Hintergrund

UBS lockte Investmentbank-Chef mit 25 Millionen

Andrea Orcel wechselte 2012 mit einem üppigen Antrittsgeld zur UBS. War dies – wegen der Minder-Initiative – die letzte grosse Abwerbung? Antworten aus der Wandelhalle.

Umstrittene Antrittszahlung: UBS-Neuankömmling und Investmentbankchef Andrea Orcel.

Umstrittene Antrittszahlung: UBS-Neuankömmling und Investmentbankchef Andrea Orcel.

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Die Grossbank UBS hat ihrem Investmentbankchef Andrea Orcel vergangenes Jahr ein Antrittsgeld von insgesamt rund 25 Millionen Franken geboten. Dies geht aus dem Geschäftsbericht hervor, den die Bank heute Morgen veröffentlichte. Demnach erhielt Orcel beim Wechsel von der Bank of America Merrill Lynch (BAC) «Ersatzzuteilungen» für ausfallende, aufgeschobene Boni. Diese bestanden aus einer aufgeschobenen Barvergütung von 6,4 Millionen Dollar und aus rund 1,75 Millionen UBS-Aktien, die damals mit 18,5 Millionen Franken bewertet wurden. Inzwischen ist der Wert weiter gestiegen.

Orcel kam im Juli vom US-Institut zur UBS und ist seit November alleiniger CEO der UBS-Sparte Investmentbanking. Durch den Wechsel wären aufgeschobene Vergütungen und Nebenleistungen von BAC verfallen. «Im Einklang mit der Marktpraxis» habe er dafür zu den gleichen Bedingungen entsprechende Zuteilungen als Ersatz erhalten, schreibt die Bank in ihrem Geschäftsbericht. Dies entspreche der Unternehmenspolitik der UBS. Orcel kann auf das Paket in Tranchen ab den Jahren 2013, 2014 und 2015 zugreifen. Wie hoch Orcels regulärer Lohn für die zweite Jahreshälfte 2012 ist, gibt die Bank nicht bekannt. Letztjähriger Topverdiener bei der UBS war Sergio Ermotti mit einem Gehalt von 8,9 Millionen Franken.

«Klarer Volksentscheid»

Ob diese Praxis auch nach Annahme der Minderinitiative zulässig ist, bleibt politisch umstritten. «Unternehmen kaufen Managern beim Stellenwechsel oft die Aktienpakete des alten Arbeitgebers ab und ersetzen diese mit eigenen Aktien», sagte Unternehmensberater Sacha Cahn vor zwei Wochen im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Ob diese Praxis auch unter die verbotenen Vorauszahlungen fällt, wird noch zu bestimmen sein.» Gemäss den 24 Punkten des Initiativtexts dürfen Verwaltungsrats- und Geschäftsleitungsmitglieder weder Vorauszahlungen noch Abgangsentschädigungen erhalten.

Pirmin Bischof, CVP-Ständerat aus dem Kanton Solothurn, hält den Text in dieser Hinsicht für eindeutig. «Ein solches Antrittsgeld wäre nach Umsetzung der Minderinitiative nicht mehr zulässig», sagt er. Im Abstimmungskampf sei ausgiebig über diesen Punkt diskutiert worden, so Bischof. «Das Volk hat mit klarer Mehrheit entschieden.» Das Abwerben von Managern müsse künftig wohl oder übel ohne Ersatz der verfallenden Vergütung erfolgen. «Für Firmen besteht eine Ausweichmöglichkeit möglicherweise darin, ein attraktiveres Lohnpaket zu offerieren, anstatt ihnen die ausfallenden Boni zu ersetzen», sagt Bischof.

«Leibeigene ihres Arbeitgebers»

Das Beispiel von Andrea Orcel zeigt deutlich: Wird die Minderinitiative strikt umgesetzt, so müssen Finanzinstitute wie die UBS ihre Praxis beim Abwerben von Personal radikal umstellen. Headhunter Björn Johansson zufolge würde ein Verbot des Ersatzes verfallender Vergütungsbestandteile viele Manager vom Stellenwechsel abschrecken, wie er jüngst zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagte. Ähnlich argumentiert auch FDP-Nationalrat Ruedi Noser aus dem Kanton Glarus: Entweder müsse das System der aufgeschobenen Boni überdacht werden oder diese Praxis solle erlaubt bleiben. «Mitarbeiter werden sonst zu Leibeigenen ihres Arbeitgebers.»

Wie andere Banken auch, so hat die UBS in den letzten Jahren ihre Vergütungspolitik überarbeitet. Boni werden mit mehr Zeitaufschub ausbezahlt, Cash-Anteile werden zugunsten von am Unternehmensrisiko ausgerichteten Konstrukten verringert. Diese in diesen Instrumenten geführten Papiere stehen den Empfängern erst in drei respektive fünf Jahren zur Verfügung. Gegenüber dem Nachrichtenportal «Finews» erinnert eine UBS-Sprecherin heute daran, dass die UBS innerhalb dieses globalen Trends nicht nur Zahlerin, sondern genauso Profiteurin ist: Verlässt ein Manager die Bank vorzeitig, so verfallen seine aufgeschobenen Vergütungsbestandteile, wodurch die UBS entlastet wird.

Mag dieses Argument inhaltlich seine Berechtigung haben, so dürfte es juristisch im Hinblick auf die Umsetzung der Minder-Initiative allerdings ohne Belang bleiben. Ruedi Noser geht allerdings davon aus, dass das letzte Wort in dieser Frage politisch noch nicht gesprochen ist. «Es muss für Schweizer Unternehmen weiterhin möglich sein, Leute abzuwerben», sagt er. Die 25 Millionen für Andrea Orcel sind laut Noser denn auch nicht eine Antrittszahlung im eigentlichen Sinn, sondern eine Abgeltung von Ansprüchen gegenüber dem alten Arbeitgeber. Ob die Höhe der Vergütung an und für sich gerechtfertigt ist, ist für den FDP-Politiker eine andere Frage. «Es braucht neue Lohnstrukturen», sagt er, «hoffentlich mit vernünftigeren Salären.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.03.2013, 12:55 Uhr

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