Verliert Wikipedia den Anschluss an die Zukunft?

Dem Freiwilligenprojekt fehlt der Nachwuchs, PR-Firmen nützen dies aus und beschönigen Einträge.

Supermodel Naomi Campbell liess Hinweise auf miese Kritiken für ihr Album «Babywoman» aus Wikipedia entfernen. Foto: Keystone

Supermodel Naomi Campbell liess Hinweise auf miese Kritiken für ihr Album «Babywoman» aus Wikipedia entfernen. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Entstanden ist das Onlinelexikon Wikipedia vor 15 Jahren, als noch überall ein PC auf den Pulten stand. Geprägt wird es noch heute von der Gründergeneration, obwohl die mobile Kommunikation und die Social-Media-Plattformen das Nutzerverhalten völlig verändert haben. Dies schreckt jüngere Mitarbeiter ab, erschwert die Aktualisierung des Werkes und schafft Lücken, die durch professionelle Schönschreiber gefüllt werden.

Das Dilemma für die mehr als 30 000 Freiwilligen, die Wikipedia auf dem aktuellem Stand zu halten versuchen, spitzt sich mit jedem Tag zu. Vor zwei Jahren musste die damalige Geschäftsführerin Sue Gardner schon einräumen, dass die Webseite nicht mehr zeitgemäss daherkomme. «Alles sieht so aus wie im Jahr 2001», sagte sie. Die Seite sei noch immer so gestaltet sei, als ob sie nur von PC-Nutzern gebraucht und eben auch nur von «verkrusteten» Altherren betreut werde. Was fehle, sagte sie, sei ein schlanker Zugang für mobile Nutzer und die Verbindung zu Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter.

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales will mit der Selbstkritik nicht so weit gehen, doch auch er meint, es fehlten jüngere Mitarbeiter, Frauen und Betreuer in Asien oder Afrika. Verwaltet wird Wikipedia überwiegend von Experten in den USA und Europa. Zudem sind 85 Prozent der Freiwilligen Männer, deren Beiträge übrigens in der Regel auch deutlich länger sind als jene von Frauen.

Überforderte Betreuer

Bevor Einträge erscheinen, werden sie von einer Gruppe von mehr als 600 «Administratoren» kritisch geprüft, ergänzt, verbessert oder schlicht in den Abfallkorb geworfen. Dafür steht ihnen ein komplexer Software-Code zur Verfügung, der gegen Fälscher, Schwindler und Witzbolde schützen soll. Doch exakt dieser aufwendige und hierarchische Arbeitsprozess stösst immer mehr an die Grenze der Machbarkeit. Schon vor der Ausbreitung der Smartphones zeigten sich neue Mitarbeiter oft überfordert und stiegen nach wenigen Monaten wieder aus. «Nicht einmal unsere jüngsten und computererfahrensten Mitarbeiter können die Aufgabe ohne Mühe ausführen», lautete 2009 das Fazit einer Befragung.

Die Schwierigkeit, Nachwuchs zu finden, schlägt auch auf die Zahl der wichtigen, für Konstanz und Konsistenz sorgenden «Administratoren» durch. Auf dem Höhepunkt seiner Geschichte 2006 machte Wikipedia pro Monat oft mehr als 60 Freiwillige zu Administratoren. Letztes Jahr war es pro Monat noch ein Freiwilliger, wenn überhaupt. Parallel dazu ist auch die Zahl der Artikelzuträger von 51 000 auf 31 000 gesunken. «Der Vorrat an potenziellen Wikipedia-Redaktoren könnte mit der steigenden Zahl von mobilen Nutzern ganz austrocknen», warnt Andrew Lih, Journalistikprofessor an der American University. «Es ist einfach zu schwer, den komplexen Software-Code auf einem winzigen Bildschirm eines Smartphones zu bearbeiten.»

Die Wikimedia-Stiftung arbeite an Lösungen, schreibt Lih in einer Story über Wikipedia, doch diese schafften neue Spannungen. So wurden die Mitarbeiter der deutschen Seite 2014 dazu gezwungen, eine neue Software für Multimedia-Inhalte einzusetzen. Ergänzt wurde diese mit einer «Superschutz»-Sperre, die Mitarbeiter hindern sollte, den früheren Zustand wiederherzustellen.

Der Zwist zwischen der Gründergeneration und jüngeren Freiwilligen fasst Verwaltungsrätin Maria Sefidari so zusammen: «Einige Gemeinschaften sind so veränderungsunfähig und innovations­resistent geworden, dass sie im Jahr 2006 stecken zu bleiben drohen.» Der Rest der Internetgemeinde richte sich derweil bereits auf das Jahr 2020 und die nächsten drei Milliarden Nutzer aus.

«Negative Publizität» gelöscht

Je weniger Mitarbeiter aber für noch mehr Einträge zuständig sind, desto grösser die Gefahr der Überforderung oder, schlimmer noch, der Irreführung. Professionelle Weisswäscher haben beispielsweise die Einträge für das Supermodel Naomi Campbell, die Sängerin Sarah Brightman und die Schauspielern Mia Farrow von kritischen, aber korrekten Angaben gesäubert. Alle drei werden von der PR-Firma Sunshine Sachs vertreten, wie die «New York Times» berichtet. Einer der PR-Berater frisierte die Einträge, ohne sein berufliches Interesse offenzulegen. So wurde die Seite von Mia Farrow offenbar allein in diesem Jahr 18 Mal geschönt, unter anderem so, dass die «negative Publizität» eines Ecuadors-Besuchs gelöscht wurde. Bei Naomi Campbell wurde die Notiz entfernt, dass sowohl Kritiker wie Käufer ihr Album «Babywoman» als Debakel betrachteten.

Wikipedia verlangt seit einem Jahr, dass Mitarbeiter offenlegen, wenn sie mit ihren Einträgen berufliche Interessen vertreten. Dass aber Sunshine Sachs auch anschliessend noch Einträge schönschreiben konnte, verdeutlicht, wie schwer die Aufgabe für die Freiwilligen geworden ist.

Die Frage stellt sich: Kann Wikipedia diesen Sturm überleben? Andrew Lih hat keine abschliessende Antwort zur Hand, nur eine Warnung. «Kein Effort in der Geschichte hat so viel Information zu so geringen Kosten in die Hände von so vielen gelegt.» In einem Zeitalter der profitgetriebenen Internetriesen wäre deshalb der selbstlose Einsatz der «Wikipedians» jeden Rettungsversuch wert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2015, 22:42 Uhr

Artikel zum Thema

Bruderzwist bei Wikipedia

Die Digitale Allmend verfolgt ähnliche Ziele wie das Onlinelexikon. Trotzdem soll der Beitrag über den Schweizer Verein nun gelöscht werden. Mehr...

Wikipedia-Mitbegründer will die Medien revolutionieren

Der Unternehmer und Philosoph Larry Sanger hat mit Wikipedia das Internet grundlegend verändert. Jetzt nimmt er sich die Medien zur Brust. Mehr...

Affen haben kein Urheberrecht

Im Streit um das Copyright an einem Affen-Selfie erhält Wikipedia Rückendeckung von der zuständigen US-Behörde. Der Fotograf, mit dessen Kamera das Foto entstand, zieht nun vor Gericht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Keine ruhige Fahrt: Möwen fliegen über einen Mann, der am frühen Morgen in Neu Dehli mit seinem Boot über den Fluss gleitet. (21. November 2018)
(Bild: Anushree Fadnavis) Mehr...