UBS kündigt Informatiker wegen Datentransfer fristlos

Die Staatsanwaltschaft konnte dem Mann keine strafrechtlich relevanten Handlungen nachweisen.

Der Mitarbeiter hatte Bankdaten an seine private Mail-Adresse geschickt – angeblich, um zu arbeiten. Foto: Gianluca Colla (Bloomberg)

Der Mitarbeiter hatte Bankdaten an seine private Mail-Adresse geschickt – angeblich, um zu arbeiten. Foto: Gianluca Colla (Bloomberg)

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Den 5. Juli 2012 wird Damien Conrad* nie mehr vergessen. Der heute 61-jährige UBS-Informatiker wurde damals zu einer internen Befragung zitiert. Danach wurde er in seinem Büro festgehalten, bis Vertreter der Staatsanwaltschaft auftauchten. Es folgten Durchsuchungen von Büro und Wohnung. Dann wurde Conrad verhaftet. Die folgende Nacht verbrachte er im Polizeigefängnis auf dem Zürcher Kasernenareal.

Vierzehn Jahre lang habe er in der UBS gearbeitet und sich nie etwas zuschulden kommen lassen, sagt Conrad im Rückblick. Er behauptet aber nicht, keine Fehler begangen zu haben. Zum Verhängnis wurde ihm, dass er von seinem Arbeitsplatz aus Bankdaten an seine private E-Mail-Adresse verschickt hatte. Und indirekt dürfte ihm ein Artikel geschadet haben, der im April 2012 im «Tages-Anzeiger» erschienen war. Darin wird über Kritik von Hilfswerken am Rohstoffkonzern Glencore berichtet. Hauptvorwurf war, dass Geschäftspartner von Glencore mit Erzen handelten, die im Kongo unter menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut worden waren – Kritik, die Glencore zurückwies.

Warnung vor Reputationsrisiko

Conrad, auf den Artikel aufmerksam geworden, erkannte unschwer, dass einer der kritisierten Erzhändler ein von ihm betreuter UBS-Kunde war. In einem E-Mail an Vorgesetzte warf er die Frage auf, ob der UBS in dieser Sache nicht ein Reputationsrisiko drohe.

Aus der Tatsache, dass das Mail-Überwachungssystem der UBS Mitte Mai 2012 einen Datentransfer an seine Privatadresse registrierte, und Conrads kritischer Hinterfragung der Rohstoffkunden entstand offenbar der Verdacht, dass er sensitive Bankdaten an Journalisten weitergegeben hatte oder weiter­geben könnte. Nach einer ersten Konfrontation am 2. Juli, bei der Conrad den Datentransfer einräumte, schaltete die UBS die Staatsanwaltschaft ein. Man verdächtigte den Informatiker der Verletzung des Bankgeheimnisses.

Es folgte wie geschildert die Verhaftung. Conrad wurde danach von seinem Arzt krankgeschrieben. Um Distanz zu gewinnen, verreiste der Informatiker mit seiner Frau nach Griechenland. Während dieser Zeit ordneten die Behörden eine zweite Hausdurchsuchung an. Da sie eine gesuchte Festplatte – sie lag auf einem Schrank – nicht fanden, versiegelten sie kurzerhand die Wohnung. Der Sohn der Familie, am folgenden Wochenende auf Militärurlaub, konnte sie nicht mehr betreten.

Arbeitslos und ausgesteuert

Ende Juli 2012 kündigte die Bank das ­Arbeitsverhältnis mit Conrad fristlos. Er ist seither arbeitslos und inzwischen ausgesteuert. Zwei Strafverfahren wurden gegen ihn angestrengt – das erste wegen Weitergabe von Datensätzen der UBS an Dritte, das zweite wegen Ausplauderns von Kundennamen an seine Frau. Beide Verfahren wurden im November 2012 beziehungsweise im Januar 2013 eingestellt. Sie vermochten den Verdacht auf Verletzung des Bankgeheimnisses nicht zu erhärten. Strafrechtlich konnte Conrad kein Vergehen nachgewiesen werden.

