Und jetzt ist die Rede vom «Techlash»

Uber-Unfall und Facebook-Sturm: Haben die Tech-Giganten in der Wachstumshysterie die Kontrolle verloren? Folgenschwere Tage stehen dem Silicon Valley bevor.

Der Schock ist gross, das Interesse auch: In Tempe (Arizona) informiert ein Polizei-Officer über die ersten Abklärungen zum tödlichen Unfall mit einem selbstfahrenden Uber-Auto.

Der Schock ist gross, das Interesse auch: In Tempe (Arizona) informiert ein Polizei-Officer über die ersten Abklärungen zum tödlichen Unfall mit einem selbstfahrenden Uber-Auto. Bild: Rick Scuteri/Reuters

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Ein selbstfahrendes Auto überfährt einen Menschen: Forscher aus dem Feld sprechen bereits seit Jahren darüber, ob und wie dieser Moment die Debatte um autonome Fahrzeuge verändern wird.

Was am Sonntagabend in der Stadt Tempe in Arizona genau passiert ist, ist noch nicht ganz klar. Eine Frau schob offenbar ihr Fahrrad an einer unmarkierten Stelle über die Strasse, als ein Uber-Testfahrzeug im Selbstfahr-Modus sie erfasste. Ein Mitarbeiter hinter dem Steuer, der im Notfall eingreifen sollte, konnte den Unfall offensichtlich nicht verhindern. Uber hat seine Testfahrten vorübergehend eingestellt.

Video – Selbstfahrendes Uber-Auto tötet Frau

Die 49-Jährige starb in der Stadt Tempe im US-Bundesstaat Arizona. Video: TA/Reuters

Jeden Tag sterben in den USA im Schnitt 110 Menschen bei Verkehrsunfällen. Selbstfahrende Autos könnten diese Zahl drastisch senken, so das Versprechen. Doch bevor es soweit kommen kann, bleibt zunächst einmal die grosse Frage, wann die Technik überhaupt reif für einen Masseneinsatz ist.

Deregulierung wird warten

Arizona war beispielsweise nicht nur wegen des trockenen Klimas, das beste Fahrbedingungen garantiert, als Teststrecke beliebt. Vielmehr hatte der Bundesstaat die Probefahrten in den vergangenen Jahren kaum reguliert und so Autokonzerne und Start-ups angelockt, darunter auch Uber, das dort nach einem Regulierungsstreit mit der kalifornischen Transportbehörde aufgetaucht war.

Mehr als 600 autonome Fahrzeuge unterschiedlichster Hersteller seien inzwischen auf den Strassen Arizonas unterwegs, hiess es. Vor 14 Tagen stellte der Gouverneur erstmals Richtlinien vor, die aber noch nicht umgesetzt wurden.

Bilder: Tödlicher Uber-Unfall in den USA

Kalifornien, das eine konservative Linie wählte, wollte ab 2. April eigentlich Testfahrten zulassen, in denen der Notfall-Fahrer nicht im Auto sitzen muss und ferngesteuert eingreifen kann. Und in den vergangenen Wochen machten Lobbyisten aus Technologie- und Autoindustrie Druck auf den Senat in Washington, die Zulassung und Tests autonomer Fahrzeuge zu deregulieren.

Am Montag sprach sich Richard Blumenthal, ein Mitverfasser des entsprechenden Gesetzentwurfs, für stärkere Sicherheitsmassnahmen aus. Raj Rajkumar, der das Selbstfahr-Zentrum der renommierten Carnegie Mellon University leitet, ging sogar noch weiter: «Das ist kein Softwarefehler in deinem Telefon. Menschen können getötet werden. Unternehmen sollten einen Schritt zurücktreten. Die Technologie ist noch nicht soweit.»

Haben die Firmen im Zuge ihres rigorosen Wachstumskurses die Kontrolle verloren – oder gar über Bord geworfen?

Jason Levine, Direktor der Konsumentenorganisation «Center for Auto Safety», geht sogar noch weiter und wagte eine Prognose: «Das wird das Vertrauen der Konsumenten in diese Technologie um Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte zurückwerfen,» sagte er Bloomberg.

Die Nachricht des Uber-Crashs kommt nach einem Wochenende, in der auch Facebook in das Zentrum der Aufmerksamkeit rückte. Dass eine App mit nur 270'000 Installationen Medienberichten zufolge die Profile von etwa 50 Millionen Nutzern auslesen konnte, sorgte nicht nur deshalb für Schlagzeilen, weil die Firma Cambridge Analytica mit den daraus gewonnen Informationen später die Präsidentschaftskampagne Donald Trumps unterstützte.

Und dann ging es rasch abwärts: Aktiensturz von Facebook im Handel vom Montag.

Vielmehr waren sich viele US-Amerikaner überhaupt nicht klar darüber, dass diese Form von Daten-Auslese bis 2015 möglich war – während amerikanische Staatsanwälte prüfen, ob Facebook seine Nutzer über die Zweckentfremdung ihrer Daten informieren hätte müssen. Facebook kündigte inzwischen eine Untersuchung an, die klären soll, ob Cambridge Analytica die gesammelten Daten auch nach einem Löschaufruf nutzte. Zudem wurde bekannt, dass IT-Sicherheitschef Alex Stamos das Unternehmen verlassen wird. Bislang haben sich weder Gründer Mark Zuckerberg, noch Geschäftsführerin Sheryl Sandberg zu der Kontroverse geäussert.

In beiden Fällen, dem Uber-Crash wie der Facebook-Datenauslese, geht es einerseits um Regulierung – der Werbekonzern Facebook verlor angesichts möglicher Einschränkungen der Datennutzung zwischenzeitlich 36 Milliarden US-Dollar an Wert.

Auf der anderen Seite aber geht es um jenen Vertrauensverlust in die Technologie-Firmen, der derzeit unter dem Schlagwort «Techlash» diskutiert wird. Dabei steht vor allem die Frage im Mittelpunkt, ob die Firmen eine angemessene Verantwortung für die Folgen ihrer Technologie übernehmen oder im Zuge ihres rigorosen Wachstumskurses die Kontrolle verloren – oder über Bord geworfen haben.

In den vergangenen Monaten sind die Firmen dabei derart häufig negativ aufgefallen, dass längst der Gesamteindruck die Details der einzelnen Fälle überschattet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2018, 08:34 Uhr

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