften die Fluggesellschaft 2011, wobei Igor Kolomojski heute betont, er sei erst seit Ende 2012 Aktionär.

Swissport sieht sich als Opfer einer feindlichen Übernahme im März 2013, die von korrupten Richtern geschützt worden sei. Fünfmal entschieden seither die immer gleichen drei Gerichts­instanzen über den Streitfall. Dreimal obsiegten die Schweizer, zweimal die UIA-Besitzer. Der letzte Entscheid datiert vom 25. September: Ein Appella­tions­gericht gab der ukrainischen Seite recht. Nun muss das oberste Wirtschaftsgericht des Landes, an das Swissport gelangte, erneut ein Urteil fällen. Das oberste Gremium hatte im Oktober 2013 zugunsten von Swissport entschieden, die früheren Entscheide aufgehoben und zur Neubeurteilung zurückgeschickt.

Kolomojski dreht den Spiess um

Die Frustration in Opfikon ist so gross, dass Swissport im November einen offenen Brief an den Präsidenten der Ukraine, Petro Poroschenko, geschickt hat. Der Brief lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Das Regime des früheren Präsidenten Janukowitsch habe Gerichte instrumentalisiert, um kriminelle Interessen zu schützen. Korrupte Richter hätten Firmenraider mit gesetzeswidrigen Entscheiden geholfen. Daran habe sich bis heute nichts geändert. Das ukrainische Gerichtssystem sei nicht in der Lage, Streitigkeiten nach internationalen Standards zu regeln. Das sei umso überraschender, als das Land jüngst ein Assoziierungsabkommen mit der EU geschlossen habe. Swissport rät im Schreiben anderen ausländischen Firmen faktisch von Investitionen in der Ukraine ab. Laut Swissport-Manager Mark Skinner wurde der Eingang des Schreibens bestätigt. Auf eine Antwort warten die Schweizer indes bis heute.

Im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet (siehe auch Tagesanzeiger.ch/Newsnet von gestern) hat sich UIA-Besitzer Igor Kolomoj­ski erstmals zu den Auseinandersetzungen mit Swissport geäussert. Er dreht den Spiess um: Swissport habe den Anteil am Joint Venture auf 100 Prozent erhöhen wollen und habe dabei die Vorkaufsrechte von UIA verletzt. «Mayberg hat den Fehler gesehen und die Situation zu seinen Gunsten ausgenutzt.» Die Schweizer hätten dann «völlig falsch reagiert». Nun versuchten sie, «das Ganze zu vertuschen». Auf die Frage, was er damit meine, erklärt Kolomojski: «Sie haben ihre Anwälte nicht nach marktüblichen Tarifen bezahlt, sondern höher. Mit diesem Geld haben die Anwälte die Gerichte bestochen, um einen für Swissport positiven Richterspruch zu erwirken.» Es handle sich um mehrere Hunderttausend Dollar. Er glaube, dass es mindestens zwei Fälle von Bestechung gegeben habe. Er verlasse sich dabei auf das Wort der Anwälte. «Wenn Sie das nächste Mal mit Swissport reden, richten Sie ihnen doch einen Gruss von Herrn Lawrinowitsch aus, dem Sohn des früheren Justizministers, einem guten Freund von mir. Swissport ist von seiner Anwaltskanzlei vertreten worden. Wenn nötig, wird er auch vor Gericht aussagen», so Kolomojski.

Sodann wundert sich der Milliardär, weshalb die Schweizer nicht ein internationales Schiedsgericht in London angerufen haben, wenn doch ukrainische Gerichte ihrer Ansicht nach korrupt seien. Und er weiss die Antwort: «Weil sie in London keine Chance gehabt hätten.»

Swissport weist die «haltlosen Anschuldigungen und Vorwürfe» auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zurück: «Swissport hält und hielt sich jederzeit strikt an Compliance und hat niemanden bestochen», heisst es in der schriftlichen Stellungnahme. Sowohl die von Swissport eingeschaltete internationale als auch die ukrainische Anwaltskanzlei «geben uns in allen Belangen recht». Neben den normalen Anwaltsgebühren habe man «völlig legal und nicht unüblich ein Erfolgshonorar in moderater Höhe vereinbart» für den Fall, dass am Schluss der «ursprüngliche Zustand und die ursprünglichen Eigentumsverhältnisse» des Joint Venture wiederhergestellt würden. Mangels Erfolgs sei die Prämie nicht bezahlt worden, worauf die Kanzlei Lawrinowitsch & Partner Swissport verklagt habe, obwohl das Mandatsverhältnis weiter bestand. «Die Behauptung, dass Lawrinowitsch ein Freund von Herrn Kolomojski sei, ist uns neu, überrascht uns in diesem ‹Sumpf› aber nicht mehr», schreibt Swissport weiter.

Swissport hofft auf Genf

Auch der Tipp für London findet in Opfikon kein Verständnis: «Swissport wollte den Fall ausserhalb der Ukraine verhandeln, es wurde jedoch kein Gerichtsstand ausserhalb des Landes an­erkannt. Die ukrainischen Gerichte erklärten sich für zuständig.»

Und wie geht der epische Streit weiter? Der Fall ist derzeit am höchsten Wirtschaftsgericht der Ukraine hängig. Solange kein definitives Urteil gefällt ist, werden die Schweizer keinen Rappen von dem «lächerlich tief festgesetzten Kaufpreis» (Swissport) sehen. Den UIA-Besitzern war es vor einer unteren Gerichtsinstanz gelungen, die Entschädigung für den 70-Prozent-Anteil von Swissport in der Höhe von geschätzten 25 Millionen Dollar auf noch 400'000 Dollar zu drücken.

Die Schweizer hoffen indessen, dass die Genfer Behörden, die jetzt über die Fortführung der Pauschalbesteuerung und die Aufenthaltsbewilligung des Oligarchen entscheiden, den Fall gebührend zur Kenntnis nehmen.

Auch Kolomojski machte sich diesbezüglich Gedanken, allerdings aus einer völlig anderen Optik: «Weil meine Familie in der Schweiz lebt und ich oft hier bin, will ich den Namen von Swissport nicht ruinieren. Deshalb zeige ich diese Firma nicht an», versichert er Tagesanzeiger.ch/Newsnet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2014, 23:17 Uhr

Igor Kolomojski.

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