Teure Konzerttickets machen ihm Freude

Die Firma bringt U2 oder AC/DC in die Schweiz: Live Nation dominiert zusehends das Musikgeschäft. Dafür wird sie auch kritisiert.

U2 2009 im Soldier-Field-Stadion in Chicago: Die Iren spielten neun der zehn Top-Shows.

U2 2009 im Soldier-Field-Stadion in Chicago: Die Iren spielten neun der zehn Top-Shows. Bild: Keystone

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Deutlicher hätte es der Geschäftsführer von Live Nation kaum sagen können: «Unser primäres Ziel ist herauszufinden, wie wir die besten Preise aus dem Haus holen können.» Das Haus, von dem Michael Rapino hier spricht, das ist der Konzertsaal oder noch lieber: ein Stadion. Und das vorläufige Resultat seiner Recherche ist ein Preisschema, mit dem ein Sitz in den ersten Reihen im «Haus» nicht mehr nur für 100, sondern für 400 Dollar verkauft wird. Rapino will aber auch den Zwischenhandel ausschalten: Live Nation setzt erklärtermassen auf den papierlosen Ticketverkauf, einen Markt mit Gewinnpotenzial von einer Milliarde Dollar.

Solch ungeschminkte Aussagen sind nicht ungewöhnlich für diesen Riesen des Konzertgeschäfts. Ausserhalb der Branche noch weitgehend unbekannt, ging die Firma aus Clear Channel hervor, einem Mediengiganten, der den Wahlkampf von George W. Bush unterstützt und die Dixie Chicks aus einzelnen seiner Programme verbannt hatte. Nach der Fusion mit Ticketmaster wurde Live Nation vor einem Jahr dann zum global führenden Konzertveranstalter, Plattenproduzenten, Künstlervermittler und Ticketverkäufer.

In den roten Zahlen

Dieser umfassende und einmalige Aktionsradius macht Live Nation für die einen attraktiv: So managt der Branchenprimus mit Gesamtverträgen globale Popstars wie U2, Madonna, AC/DC oder den Rapper Jay-Z. Neun der zehn grössten Tourneen sind in der Hand dieses Multis, nebst den erwähnten Künstlern auch die der Rolling Stones.

Für die anderen – Musiker, kleinere Konzertagenturen und nicht zuletzt das Publikum – ist die Firma dagegen ein rotes Tuch. Einer der schärfsten Kritiker ist Bruce Springsteen. Anders als Live Nation setzt er seine Preise tief an, um auch den Zweithandel zu stützen. Springsteens Befürchtung, die Fusion von Ticketmaster und Live Nation führe zu einem Beinahe-Monopol, hat sich seither aber nicht ganz bestätigt, wie die Konzertumsätze von 2009 in den USA zeigen. Der Durchschnittspreis eines Tickets stieg letztes Jahr um noch zwei Prozent auf knapp 60 Dollar, zugleich sank die Zahl der Konzertbesucher von 7,1 auf 6,8 Millionen.

Folglich wies Live Nation Entertainment – wie die Firma seit der Fusion in ganzer Länge heisst –, einen leicht auf 112 Millionen Dollar gestiegenen Quartalsverlust aus. Brachenkenner sagen, dass die roten Zahlen weitgehend eine Folge der Rezession seien, die auch Musiker und Labels getroffen habe.

Ein Ticket für 400 Euro

Dazu kontrastiert auffällig der Umsatz der von Ebay betriebenen Börse StubHub, an der Konzerttickets gehandelt werden. Sie meldete Rekordumsätze und betonte, dass neun der zehn bestverkauften Shows U2 beträfen. Die «360° Tour» der irischen Stadionband, die Anfang September in Zusammenarbeit mit dem lokalen Veranstalter Good News auch nach Zürich führt, ist ein Produkt von Live Nation. Der Weg von Live Nation, kritisiert StubHub, werde die Auswahl der Künstler wie die Ticketpreise nachteilig beeinflussen.

Tatsächlich ist das monopolistische Auftreten des Marktleaders in mehreren Fällen an massiv steigenden Preisen zu beobachten. Die besten Plätze an den Konzerten von U2 kosteten schon letztes Jahr bis zu 400 Euro. Und in diesem Sommer können die meisten Openairs in den USA nicht mehr an Einzeltagen, sondern nur noch über einen Wochenendpass für 300 bis 400 Dollar gebucht werden. Die US-Wettbewerbsbehörde hat diese Entwicklung vorausgeahnt – untersuchte sie doch fast ein Jahr lang die Fusion von Live Nation und Ticketmaster, bevor sie sie bewilligte. Das britische Kartellamt zog eine erste Zusage sogar zurück, um die Folgen vertieft auszuleuchten. Die definitive Einwilligung kam erst vor wenigen Wochen.

Die Konzentration auf dem Musikmarkt sei «höchst bedenklich», bilanzierte die «New York Times» in einem Leitartikel und warf den Wettbewerbshütern vor, zu wenig strikt vorgegangen zu sein. Tatsächlich waren die Auflagen für die Fusion minimal: Live Nation musste nur eine Tochterfirma abstossen und ihre Ticket-Software dem dreimal kleineren Konkurrenten AEG Live zugänglich machen.

Aber Live Nation ist nicht nur ein Profiteur, sondern auch ein Opfer der Umwälzungen im Musikmarkt. Der Einbruch der Plattenverkäufe zwingt die Labels und die Künstler, auf Konzerte und Merchandising zu setzen. Live Nation müsse den Trend nützen und wolle ihn auch beschleunigen, um nicht unterzugehen, sagt Konzernchef Michael Rapino. Bereits hat Live Nation über 200 Künstler mit Exklusivverträgen an sich gebunden, womit der Konzern nebenbei auch zum zweitgrössten Plattenlabel der Welt geworden ist. Nur Universal Music ist noch stärker.

Doch fragt sich, ob Live Nation mit seinem Modell des Rundum-Musikkonzerns sich nicht selbst in die Quere kommt: Wenn dasselbe Unternehmen einen Künstler für Konzerte verpflichtet, das auch seine Karriere managt, gerät es in einen Interessenkonflikt. Mit der einen Hand muss es höchstmögliche Gagen und Sicherheiten aushandeln, mit der anderen den eigenen Profit maximieren. Dass die Rechnung aufgeht, ist noch nicht bewiesen. Obwohl Live Nation den Markt in einzelnen Bereichen mit bis zu 80 Prozent dominiert, erzielte die Firma auf einen weltweiten Ticketumsatz von 1,7 Milliarden Dollar im letzten Jahr gerade mal einen Gewinn von 21 Millionen.

Kleinere Veranstalter experimentieren darum mit einem neuen Modell. Die Ticketpreise werden tief angesetzt und steigen oder sinken anschliessend je nach Nachfrage. Ist der Erlös höher als erwartet, werden die Künstler beteiligt. Profitieren können so aber auch Publikum (von tieferen Preisen) und Veranstalter (von besser gefüllten Sälen).

Erstellt: 26.05.2010, 20:22 Uhr

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