Hintergrund

Viele Kopfnicker, wenig Verwaltungsräte

Die Zurich hat zwei überaus turbulente Jahrzehnte hinter sich. Das Sagen hatten die Konzernchefs, nicht die Verwaltungsräte.

Rückschlag: Das Logo der Zurich.

Rückschlag: Das Logo der Zurich. Bild: Steffen Schmidt/Keystone

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Das waren noch Zeiten, die zweite Hälfte der 90er-Jahre. Damals waren der Verwaltungsratspräsident und der Konzernchef des Versicherungskonzerns ein Herz und eine Seele. Was der eine tat, fand der andere gut. Und umgekehrt. Konzernchef war Rolf Hüppi. Rolf Hüppi hiess auch der Präsident. Der forsche Macher und Exzentriker führte den Konzern im Alleingang – zuerst in einsame Höhen, dann an den Rand des Abgrunds. Niemand schaute ihm auf die Finger. Hüppi beaufsichtigte sich selbst.

Im Juni 1995 machte Fritz Gerber, bis zu diesem Zeitpunkt Präsident der Zürich Versicherungs-Gesellschaft, den Weg frei für Hüppi. Der damalige Zürcher Volkswirtschaftsdirektor Ernst Homberger bezeichnete an der Generalversammlung die Erfolgsstory der Zürich-Gruppe als persönliche Erfolgsgeschichte Gerbers. Er hatte die Zürich durch verschiedene Zukäufe zu einem namhaften Konzern gemacht.

In den Augen von Gerbers Ziehsohn Hüppi – damals 52-jährig – waren das reine Sandkastenspiele seines Vorgängers. Er sah sich und die Versicherungsgruppe zu Höherem berufen. Charismatisch und vor Selbstsicherheit sprühend, erlag er einem Einkaufsrausch: Er kaufte den Chicagoer Vermögensverwalter Kemper, ein Jahr später den Vermögensverwalter Scudder in New York, 1997 fusionierte er die Zürich mit dem Finanzgeschäft der britischen Tabakgruppe BAT. Nur logisch, dass dies das Ende des Ü bedeuten musste. Hüppi blieb zwar Hüppi. Aus der Zürich wurde aber die Zurich Financial Services. Aus der Versicherungsgruppe wurde ein globaler Finanzdienstleistungskonzern.

Vom Blender zum Langweiler

Der Verwaltungsrat mit Präsident Hüppi an der Spitze nickte alles ab. Es kam, wie es kommen musste. Im Herbst 2000 brach der Gewinn massiv ein. Der Verwaltungsrat reagierte nicht. Im Januar 2002 schrieb die Wirtschaftszeitung «Cash» unter dem Titel «Rolf Hüppis Aussitzrat», das Gremium sei wie gelähmt. Hüppi sagte öffentlich, er bleibe. Im Februar gab er seinen Rückzug auf das Präsidium bekannt. Im April verabschiedete er sich endgültig von der Zurich.

Zum neuen Präsidenten wählten die Aktionäre im Mai Lodewijk van Wachem, Niederländer, langjähriger Ölmanager und unter Hüppi Vizepräsident. Als Vize hatte man ihn öffentlich nicht wahrgenommen, als Präsident sollte man ihn in den kommenden drei Jahren nicht wahrnehmen. Seine von aussen einzige erkennbare Leistung in der Folgezeit war die, dass er den neuen Konzernchef, den US-Amerikaner James Schiro, den Scherbenhaufen Hüppis zusammenkehren liess.

Sicher durch die Finanzkrise

Schiro wurde von vielen als graue Maus belächelt. Als gelernter Buchhalter und späterer Revisor verkörperte er den Anti-Hüppi, den Nicht-Blender. Er kokettierte geradezu damit, aus der Zurich ein langweiliges Unternehmen machen zu wollen. Am liebsten referierte er über «The Zurich way» – die Erkenntnis, dass nur der vorsichtige und fachlich kompetente Umgang mit dem Risiko den Versicherer zum Erfolg führen kann.

Knapp drei Jahre lang Langeweile, Schrumpfkur und Aufräumen unter Schiro. Dann verkündete er: «The turnaround is done» – die Wende ist geschafft. Van Wachem war zufrieden, trat ab, es kam ein neuer Präsident: Manfred Gentz, Deutscher, mit langer Karriere beim Autokonzern DaimlerChrysler.

Schiro blieb sich treu, liess sich auf keinerlei Abenteuer ein, führte den Konzern sicher durch die Finanzkrise. Nur in einem eiferte er seinem Vorgänger Hüppi nach: Auch er führte mit straffer Hand. Der Verwaltungsrat schaute zu, freute sich über die sturmfreien Zeiten und wählte mit Martin Senn den Nachfolger Schiros. Das Ü ist definitiv abhandengekommen. Anfang 2012 ist aus der Zurich Financial Group aber wieder eine Insurance Group geworden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2013, 18:59 Uhr

Der Aktienkurs und die CEOs der Zurich Insurance Group. (Bild anklicken um zu vergrössern) (Bild: TA-Grafik mrue/ Quelle: Swissquote/ Fotos: Keystone)

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