Hintergrund

Voller Tank, leeres Portemonnaie

Schuld am teuren Benzin ist nicht der hohe Erdölpreis, sondern die Verarbeiter. Die Raffinerien versuchen ihr Geschäft zu optimieren, bezahlen müssen die Autofahrer.

Schon im Krisenjahr 2008 waren die Treibstoffpreise hoch, das droht sich in diesem Jahr zu wiederholen: Preistafel am 1. Februar 2008 in St. Moritz.

Schon im Krisenjahr 2008 waren die Treibstoffpreise hoch, das droht sich in diesem Jahr zu wiederholen: Preistafel am 1. Februar 2008 in St. Moritz. Bild: Keystone

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Der Treibstoffpreis ist laut Bundesstatistik seit 2009 bis Anfang 2012 um fast einen Viertel in die Höhe geschossen. Damit ist das Preisniveau vom Krisenjahr 2008 erreicht, nachdem er zwischenzeitlich schon deutlich niedriger war. Mittlerweile wird in der Schweiz stellenweise mehr als zwei Franken je Liter Benzin bezahlt.

«Schuld daran sind in der Schweiz Grossanbieter wie etwa BP, Shell oder Esso», meint Konsumentenschützerin Sara Stalder. Diese würden ein Angebotsoligopol bilden. Sprich: Einige wenige Anbieter dominieren den Markt. Zudem würden diese Firmen die gesamte Wertschöpfungskette beherrschen – von der Förderung über die Raffinerie bis hin zur Zapfsäule. «Gegen deren Preismacht kann der Konsument nichts ausrichten.»

Mit diesem Vorwurf konfrontiert, weist Ramon Werner, Generaldirektor BP Schweiz, die Vorhaltungen zurück: «Wir haben kein Interesse das auszunutzen, wir wollen unseren Kunden nur gute Leistung bieten und ein günstigerer Benzinpreis hilft uns.»

Öl-Raffinerien unter Druck

Bisher wurde in der Öffentlichkeit über den hohen Ölpreis debattiert, wenn es um steigende Benzinpreise ging. Der Geschäftsführer der Schweizerischen Erdöl-Vereinigung, Niklaus Boss, ist überrascht vom «wahnsinnigen» Tempo, in dem die Benzinpreise an der Zapfsäule steigen. Und das, obwohl der Preis pro Barrell Rohöl auf dem hohen Niveau von mehr als 120 Dollar schon seit Monaten verharre. Für Boss, der die Öl-Wirtschaft und damit auch Firmen wie BP, Esso oder Shell vertritt, sind aber nicht die Konzerne am Preisauftrieb schuld. Sondern: «Der sprunghafte Preisanstieg ist auf die physische Unterdeckung beim Benzin zurückzuführen.» Er glaubt, dass sich die Preisentwicklung bald wieder beruhigen wird.

Alexander Pögl, Analysechef des weltweit tätigen Öl- und Gasberaters JBC, sieht das anders als Boss: «Man muss zwischen Förderern und Raffinerien unterscheiden.» Für ihn ist klar: «Dass die Erdölkonzerne immer höhere Gewinne ausweisen, liegt zwar nicht unbedingt am hohen Preis für den Endkonsumenten, sondern auch an der Förderung des Rohöls.» Denn in diesem Bereich seien die Margen gut. Aber wenn das Rohöl weiterverarbeitet und an den Konsumenten verkauft wird, dann schrumpfen die Gewinnspannen der Konzerne schlagartig. Der Raffineriebetreiber Petroplus zum Beispiel muss bekanntlich wegen zu niedriger Margen den Laden dichtmachen. «Und der Endkunde muss sich jetzt dem internationalen Preis anpassen.»

Aus diesem Grund hat Konsumentenschützerin Stalder jene Firmen im Visier, die Förderer und Verarbeiter zugleich sind. Denn: «Diese Firmen haben die Kontrolle über den Preis von der Erdölförderung bis zum Benzintank.»

Weko sieht keinen Untersuchungsgrund

Dennoch sehen die Wettbewerbsbehörden der Länder Deutschland, Österreich und in der Schweiz (D-A-CH) derzeit keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. «Hinweise auf Preisabreden gibt es nicht», sagt Patrik Ducrey, Sprecher der Schweizer Wettbewerbskommission. «Wir haben bereits im Jahr 2002 umfassende Untersuchungen zu diesem Thema abgeschlossen.» Seither habe sich nicht viel Neues getan. Er sieht den hohen Benzinpreis in Währungsunterschieden, dem Rohölpreis und den Transportkosten begründet.

In der Tat haben die Wettebewerbsbehörden der D-A-CH-Länder in den vergangenen Jahren allesamt keine eindeutigen Hinweise darauf gefunden, dass die Ölmultis oder die Tankstellenbetreiber am Preisauftrieb schuld seien. Nur Konsumentenschützerin Stalder stutzt, dass in der Schweiz die Benzinpreise oftmals «nahezu punktgenau gleich» sind. Sie stellt sich die Frage, «ob die Ölmultis den Tankstellenbetreibern diktieren, die Preise gleich anzusetzen».

Erstellt: 03.04.2012, 12:10 Uhr

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Paradox ist, dass die USA einerseits für das Embargo und den politischen Druck auf den Iran verantwortlich sind, was den hohen Ölpreis mit bedingt. Andererseits werben die Vereinigten Staaten für die Auflösung von Lagerbeständen und rufen auch die internationale Energieagentur an, die Fördermengen zu erhöhen, um den Preis wieder runterzubringen. In den USA ist der hohe Ölpreis mittlerweile zum Wahlkampfthema geworden. (fib)

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