Verlustreiche Auslandabenteuer der Swisscom

Heute wurde bekannt, dass die Swisscom mit dem italienischen Fastweb einen Milliardenverlust einnehmen muss. Es ist nicht das erste Ausland-Engagement, das für die Telekomfirma im finanziellen Disaster endet.

Auf der Suche nach Wachstum im Ausland – mit mässigem Erfolg: Swisscom CEO-Carsten Schloter.

Auf der Suche nach Wachstum im Ausland – mit mässigem Erfolg: Swisscom CEO-Carsten Schloter. Bild: Keystone

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Das Wachstumspotenzial auf dem Telekommarkt in der Schweiz ist begrenzt. Das verleitet die Swisscom seit Anfang der 90- Jahre und insbesondere seit der Liberalisierung des Fernmeldemarktes 1998 dazu, Beteiligungen im Ausland einzugehen. Die Abenteuer waren die Reise ins Ausland indes oft nicht wert.

Erste Auslandbeteiligungen gingen zwischen 1993 und 1997 über die Bühne. Damals hatte sich die Swisscom (respektive ihre Vorläuferin Telecom PTT) mit 2 Milliarden Franken an ausländischen Gesellschaften in Ungarn, Indien, Malaysia und Baden-Württemberg (Tesion) sowie an der paneuropäischen Telekom-Gesellschaft Unisource beteiligt.

Die Investitionen in Ungarn, Indien und Malaysia erwiesen sich als verlustreich, so dass die Swisscom 1999 den Ausstieg beschloss. Auch aus dem Geschäft mit Tesion zog sie sich zurück. Unisource wurde aufgelöst.

Milliardenabschreiber bei Debitel

An Debitel, der drittgrössten Mobilfunkanbieterin Deutschlands, hielt die Swisscom von 1999 bis 2004 eine Mehrheitsbeteiligung. Sie verkaufte sie an die Telco Holding in Luxemburg und verlor 3,3 Milliarden Franken.

Von 1989 bis 2004 war die Swisscom mit 17,7 Prozent am US-Telekom- Unternehmen Infonet beteiligt, das Sprach- und Datenübertragungen für multinationale Firmen anbietet. 2004 verkaufte sie die Beteiligung für rund 200 Millionen Franken an die British Telecom (BT).

Die teilweise verlustreichen Auslandbeteiligungen der Swisscom wurden mehrfach untersucht. Ein unkorrektes Verhalten konnte ihr nicht nachgewiesen werden.

Bundesrat stoppt Irlandgeschäft

Erfolglos blieben Übernahmeversuche 2004/05 von Cesky Telecom und Telekom Austria. Bei Cesky Telecom gewann die spanische Telefónica das Bieterrennen, die Telekom-Austria-Übernahme scheiterte am Widerstand von Politik und Gewerkschaften in Österreich.

Erfolgreich war 2005/06 die Übernahme der ungarischen TV- und Radiosendeanlagenbetreiber Antenna Hungaria (AH). Die Swisscom setzte sich hier gegen die Konkurrenten Macquarie (Australien) und den Staatssender ORF aus Österreich durch.

Wirtschaftlich und politisch heikler war die im Herbst 2005 angestrebte Swisscom-Übernahme der irischen Eircom. Am 25. November 2005 verbot der Bundesrat als Mehrheitsaktionär unter dem Druck des damaligen Bundesrates Christoph Blocher die Übernahme, da diese zu teuer und die Risiken für den Bund als Mehrheitsaktionär zu gross seien. Das Thema Eircom führte zu einer breiten Debatte um die Bundesbeteiligung und die Privatisierung der Swisscom.

In den strategischen Zielen für die Swisscom vom 21. Dezember 2005 legte der Bundesrat fest, dass eine Beteiligung an ausländischen Telekommunikationsfirmen ohne Grundversorgungsauftrag nur möglich ist, wenn diese das Kerngeschäft im Inland unterstützen. Diese Neuausrichtung führte am 20. Januar 2006 zum Rücktritt von Swisscom-Konzernchef Jens Alder.

Milliardenabschreiber wegen Fastweb

Unter der Führung seines Nachfolgers Carsten Schloter übernahm die Swisscom im Jahre 2007 für 6,9 Milliarden Franken das italienische Telekomunternehmen Fastweb, den zweitgrössten Festnetzanbieter Italiens. Fastweb war technologisch führend und weltweit der erste Anbieter von internetbasiertem Fernsehen (IPTV).

2010 kam ein Betrugsskandal ans Tageslicht. Fastweb und die Telecom-Italia-Tochter Sparkle sollen in den Jahren 2003 bis 2006 in Geldwäscherei und Steuerhinterziehungen mit mafiösem Hintergrund verwickelt gewesen sein. Über die beiden Firmen sollen mit erfundenen internationalen Telefondienstleistungen insgesamt mehr als 2 Milliarden Euro an illegalen Geldern gewaschen worden sein. Die Swisscom musste daraufhin 70 Millionen Euro (102 Millionen Franken) zurückstellen.

Die vorerst letzte Hiobsbotschaft folgte Mitte Dezember 2011. Die Swisscom musste aufgrund starker Wertminderungen von Fastweb insgesamt 1,3 Milliarden Euro abschreiben. Das reisst den Gewinn des «Blauen Riesen» im 2011 um 1,2 Milliarden Franken in die Tiefe.

Schloter wehrt sich

Swisscom-Chef Schloter verteidigte am Mittwoch in einer Telefonkonferenz gewisse Auslandsengagements: Nicht alle seien Flops gewesen. «Die Beteiligung an Antenna Hungaria war erfolgreich», sagte Schloter.

Und aus gewissen Auslandsengagements sei die Swisscom zu früh ausgestiegen, als erste Schwierigkeiten aufgetaucht seien. Die Gesellschaften in Malaysia und Indien seien später zu einem vielfach höherem Preis verkauft worden. (mrs/sda)

Erstellt: 14.12.2011, 21:08 Uhr

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