Untergangsstimmung bei Petrobras

Der marode brasilianische Ölmulti bekommt mit Aldemir Bendini einen neuen Konzernchef. Doch die Wahl lässt keine Wende zum Besseren erwarten.

Ein Demonstrant mit Rouseff-Maske protestiert gegen die Korruption bei Petrobras. Foto: Ricardo Moraes (Reuters)

Ein Demonstrant mit Rouseff-Maske protestiert gegen die Korruption bei Petrobras. Foto: Ricardo Moraes (Reuters)

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Als die mit Präsidentin Dilma Rousseff befreundete Petrobras-Chefin Gracas Foster diese Woche den Rücktritt einreichte, kam Hoffnung auf. Die Investoren schickten die Aktie um mehr als 20 Prozent nach oben, dies in der Erwartung, eine kompetente, neue Führung werde den Konzern aus dem Korrup­tionssumpf steuern. Diese Hoffnung hat sich zerschlagen. Übernommen wird ­Petrobras vom Banker Aldemir Bendini, einem Manager der alten Clique und ohne jede Erfahrung im Ölgeschäft.

Petrobras war einmal das Paradestück des «neuen Brasilien», wie es Präsident Lula da Silva mit einer Reihe von Wirtschaftsreformen zu bauen hoffte. Seitdem aber seine politische Ziehtochter Dilma Rousseff vor vier Jahren das Ruder übernommen hat, geht es nur noch bergab, und zwar in einem beängstigenden Tempo. Wenn nicht alles täuscht, wird Brasilien dieses Jahr eine Inflation von mehr als sechs Prozent, eine schrumpfende Wirtschaft sowie Wasser- und Stromengpässe erleben.

85 Prozent Marktwert verloren

Noch immer ist Petrobras der grösste Staatskonzern, obwohl er unter Rousseff 85 Prozent seines Marktwertes verloren hat. Sein Kurs gleicht indessen immer mehr dem der Titanic, und der Personalentscheid an der Spitze erinnert fatal an das Sesselrücken auf dem Deck des untergehenden Schiffs.

Der am Freitag vom Verwaltungsrat gewählte neue Konzernchef leitet derzeit den Banco do Brasil, eine mit der Regierung und den Gewerkschaften eng verbandelte Institution. Aldemir Bendini wechselt in eine Branche, in der er keine praktische Erfahrung hat. Auch als Krisenmanager, den Petrobras dringend nötig hätte, kann er nichts Konkretes vorweisen.

Die Wahl ist nur die letzte in einer langen Serie von negativen Meldungen aus dem Konzern. So ist der letzte Geschäftsabschluss noch immer nicht in Ordnung, da sich die Revisionsstelle weigert, die Bücher angesichts der immensen und noch nicht völlig absehbaren Korruption zwischen Unternehmen, Regierung und Gewerkschaften abzunehmen.

Die Enttäuschung an der Börse in São Paulo war gross. Die Banco do Brasil sei eine Bank, die jenen Baukonzernen die höchsten Kredite gewährt hatte, die immense Vermögenswerte aus Petrobras absaugten, hiess es. Die Wahl von Bendini sei aber zugleich ein Hinweis darauf, dass sich unabhängigere Manager bei Petrobras nicht verheizen lassen wollten.

Tief im Sumpf der Korruption

Petrobras müsste dank den gewaltigen Tiefsee-Vorkommen an sich stabil aufgestellt sein. Aktuelle Berechnungen zeigen aber, dass der Konzern dieses Jahr 20 bis 25 Milliarden Dollar an zusätzlichen Mitteln braucht, um zu überleben. Eine Sanierung kann nur mit einer Mischung von scharfen Investitionskürzungen, Verkäufen von Erdöl- und Erdgasfeldern sowie zusätzlichen Schulden erreicht werden. Allerdings wurde der Konzern diese Woche mit einem hohen Kreditrisiko ausgestattet, was die Neuverschuldung sehr teuer machen wird.

Die Sanierung des Unternehmens ist für Rousseff eine Aufgabe von höchster Priorität. Zahlreiche Firmen haben wegen der ausstehenden Schulden des Konzerns keinen Zugang zum Kapitalmarkt mehr, was die darbende Wirtschaft weiter belastet. Die Präsidentin selber wird nicht der Korruption verdächtigt, doch gehen die Justizbehörden davon aus, dass ihre Arbeiterpartei mitten im Bestechungswirbel steckt und davon profitiert. Parteisekretär João Vaccari Neto wurde diese Woche zum ersten Mal einvernommen.

Selbst wenn die Notbaustellen bewältigt werden, verfügte Petrobras Ende Jahr nur über ein Polster von acht Milliarden Dollar. Die Konstellation verheisst nichts Gutes, fassen Wallstreet-Analysten zusammen. Gut denkbar ist deshalb, dass die Gläubiger ihre Forderungen ­teilweise abschreiben müssen und die Aktionäre noch vor einer langen Phase der Unsicherheit stehen.

Erstellt: 06.02.2015, 22:34 Uhr

Aldemir Bendini, neuer Konzernchef.

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