Verlockende Reserven

Die US-Regierung erlaubt Shell erste Bohrungen nach Öl und Gas in der Arktis. Das birgt Risiken.

Riskantes Vorhaben: Shell darf in der Arktis nach Öl bohren.

Riskantes Vorhaben: Shell darf in der Arktis nach Öl bohren. Bild: Keystone

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Mit seinem Entscheid, das Eismeer vor der Küste von Alaska für die kommerzielle Öl- und Gasproduktion freizugeben, führt der US-Präsident seine widersprüchliche Umweltpolitik weiter. Die bewilligten Probebohrungen durch die britisch-holländische Royal Dutch Shell bergen enorme Risiken für die Gewässer und Fischbestände, ohne dass der Konzern durch seine bisherigen Aktivitäten im hohen Norden genug Garantien für die Sicherheit geliefert hätte. Wenn Barack Obama trotzdem grünes Licht gibt, dann aus geopolitischen Gründen: Die USA wollen den neu erlangten Status als grösste Ölproduzentin der Welt behaupten – um jeden Preis.

Wie riskant das Vorhaben ist, zeigen die Pläne von anderen, ebenfalls am Nordpolarmeer interessierten Konzernen. Die amerikanische ConocoPhillips und die norwegische Statoil begruben ihre Bohrpläne, nachdem Shell mit den ersten Sondierungsarbeiten grosse Schwierigkeiten gehabt hatte. Die französische Total sieht das Vorhaben als Unsinn, und die italienische Eni liess ihre Bohrbewilligung in der Arktis ungenutzt verfallen, weil das Vorhaben zu teuer und zu riskant schien.

30 Milliarden Fass Öl

Doch Obama glaubt an die Machbarkeit des Projekts, weil ihn seine eigenen Umweltexperten davon überzeugt haben. Die Explorationsbewilligung ist an mehrere Bedingungen gebunden, die eine Katastrophe verhindern sollen. So muss Shell permanent zwei Bohrplattformen vor Ort in Betrieb halten, um ein Leck rasch abdichten zu können. Umweltschützer warnen, dass auch diese teure und von Shell abgelehnte Doppelsicherung nicht ausreicht, da die Ölfelder mehr als 1600 Kilometer von der nächsten Einsatzzentrale der Coast Guard entfernt liegen.

Shell scheint jedoch wild entschlossen, vorwärtszumachen. Die Öl- und Gasfelder in der Tschuktschensee an der Nahtstelle zwischen Amerika und Asien Reserven sind zu verlockend. 30 Milliarden Fass sollen im Meeresboden liegen – so viel, wie die USA in etwa vier Jahren konsumieren. Der Konzern hat bereits 6 Milliarden Dollar in die Vorarbeiten investiert und setzte Obama unter Druck. Er drohte mit einer Schadenersatzklage, nachdem George W. Bush eine erste Bewilligung zum Preis von 2,1 Milliarden Dollar erteilt hatte.

Trotz der Sachzwänge steckt der Entscheid voller Widersprüche. Obama lehnt seit Jahren die Bewilligung einer neuen Pipeline von Kanada nach Texas ab, weil sie angeblich zu hohe Umweltrisiken birgt. Dafür muss immer mehr Rohöl per Bahn zu den Raffinerien in den USA transportiert werden. Die Schäden durch die regelmässigen Unfälle der Ölzüge allerdings nimmt Obama in Kauf, weil er die Keystone-Pipeline nicht gegen den Widerstand in zwei, drei wahlstrategisch wichtigen Bundes­staaten durchsetzen will.

Obamas Dilemma

In der menschenleeren Arktis droht kein Widerstand. Niemand zieht mit Protestplakaten durch die Strassen. Hier findet sich nur eine grosse Migrationsroute von Meeres­tieren, darunter die mächtigen Grönlandwale. Und hier ist auch der Schauplatz des Kampfes um die letzten grossen Rohstoffreserven der Welt. Russland, Kanada, China, skandinavische Länder und die USA balgen sich um die Ausbeutung dieser Rohstoffe, die durch die beschleunigte Eisschmelze begünstigt wird. Der Entscheid der Regierung Obama erscheint aus dieser Optik mindestens erklärbar. Die USA wollen ihre neue Rolle als grösste Ölproduzentin vor Saudiarabien sichern, können dies aber nur, wenn sie in alle Regionen vorstossen.

Das Pokerspiel muss nicht mit einer Umweltkatastrophe enden. Aber es untergräbt die Glaubwürdigkeit einer Regierung, die meinte, eine neue Runde der Klimaverhandlungen anstossen zu können. Doch beides ist nicht zu haben. «Alle arktischen Vorräte müssen als nicht verbrennbar behandelt werden», warnten Klimaforscher kürzlich im Fachmagazin «Nature». «Unsere Arbeiten zeigen, dass der Instinkt der Politiker, die fossilen Energien rasch und komplett auszubeuten, ihrer Zustimmung zu einem maximalen Temperaturanstieg (von zwei Grad) widerspricht.» Obama wird mit seinem Entscheid nicht mehr behaupten können, den Klimawandel als echtes Grossrisiko für die Welt zu behandeln.

Erstellt: 15.05.2015, 22:07 Uhr

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