«Uns fehlen nicht nur die Uhrmacher»

Er hegt die Goldstücke im Swatch-Konzern: Marc A. Hayek. Er beklagt den Fachkräftemangel in der Branche, äussert sich zu seinen Edelmarken und verrät, wo seine erfolgreichste Boutique steht.

«Es ist überall eng»: Marc Hayek, der Enkel des Firmengründers Nicolas Hayek, leitet die Swatch-Group.

«Es ist überall eng»: Marc Hayek, der Enkel des Firmengründers Nicolas Hayek, leitet die Swatch-Group. Bild: Keystone

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Marc A. Hayek (42), Enkel von Firmengründer Nicolas Hayek, ist Chef der Luxusmarken Blanc-pain, Breguet und Jaquet Droz. Wir haben ihn zum Abschluss der Baselworld getroffen und ihn gefragt, was denn nach den sensationellen Wachstumssteigerungen im letzten Jahr für dieses Jahr überhaupt noch drinliege.

Herr Hayek, wie sieht es aus für 2012? Erfüllen sich Ihre Erwartungen?
Es sieht gut aus. Wir sind zufrieden mit den Bestellungen, auch die Atmosphäre stimmt.

Wie gut?
Ich gehe für alle drei Marken von einer Umsatzsteigerung von zehn bis zwanzig Prozent aus.

Der Uhrenverband rechnet für die ganze Branche mit fünf bis zehn Prozent. Die Luxusmarken laufen also noch immer besser als der Rest?
Die Nachfrage ist da. Die grosse Herausforderung liegt in der Produktion, dass wir überhaupt nachkommen. Das gilt vor allem für Blancpain und Breguet. Bei Jaquet Droz ist es noch ein bisschen einfacher, da wir bei dieser Marke noch auf einem tieferen Niveau sind. Umsatzsteigerung heisst ja immer auch so und so viel hundert oder tausend Uhren mehr, und das heisst: mehr Leute. Dabei fehlen uns nicht nur die Uhrmacher, sondern auch Polisseure, Graveure, das ganze Spektrum der Metiers eben. Und dann geht es auch ums Material, die Gehäuse, die Diamanten. Es ist überall eng.

Haben Sie einen Liebling bei den drei Marken, die Sie betreuen?
Blancpain bleibt sicher immer ein spezielles Baby. Mit Blancpain verbindet mich eine lange persönliche Geschichte. Breguet macht sehr viel Freude, weil ihr Gründer die fundamentalen Probleme der Uhrmacherkunst in Angriff genommen hat, mit dem Tourbillon etwa (einem Mechanismus zum Ausgleich der Schwerkraft, die Red.). Breguet war historisch der grosse Erfinder. Dem wollen wir gerecht werden mit der Suche nach neuen Materialien, Stichwort: Silizium, nicht für das Gehäuse, sondern für die Mechanik. Jaquet Droz ist historisch sehr interessant, er war ja vor allem Automatenbauer.

Jaquet Droz hat eine ganz eigene Sprache, mit der Grande Seconde. Hat die Marke ein Potenzial ausserhalb des Kreises der Liebhaber?
Wenn wir es richtig machen, ja. Die Uhr hat etwas sehr Poetisches in der Interpretation. Die Marke wird wohl nie eine Massenmarke. Das ist auch nicht die Idee. Aber etwas grösser kann die Nische schon noch werden. In den nächsten fünf bis sieben Jahren wollen wir auf sechs- bis achttausend Stück kommen bei Jaquet Droz. Dann können wir auch weltweit präsent sein. Das ist jetzt noch nicht der Fall.

Nun waren Sie mit dem Ecrivain, dem Schreibautomaten, den Jaquet Droz vor fast 300 Jahren gebaut hat, in China. Erzählen Sie davon.
Das Interesse war gewaltig. Es war sehr emotional. Es war, als ob es sich wirklich um eine Person handeln würde. Der Auftritt in China war wichtig, eine gute Gelegenheit, die Geschichte zu zeigen, die mit den Uhren von Jaquet Droz verbunden ist. Die Automaten sind ein faszinierender Teil der Uhrmachergeschichte, der viel zu wenig bekannt ist. Wir müssen den Leuten deshalb zuerst erklären, woher wir kommen. Wir arbeiten ja daran, die Automaten wieder in die Uhren zu integrieren. Das kann nur gelingen, wenn die Leute um die Geschichte des Automatenbaus wissen. Sonst werden sie die Uhren mit Automaten, die wir machen wollen, für irgendeinen Trend halten.

Nun dürften ja einige Marken die Milliardengrenze knacken in diesem Jahr. Wie sieht es bei Ihnen aus?
Wir werden es wohl schaffen, für die drei Marken zusammen, wohlgemerkt, vielleicht sogar ein paar Monate früher als gedacht.

Wie sehen Sie die Zukunft des Vertriebs? In eigenen Boutiquen oder über Dritte?
Beides ist wichtig. In den Weltstädten wie Genf oder New York braucht es eigene Boutiquen, als Schaufenster für die Marke, auch wenn es daneben ein gutes Vertriebsnetz gibt. Ein Multibrand kann nie das ganze Sortiment anbieten und er kann nie das ganze Environment der Marke zeigen. Angefangen haben wir mit den eigenen Shops ja in den USA.

Warum?
Die Qualität stimmte nicht im Vertrieb. In den USA fehlt oft das Gefühl dafür, was es heisst, Qualitätsprodukte zu verkaufen. Die Leute denken, es laufe über den Preis, doch das stimmt nicht. Wir sind ja ganz streng bei den Rabatten. Dem Personal fehlt es an Know-how und wenn wir eine Schulung machen, dann heisst es nach ein paar Monaten bereits wieder: «Ach, der ist nicht mehr da.» Die Umstellung auf eigene Boutiquen hat sich ausbezahlt. Unsere Boutique an der Fifth Avenue in New York ist eine der erfolgreichsten der Welt. Zudem zeigt die Erfahrung der Krise von 2007 und 2008, dass es unerlässlich ist, selbst am Markt präsent zu sein.

Weshalb?
Dank der eigenen Boutiquen wussten wir 2009 schon sehr früh, dass es wieder aufwärtsgeht. Das heisst nicht, dass der Bijoutier ersetzt wird. Es braucht beide Kanäle.

Sind Sie in den USA wieder auf dem Niveau von vor der Krise?
Breguet ist wieder oben, Blancpain hat noch immer einen Nachhol-bedarf. Omega läuft auch sehr gut.

Welches ist der wichtigste Einzelmarkt?
Bei Blancpain ist es China. Mit Breguet haben wir später angefangen in China. Da liegt Hongkong noch vor China. Zu den Top vier gehören zudem die Schweiz und Russland.

Wo liegen die Zukunftsmärkte?
China bleibt sicher wichtig, auch wenn der Markt langsam in ein reifes Stadium kommt. Die Wachstums-raten werden nicht mehr so gross sein wie am Anfang. Indien hat Potenzial, wird aber wohl nie die Bedeutung bekommen wie China.

Warum?
Indien hat eine andere Kultur. Die Sensibilität fürs Produkt Uhr ist anders als in China. Bei Breguet gehört Indien inzwischen zwar zu den fünf wichtigsten Märkten, aber die Dynamik dort ist nicht mit derjenigen Chinas vergleichbar.

Erstellt: 16.03.2012, 12:18 Uhr

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