Hintergrund

«Vive la France» in Postauto-gelb

Erst kürzlich hat die Postauto AG in Frankreich einen 40-Millionen-Auftrag gewonnen. Warum das Land des Savoir vivre für die Schweizer Transportfirma so wichtig ist – und wo es Probleme gibt.

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Gelbe Postautos, die durch die Schweizer Landschaft rollen. Auch in Frankreich rollen sie – wenn auch nicht immer in Gelb, doch unter der Führung der Postauto Schweiz AG. Ihre Tochter Car Postal France betreibt mehrere Verkehrsnetze im westlichen Nachbarland. Kürzlich hat sie ihren neuesten Auftrag gewonnen: Den Betrieb des Nahverkehrsnetzes in der Stadt Salon-de-Provence. Das fünfjährige Engagement hat ein Volumen von rund 40 Millionen Euro, dazu erhöht sich der Personalbestand um 80 Mitarbeitende.

Begonnen hat das Frankreich-Abenteuer von Postauto im Jahr 2004. «Wir prüften Auslandengagements in Deutschland, Österreich und Frankreich», sagt René Böhlen, Leiter Public Affairs bei Postauto, gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Uns interessierte das Land besonders, weil Frankreichs Markt besonders liberalisiert ist und immer wieder Busnetze ausgeschrieben werden.» Postauto bewarb sich um den ausgeschriebenen Busbetrieb von Dôle im französischen Jura und erhielt den Zuschlag. Was folgte, war eine Reihe weiterer Aufträge, nachdem diverse Stadtbehörden auf den Erfolg der Postauto-Tochter Car Postal France aufmerksam geworden waren.

Andere Länder, andere Sitten

Ganz einfach war der Einstieg für die Schweizer jedoch nicht: Es gab interkulturelle Differenzen zu überwinden, so zum Beispiel die Streikkultur. «Diese ist in Frankreich etwas Alltägliches und Normales, während man in der Schweiz eher den Arbeitsfrieden kennt und wahrt», so Böhlen. Aus diesem Grund baute Car Postal eine Krisenorganisation auf. So müsse man bei Streiks nicht gleich den ganzen Betrieb einstellen oder mit sonstigen Beeinträchtigungen kämpfen. Seit anderthalb Jahren gehe es nun ruhiger zu und her.

Anders als in der Schweiz fand das Unternehmen mancherorts weder Taktfahrpläne noch Anschlussmöglichkeiten an Knotenpunkten vor. Das änderte man, zudem führte man ein ÖV-Grundangebot über den Tag verteilt ein. Und siehe da: Die Nachfrage stieg sprunghaft an. «Als wir zum Beispiel in Villefranche nahe Lyon den Fahrplan regelmässiger gestalteten, hatten wir dort bald 33 Prozent mehr Passagiere als vor unserem Einstieg», so Böhlen.

Gegen grosse Konkurrenten gewonnen

Mit den Jahren wuchs das Frankreichgeschäft der Postauto AG um immer mehr Busnetze. Jeweils bestehende Netze wurden übernommen und überarbeitet. Es wurde zunehmend aufwendig, die Auslandaktivitäten aus der Schweiz zu steuern. So gründete Car Postal 2008 einen Hauptsitz, zuerst in Bourg-en-Bresse und vor zwei Jahren in Lyon. Dort arbeiten hauptsächlich Franzosen. Dazu betreut ein mehrsprachiger Verantwortlicher mit seinem Team am Postauto-Hauptsitz in Bern die Auslandengagements des Unternehmens.

Mit dem Zuwachs an Busnetzen ruht sich Car Postal jedoch nicht auf den Lorbeeren aus. Die Verträge laufen jeweils einige Jahre, und anschliessend wird der Betrieb eines Netzes wieder ausgeschrieben. Car Postal muss sich, wie andere Kandidaten, darum bewerben. «Während Netze von Car Postal in Narbonne oder Obernai an die Konkurrenz weggingen, konnten wir sie im Elsass und im französischen Jura erfolgreich verteidigen», sagt Böhlen. Zu den Mitbewerbern gehören auch grosse Betreibergesellschaften, darunter die international tätige französische Firma Veolia oder die britische Stagecoach. «Wir sind im Vergleich ein kleiner Nischenplayer», so der Postauto-Sprecher. Das bestätigt auch Christian Laesser, Professor am Research Center for Tourism and Transport der Universität St. Gallen: «Die Schweiz ist nicht gerade ein Land, das im Transport global gross tätig ist.»

