Thiams Grössenwahn wird zu Recht bestraft

Der Griff zur Allmacht innerhalb der Credit Suisse war zu verwegen. Der Abgang von Tidjane Thiam ist eine Chance für die Schweiz.

Hat den Aktienkurs der Credit Suisse in den letzten 5 Jahren halbiert: Tidjane Thiam. Foto: Keystone

Hat den Aktienkurs der Credit Suisse in den letzten 5 Jahren halbiert: Tidjane Thiam. Foto: Keystone

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«Tidjane Thiam hat der Credit Suisse einen enormen Beitrag geleistet, seit er 2015 zu uns gestossen ist. Es ist klar sein Verdienst, dass die Credit Suisse heute wieder als grundsolide Bank dasteht und in die Gewinnzone zurückgekehrt ist», heisst es offiziell. Thiam ist ein «Good Leaver», wie man das heute nennt. Er hat, wenn auch unter grossem Druck, selber gekündigt. Darum ist man nett mit ihm.

Das hat durchaus positive Folgen für das Abgangspaket von 30 Millionen, das er erhält, wenn er sich in den nächsten 6 Monaten wohl verhält. Mit den 30 Millionen muss er wohl auch noch seinen ehemaligen Stellvertreter Pierre-Olivier Bouée zufriedenstellen. Jenen Mann, der fristlos entlassen wurde, weil er angeblich im Alleingang entschied, missliebige Konzernleitungsmitglieder zu beschatten. Denn Bouée, der alle Schuld auf sich genommen hat, bekam kein Abgangspaket.

Dennoch ist es kein guter Abgang für Thiam. Erstens hat er mit Bouée, dem ehemaligen Personalchef Peter Goerke und Kommunikationschef Adam Gishen einen regelrechten Machtklüngel innerhalb des Konzerns aufgebaut, der sich abschottete und eine Misstrauenskultur mit Kadavergehorsam etablierte, die unschweizerisch ist.

«Thiam hat die Bank gesundgespart und mit zwei Kapitalerhöhungen dafür gesorgt, dass sie wieder einigermassen gut kapitalisiert ist.»

Zweitens braucht es ziemlich viel Chuzpe, nur schlecht getarnt über US-Aktionäre, den eigenen Vorgesetzten derart unter Druck zu setzen, wie dies zuletzt geschah. «Hört nicht auf das, was euch Urs erzählt (gemeint ist CS-Präsident Urs Rohner). Wen wollen Sie behalten, den, der die Probleme verursacht, oder den, der sie löst (Thiam)?», sagte David Herro vom US-Hedgefonds Harris Associates zur «Financial Times». Es gab offene Briefe und offene Klagedrohungen an den CS-Verwaltungsrat, wenn dieser es wagen sollte, Thiam abzusetzen.

Das alles sagte Herro mit nur 8 Prozent der CS-Aktien in der Tasche. Mit seinen Verbündeten, die unter den Grossaktionären einen eigentlichen Thiam-Fanclub gründeten, kam er vielleicht auf 13 Prozent. Damit den VR-Präsidenten absetzen zu wollen, das war schlicht Grössenwahn. Auch wenn Konzernchef Thiam offensichtlich mitmachte. Die Verwaltungsräte konnten also gar nicht mehr anders, als Thiam rauszuwerfen. Ansonsten wären sie nur noch die Hampelmänner der Amerikaner gewesen.

Wie gut Thiam für die CS wirklich war, darüber kann man geteilter Meinung sein. Den Aktienkurs hat er jedenfalls in den letzten 5 Jahren halbiert. Und das in einer Zeit, in der die UBS in etwa stagnierte und JP Morgan ihren Wert verdoppelte. Aber immerhin, er hat die Bank gesundgespart und mit zwei Kapitalerhöhungen dafür gesorgt, dass sie wieder einigermassen gut kapitalisiert ist. Vorher, unter dem Duo Rohner und Brady Dougan, kutschierte die Credit Suisse mit 2 Prozent Eigenkapital am Rande des Abgrunds, bis die Nationalbank einschritt und eine Kapitalerhöhung erzwang. Denn die CS ist eine Bank, die viel zu wichtig ist für die Schweiz, als dass man sie wie einen Hedgefonds führen kann.

«Nun sieht es also danach aus, als ob Rohner kurz vor Schluss seiner Amtszeit Rückgrat gezeigt und den Machtkampf gegen Thiam gewonnen hat.»

Tiefpunkt des Duos Rohner/Dougan war der Moment, als die beiden nach der Milliardenbusse durch die US-Steuerbehörde die Hände in Unschuld wuschen und die Schuld ein paar subalternen Vermögens­verwaltern in die Schuhe schoben. Mit seiner weissen Weste prahlte Rohner damals – den Spitznamen Teflon-Urs wurde er seither nicht wieder los.

Es ist auch nicht so, dass die CS erst in den letzten Tagen zum Spielball ausländischer Aktionäre wurde. Der Ursprung liegt in der Finanzkrise. Damals verweigerte die CS die Annahme eines ähnlichen Rettungspakets des Bundes wie das, das die UBS bekam. Dafür warf sie sich in die Arme von arabischen Grossaktionären und verkaufte diesen grosse Anteile zum Spottpreis. Hinzu kamen hochverzinsliche Anleihen, die den Katarern und den Saudis über Jahre hinweg Hunderte von Millionen Dollar an Zinsen einbrachten. Massgeblich beteiligt an den Deals war der damalige Chefjurist Rohner. Die Beziehungen von damals sind Gold wert, denn die Araber stützen ihn bis heute. Sie, zusammen mit Blackrock und dem norwegischen Staatsfonds, bilden die Basis dafür, dass es der VR überhaupt wagen konnte, sich gegen die US-Aktionäre zu stellen.

Nun sieht es also danach aus, als ob Rohner kurz vor Schluss seiner Amtszeit Rückgrat gezeigt und den Machtkampf gegen Thiam gewonnen hat. Das hat ihm bankintern viel Achtung zurückgebracht. Und mit Thomas Gottstein hat er einen Nachfolger für Thiam gefunden, der keine Detektive braucht, um sich durchzusetzen. Rohners letzte Aufgabe ist die Suche nach einem guten Nachfolger für sich selbst. Schafft er es, eine überzeugende Kandidatin oder einen überzeugenden Kandidaten zu präsentieren, dann hat die leidige Spionageaffäre nicht nur Rohners Amtszeit gerettet, sondern auch die zweitgrösste Schweizer Bank wieder stabilisiert. In diesem Sinne ist Thiams unrühmlicher Abgang eine Chance für die Schweiz.

Erstellt: 07.02.2020, 23:01 Uhr

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