Noch streiten die Parteien um die fristlose Entlassung. Unversöhnlich sind sie in der Wertung der Datentransfers. Es ist unbestritten, dass Conrad mit dem Versenden von Bankdaten gegen bankinterne Vorgaben verstossen hat. Er selbst rechtfertigt sich damit, dass er regelmässig zu Hause für die Bank gearbeitet habe – im Wissen und mit Billigung seines Vorgesetzten. «Alle haben das gemacht», sagt Conrad. Tatsächlich hat er über Jahre Daten an seine Privatadresse geschickt, ohne dass Vorgesetzte oder die Bank je interveniert hätten.

Der Vertreter der Bank ist unabhängig der beiden eingestellten Strafverfahren der Ansicht, dass Conrad in schwerer Weise vertragliche Bestimmungen und andere Vorgaben verletzt habe. Er verweist auf rund 2500 Datensätze – darunter eine Excel-Tabelle mit 2000 Kundendaten –, die man auf Conrads privatem Computer gefunden habe. Es sei naiv, zu behaupten, diese Daten hätten dazu gedient, sie zu Hause zu bearbeiten. Gemäss Conrads Anwalt ist ein grosser Teil der Daten privater Art, etwa ­Ferienfotos. In den Augen des UBS-Vertreters ist das irrelevant. Entscheidend sei das Vorhandensein sensitiver Daten.

* Name geändert (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2014, 20:41 Uhr

Richter hinterfragt UBS-Kündigung

Noch liegt kein Urteil vor. Der Anwalt der UBS droht aber bereits mit einem Weiterzug.

Damien Conrad* erhielt von der UBS die Kündigung, obwohl man ihm kein strafrechtlich relevantes Vergehen nachweisen konnte. Daran gibt es wenig zu rütteln, da das Schweizer Recht im Gegensatz zu Staaten wie etwa Deutschland praktisch keinen Kündigungsschutz kennt. Die UBS ist der Meinung, dass Conrad wegen Versendens von Bank­daten an seine Privatadresse in schwerer Weise gegen vertragliche Bestimmungen verstossen hat.

Dennoch kämpft der Informatiker gegen die fristlose Entlassung und für rund 18'000 Franken Lohnnachzahlung, die ihm dann zustünden, wenn er ordentlich gekündigt worden wäre. Da sich die Parteien nicht auf einen Vergleich einigen konnten, klagte der Informatiker gegen die UBS. Gestern kam es vor dem Arbeitsgericht in Zürich zur Verhandlung.

Ein Urteil wurde noch nicht gefällt. Richter Erich Kaufmann nahm aber am Ende der Verhandlung eine vorläufige Meinungsäusserung vor. Er sieht das Problem in der Frage, ob die UBS die fristlose Entlassung rechtzeitig ausgesprochen hat. Gemäss geltendem Recht muss eine fristlose Kündigung sofort bekannt gegeben werden – spätestens rund sieben Tagen nach Vorfallen des Kündigungsgrundes.

Das Mail-Überwachungssystem der UBS registrierte den Datentransfer Conrads am 18. Mai 2012. Am 2. Juli kam es zu einer ersten, am 5. Juli zu einer zweiten Aussprache. Bereits nach dem 2. Juli orientierte die UBS die Staatsanwaltschaft. Am 5. Juli wurde Conrad verhaftet. Die fristlose Kündigung wurde aber erst Ende des Monats ausgesprochen. Wohl zu spät, meinte Kaufmann in seiner vorläufigen Einschätzung.

Der Vertreter der UBS, Rechtsanwalt Alfred Blesi, reagierte unwirsch. Wenn es dabei bleibe, könne er jetzt schon sagen, dass er das Urteil anfechten werde. Der Fall kann an das Ober- und das Bundesgericht weitergezogen werden.

Gemäss Martin Locher, dem Rechtsvertreter Conrads, genügt eine Rechtswidrigkeit nicht für eine fristlose Entlassung. Diese müsse gravierend sein und dem Unternehmen Schaden zufügen. Dass sich Conrad strafrechtlich nicht schuldig machte, schützt ihn aber nicht vor einer fristlosen Kündigung. Gemäss Richter Kaufmann braucht es für eine fristlose Entlassung kein strafrechtlich relevantes Vergehen.

* Name geändert

Bruno Schletti

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