«Swiss made gilt vielerorts als vertrauenswürdig»

Mit Car Postal gewann also ein kleiner Wettbewerber anstelle der grossen einige Ausschreibungen. Wie kommt es, dass David den Goliaths die Stirn bietet? «Wir konnten mit den Behörden eine Vertrauensbasis aufbauen. Als Schweizer Unternehmen geniessen wir einen guten Ruf.» Böhlen glaubt, dass Schweizer Imagewerte wie Zuverlässigkeit und Sicherheit einen grossen Einfluss haben bei der Bewerbung um den Betrieb von Busnetzen. «Dies ermöglichte uns erst den Einstieg in Frankreich.»

Dass Schweizer Imagewerte Türen öffnen können, glaubt auch Klaus Abberger von der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich: «Die Schweiz hat einen gewissen Bonus im Ausland. Man verbindet die Herkunft von Schweizer Produkten und Dienstleistungen mit Sicherheit und Qualität. Swiss made gilt vielerorts als vertrauenswürdig», so Abberger auf Anfrage.

Schweizer und Franzosen lernen voneinander

Die Schweizer haben also eine gewisse Portion Swissness nach Frankreich gebracht, sei es in Form von regelmässigen Fahrplänen, Anschlüssen oder einer höheren Dienstleistungsqualität. Haben sie auch etwas von den Franzosen gelernt? «Ein solches Auslandengagement ist auch ein Trainingsumfeld», sagt Postauto-Sprecher Böhlen. «Man lernt, in einem sehr kompetitiven Umfeld zu wirtschaften.» Von den westlichen Nachbarn habe man etwa bei den Marketingaktivitäten dazugelernt, darunter bei der Vermarktung von Fahrausweisen. Auch die Art der Fahrgastinformationen habe man dank französischem Input verbessern können.

Auch Klaus Abberger von der ETH sieht Vorteile, wenn ein Schweizer Unternehmen ins Ausland expandiert: «Die Firma kann dabei Erfahrungen sammeln, auf die sie in der Schweiz bauen kann, und so ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken.»

Plant Postauto nach dem Erfolg in Frankreich auch Engagements in anderen Ländern? Schon seit 2001 betreibt das Unternehmen in Liechtenstein ein Busnetz mit 14 Linien, 39 Fahrzeugen und 95 Mitarbeitern. In anderen Ländern ist laut Böhlen kurzfristig kein Einstieg geplant, «aber wir können es uns vorstellen und prüfen es». Voraussetzung: Die Marktöffnung müsse genug weit fortgeschritten sein, und es sollte Wachstumsmöglichkeiten geben. Rechtliche und politische Stabilität seien ebenfalls Kriterien. «Und es sollte auf jeden Fall ein europäisches Land sein.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.07.2013, 17:38 Uhr

Postauto in Frankreich

Car Postal France gehört zur Postauto Schweiz AG und ist seit 2004 in Frankreich präsent. Das Unternehmen betreibt dort je acht Agglomerationsnetze und Regionalverkehrsnetze – unter anderem in den Regionen Elsass, Burgund, Rhône-Alpes und Provence-Alpes-Côte d'Azur (siehe Karte). Im Frühjahr 2013 erhielt Car Postal France zudem den Zuschlag für das Stadtnetz im südfranzösischen Menton.

Ausserdem bietet Car Postal France einen Schulbusservice, Rufbus, Touristentransport und Fahrten für Privatfirmen, wie es auf der Website der Firma heisst. Inklusive der neusten zwei Engagements beschäftigt das Unternehmen rund 1000 Personen in Frankreich und verfügt über 580 Fahrzeuge. 2012 trug Car Postal France rund 9 Prozent zum Umsatz der Postauto AG (knapp 800 Millionen Franken) bei.

Die Busse von Car Postal sind nicht alle gelb wie die Schweizer Postautos. «Die Franzosen legen grossen Wert auf ein Erscheinungsbild, mit dem sie sich und ihren Wohnort identifizieren können», sagt Postauto-Sprecher René Böhlen. Zumeist im städtischen Verkehr werde die Fahrzeugfarbe vorgegeben. Jedoch ist auf der Seite der Busse das Logo mit dem Posthorn angebracht.

An diesen Orten ist die zur Postauto Schweiz AG gehörende Car Postal France aktiv. (Bild: Postauto AG)

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