Und weg ist der märchenhaft gute Ruf

Der ex-Chef von BNP Paribas sagte es einmal so: Wir ticken anders als die an der Wallstreet, wir haben mehr Kultur und Stil. Die US-Justiz macht Schluss mit diesen Träumereien.

Kann es sein, dass in Paris niemand wusste, was in den Genfer Büros lief?: BNP-Paribas-Filiale in Genf. Foto: Valentin Flauraud (Bloomberg)

Kann es sein, dass in Paris niemand wusste, was in den Genfer Büros lief?: BNP-Paribas-Filiale in Genf. Foto: Valentin Flauraud (Bloomberg)

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Was hat sich die Grossbank BNP Paribas, ein Traditionsunternehmen mit langer Geschichte und hehrem Selbstbild, über die vergangenen Jahre doch selber als Modell gepriesen – als Antithese zu all diesen gierigen Finanz­instituten, die sonst noch so auf dem Weltmarkt ihr Geld machten. Unvergessen bleibt die Eigenwerbung von Michel Pébereau, der das Haus von 1993 bis 2011 wie ein König führte: «Wir sind eine universelle Bank à la française», sagte er einmal. Gemeint war: Wir ticken anders als die an der Wallstreet, wir haben mehr Kultur und Stil. So etwa.

Nun zerfasert die schöne Geschichte. Die amerikanische Justiz verurteilt BNP Paribas zur höchsten Busse, die sie je gegen eine ausländische Bank verhängt hat – die Bank wird 8,83 Milliarden Dollar bezahlen müssen. Es ist nicht abwegig, zu denken, dass die Höhe auch der Arroganz der BNP geschuldet ist: Sie mochte erst mit der Justiz zusammenarbeiten, als sie merkte, dass alles Leugnen nichts brachte und dass die Amerikaner fest entschlossen waren, hart zu bestrafen. Zwischen 2002 und 2009 (und womöglich gar bis 2012) soll BNP Paribas trotz US-Sanktionen gegen den Iran, den Sudan und Kuba Geschäfte mit ebendiesen Ländern gemacht, in Dollars abgewickelt und hinter falschen Namen kaschiert haben.

Besonders denkwürdig wirken dabei die Geschäfte mit dem sudanesischen Regime, dem Menschenrechtsverletzungen aller Art vorgeworfen wurden: Paris sieht sich ja gern als Leuchtturm der Menschenrechte. Wie schon die Credit Suisse vor einigen Wochen musste auch BNP Paribas für einen Vergleich mit den Behörden ein Schuldgeständnis machen. Nur so liess sich ein langfädiger öffentlicher Prozess und eine vielleicht noch ­höhere Strafe verhindern. Und so fragen die Franzosen jetzt recht illusionslos, ob denn am Ende nicht alle Institute, auch die vermeintlich tugendhaften, in denselben Topf gehörten. Die Pariser Wirtschaftszeitung «Les Echos» kommentierte am Montag so: «Diese Affäre wird tiefe Spuren hinterlassen.» Nicht nur in der Kasse von BNP Paribas, sondern auch im Renommee der ganzen, bereits mit Makeln behafteten Branche.

Schweiz diente als Drehscheibe

Im Zentrum des Falls steht die Genfer ­Filiale der Bank, jener Zweig, der im Handel mit Rohstoffen – hauptsächlich mit Öl und Gas – zu den Top 5 der Welt gehört. Die amerikanischen Ermittler filterten Zehntausende von Transaktionen der BNP Paribas, die über New York liefen, des Dollars wegen. Inkriminiert wurden schliesslich Transaktionen für einen Gesamtbetrag von 30 Milliarden Dollar. Alle hatten ihren Ursprung in der Schweiz, wo die grossen Akteure im Rohstoffhandel domiziliert sind.

Vor der Fusion von BNP und Paribas, Pébereaus Meisterstück 1999 im Wettstreit mit dem nationalen Konkurrenten Société Générale, war dieses Business eines der Juwelen der übernommenen Paribas. Pébereau wurde denn auch Verwaltungsrat der Genfer Aussenstelle – ein Umstand, dem in Zukunft vielleicht noch eine tiefere Bedeutung zukommen wird. Die Frage nach dem Vergleich lautet nämlich: Kann es sein, wie es die Bankleitung heute beteuert, dass in der Direktion damals niemand wusste, wie in den Genfer Büros über viele Jahre vertuscht, maskiert und gefälscht wurde?

An der Spitze von BNP Paribas sitzt seit 2011 Jean-Laurent Bonnafé, Ziehsohn und gewissermassen Erbverwalter Pébereaus. Bonnafé liess bisher nichts auf seinen Mentor kommen. Der war eine der mächtigsten Figuren des französischen Kapitalismus, eng vernetzt mit dem gesamten Establishment. Als die Finanzkrise begann, 2008, sass Pébereau oft im Büro der damaligen Wirtschaftsministerin Christine La­gar­de, der heutigen IWF-Chefin, und beriet sie. Diese zentrale Rolle dürfte nun auch erklären, warum die französische Politik sich in den Wochen vor der Büssung von BNP Paribas so vehement für die Bank engagierte. Paris beklagte sich über eine «unfaire» Behandlung. Staats­präsident François Hollande lobbyierte gar bei seinem Amtskollegen Barack Obama, der aber höflich auf die Unabhängigkeit der Justiz verwies.

Tennisturnier zur Imagepflege

Pébereau, heute 72 Jahre alt, gilt also als tabu. Bonnafé bestrafte stattdessen rund dreissig Mitarbeiter aus der Genfer Rohstoffabteilung der Bank. Ein Dutzend von ihnen musste auf US-Druck das Haus bereits verlassen. Unterdessen sind die internen Kontrollmechanismen verstärkt worden, damit «Funktions­störungen und Fehler», wie sie Bonnafé in einem E-Mail an die Belegschaft nannte, vermieden werden können. Der finanzielle Schaden lässt sich verkraften: Die Busse macht wohl ungefähr den Rein­gewinn aus, den man für dieses Jahr budgetiert hatte. Zur Debatte steht unter anderem, den Aktionären für zwei Jahre keine Dividenden auszubezahlen.

Mehr noch als die Milliarden treibt Bonnafé ohnehin die Sorge um, die Bank könnte nun, da sie ihre eigenen Moralstandards gebrochen hat, grosse Kunden verlieren. Die Affäre passt schlecht zum Selbstbild. In der Wahrnehmung des grossen, internationalen Publikums spiegelt die Bank ihre Klasse seit vielen Jahren in einem Sport, der gerade in Paris alljährlich mit rigoroser Eleganz ausgeübt wird: im Tennis – als gut sichtbarer Sponsor des Opens von Roland Garros. Weit weg vom Sudan.

Erstellt: 30.06.2014, 23:50 Uhr

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