Leistungsdruck

«Viele Bankangestellte greifen zu Medikamenten»

Bankmitarbeiter leiden unter dem Leistungsdruck der Branche, sagt Denise Chervet, Zentralsekretärin des Bankpersonalverbands. Sie fordert von den Instituten, etwas gegen die vielen Überstunden zu tun.

Stetig wachsender Druck: Bankangestellte in Zürich.

Stetig wachsender Druck: Bankangestellte in Zürich. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Leiden Ihre Mitglieder unter dem Image des «Bankers»?
Sicher. Die meisten Bankangestellten sind normal verdienende Arbeitnehmer.

Aber die Anliegen der Angestellten von Banken geniessen wohl nicht so grosse Sympathien wie jene anderer Berufsgruppen ...
Das ist ein echtes Problem. Man denkt, dass ein Bankangestellter jemand ist, der 200'000 Franken plus Bonus verdient. Dem ist aber nicht so. Viele Bankangestellte verdienen unter oder um 100'000 Franken pro Jahr. Diese Löhne sind vergleichbar mit solchen von Verwaltungsangestellten oder Lehrern. Und der Druck, der in den Banken herrscht, ist an der Limite des Akzeptierbaren.

Welche Banken sind die schlechtesten Arbeitgeber?
Ich will keine Namen nennen, in den international tätigen Banken ist der Leistungsdruck aber am grössten. Es sind meist kleinere Banken, wo die Bedingungen noch anständig sind. Dies trifft auch auf die Berner Kantonalbank zu. Doch auch bei den Lokalbanken gab es Fusionen, Angestellte wurden nach 30 Jahren entlassen.

Was plagt die Bankangestellten derzeit am meisten?
Sie erleben eine grosse Unsicherheit, wie es mit der Branche und mit ihrem Arbeitgeber weitergeht. Der Leistungsdruck ist gross, die Angestellten haben Angst, die Stelle zu verlieren. Zudem müssen sie befürchten, für Tätigkeiten angeklagt zu werden, die früher legal waren. Und sie müssen Angst haben, dass ihr Name in einer Datenlieferung an die USA auftaucht.

Ihr Verband beklagt auch, dass die Bankangestellten in den Ferien erreichbar sein müssen.
Ja, das ist ein verbreitetes Problem. Unsere Mitglieder klagen, dass sie immer erreichbar sein müssen. Gewisse Chefs erwarten heute, dass die Angestellten in den Ferien E-Mails lesen und womöglich auch das Telefon abnehmen.

Sie sagten gestern vor den Medien, die Banken müssten mehr für die Gesundheit ihrer Angestellten tun, als nur das Fitnessabo zu vergünstigen. Wo liegt das Problem?
Um dem Druck standzuhalten, greifen viele zu Medikamenten. Andere werden krank, haben etwa ein Burn-out. Wir fordern erstens, dass die Arbeitszeit besser eingehalten wird, und zweitens, dass die Personalkommissionen auch zum Thema Gesundheit angehört werden. Etwa wenn es um die Einrichtung von Grossraumbüros, in denen es lärmig ist und sich die Angestellten kontrolliert fühlen.

Sie bemängeln, dass ein Bankangestellter pro Jahr im Schnitt 110 Überstunden anhäuft, die nicht kompensiert werden. Gehört dies nicht einfach zu einer gut bezahlten Stelle?
Berufseinsteiger haben vielleicht kein Problem damit, lange zu arbeiten. Aber auf die Dauer ist der Körper erschöpft, wenn er zu lange arbeiten muss. Es kann zudem familiäre Probleme geben. Die Banken brauchen nicht nur junge Angestellte mit viel Testosteron, sondern auch erfahrene Leute, die mit Risiken umgehen können. Wenn die Banken so weitermachen, fehlen ihnen am Schluss die risikobewussten, älteren Leute.

Die Überstunden sind aber wohl eher bei den höheren Gehaltsstufen ein Problem als beim einfachen Schalterpersonal.
Bei den Schalterangestellten zwar eher weniger, doch sogar sie müssen teilweise nach ihren fixen Stunden noch Aufgaben erledigen. Bei den Kundenberatern ist das Problem ziemlich gross – dürfen sie Mittagessen mit Kunden oder Veranstaltungen am Abend als Arbeitszeit aufschreiben? Auch für jene, die mit dem Ausland zu tun haben – etwa Devisenhändler –, ist es wegen der Zeitverschiebung schwierig, die Arbeitszeiten einzuhalten.

Nur 5 Prozent der Bankangestellten in der Schweiz sind Mitglied beim Bankpersonalverband. Vielleicht wären es mehr, wenn Ihr Verband nicht dem linken Gewerkschaftsbund angehörte?
Die Bankangestellten haben eine eher individualistische Haltung. So handeln sie auch ihre Löhne individuell aus. Wir stehen politisch nicht links, in unserer Geschäftsleitung haben wir auch Vertreter der bürgerlichen Parteien.

Dann weichen Ihre Positionen von jenen des Gewerkschaftsbunds ab?
Ja, wir übernehmen nicht alle Forderungen des Gewerkschaftsbunds.

Trotzdem: Bankangestellter und Gewerkschaftsmitglied – das geht nur schwer zusammen.
Wir haben sogar Direktoren als Mitglieder! Aber die meisten arbeiten im unteren und mittleren Kader – sie leiden unter der grossen Belastung des Berufs. Aus den tiefsten Lohnstufen haben wir leider nur wenige Mitglieder.

Sie haben für die Bankangestellten eine Lohnerhöhung von 1,5 Prozent gefordert. Waren Sie erfolgreich?
Nein, leider nicht. Dabei konnten viele Banken gute Zahlen vorweisen. Wir sind der Meinung, dass die Gewinne besser in die Arbeitsplätze investiert statt als Dividenden ausgeschüttet werden. Es geht uns nicht um die Topverdiener, sondern um jene mit kleinen Löhnen.

Was gilt als «kleiner Lohn»?
Wir sprechen von Löhnen unter 100'000 Franken pro Jahr. Einsteiger beginnen aber bei 50'000 Franken pro Jahr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.01.2013, 07:18 Uhr

Denise Chervet ist Zentralsekretärin der Schweizerischen Bankpersonalverbands. Dieser hat seinen Sitz in Bern und zählt rund 8000 Mitglieder. (Bild: PD)

Artikel zum Thema

Banken verdienen an falschen Libor-Zinsen

Hintergrund Ob Rechnungsfehler oder Aufrundungen: Abweichungen gehen immer zulasten der Kunden. Mehr...

Wofür Banken 2013 Geld ausgeben

Analyse Vergessen Sie Libor-Milliardenbussen und Steuerbetrugsprozesse: Was im Schweizer Banking wirklich einschenkt, sind bürokratische Aufrüstungen. Wegen der Kosten müssen Tabus gebrochen werden, sagen Experten. Mehr...

«Warum sollen Banken besser fahren als andere Delinquenten?»

Professorin Monika Roth kritisiert die Finma: Diese zeige Banken, die Gelder aus Korruption waschen, nicht an. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Es sammelt sich nur der Staub in ihnen: Frauen zerschmettern in Indien Töpfe aus Ton, um gegen den Mangel an Trinkwasser zu protestieren. (16. Mai 2019)
(Bild: Amit Dave) Mehr...