Volvos E-Offensive im Reality-Check

Ab 2019 nur noch auf Strom: Was von der vollmundigen Ankündigung der Schweden zu halten ist.

Einige Plug-in-Hybride bietet Volvo derzeit bereits an, zum Beispiel den XC90 Twin Engine. Er kostet mindestens 74 650 Euro. (Foto: Volvo)

Einige Plug-in-Hybride bietet Volvo derzeit bereits an, zum Beispiel den XC90 Twin Engine. Er kostet mindestens 74 650 Euro. (Foto: Volvo)

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«Verbrennungsmotoren bleiben noch mindestens 20 Jahre elementar.» Diese Aussage vom Wiener Motorensyposium ist gerade einmal etwas mehr als zwei Monate alt. Sie stammt von Matthias Müller, dem Chef des Volkswagen-Konzerns. Volvo-Chef Håkan Samuelsson beschwört heute dagegen «das Ende des ausschliesslich vom Verbrennungsmotor angetriebenen Autos.» Das sind grosse Worte, und sie scheinen genau das Gegenteil von dem zu bedeuten, was Müller sagte. Doch stimmt das auch?

Müller kündigte auf dem Wiener Motorensymposium an, sechs Milliarden Euro in die Entwicklung alternativer Antriebe stecken zu wollen. Für Verbrennungsmotoren stehen dagegen im gleichen Zeitraum zehn Milliarden Euro zur Verfügung, damit diese «um zehn bis 15 Prozent effizienter und damit sauberer» werden als heute. Volvo will es genau andersherum angehen: Jedes neue Modell der Schweden wird von 2019 an über einen Elektromotor verfügen. Bis 2021 sollen fünf neue Elektroautos auf den Markt kommen. Hinzu kommen Hybridautos, die sich über die gesamte Modellpalette erstrecken.

Zwei Automanager, zwei völlig unterschiedliche Sichtweisen. Oder nur zwei total konträre PR-Strategien? So hart, wie es den Anschein hat, ist Volvos Schnitt nicht. Die Ankündigung schliesst neben reinen Elektrofahrzeugen und Plug-in-Hybriden, deren Batterie sich extern an einer Steckdose oder Ladesäule füllen lässt, auch Autos mit 48-Volt-Hybridsystem ein. Wie sich die verschiedenen Antriebskonzepte über das künftige Volvo-Portfolio aufteilen, wollte ein Volvo-Sprecher auf Nachfrage noch nicht konkretisieren.

Wahrscheinlich ist, dass die 48-Volt-Systeme, sogenannte Mildhybride, den grössten Anteil ausmachen werden. Solche Autos verfügen über ein zweites Bordnetz mit höherer Spannung, das einen kleinen Elektromotor oder Generator mit Energie speist. Dieser Unterstützer für den Verbrennungsmotor kann an verschiedenen Stellen im Antriebsstrang sitzen. Audi will die Technik beim neuen A8 zum Standard machen. Mercedes bringt sie bald flächendeckend über mehrere Baureihen hinweg. BMW wartet derzeit noch ab, bis sie günstiger wird.

Volvo traut sich zumindest ein bisschen was

Dem Sprecher zufolge handelt es sich bei Volvo um einen Startergenerator, der direkt am Verbrennungsmotor sitzt. Er soll den Verbrennungsmotor bei den Dingen entlasten, die den Spritverbrauch stark nach oben treiben. Zum Beispiel beim Anfahren oder Beschleunigen. Ausserdem hilft er dabei, Bremsenergie zurückzugewinnen, dem Verbrennungsmotor auf der Autobahn oder Landstrasse bei gemütlichem Tempo eine Pause zu gönnen (in der Fachsprache heisst das Segeln) oder die Klimaanlage anzutreiben. Experten sehen durch die 48-Volt-Elektrifizierung ein Spritsparpotenzial von 13 Prozent, im Stadtverkehr soll der Verbrauch um mehr als 20 Prozent sinken.

Bildstrecke – neue Stromer der Autohersteller:

Alles auf Elektro? Das traut sich Volvo noch nicht. Und doch bewegen sich die Schweden klar weg von fossilen Brennstoffen hin zur Power aus der Steckdose. Erst vor zwei Wochen kündigten sie an, eine eigene Marke für Hochleistungs-Elektroautos aufbauen zu wollen, quasi einen skandinavischen Tesla-Konkurrenten.

Dessen Name - Polestar - steht bereits fest, und er enthält eine Botschaft. Denn Polestar war bisher für das Werkstuning zuständig und damit für Volvo das, was AMG für Mercedes und die M GmbH für BMW ist. Doch statt mehr PS für Benzinmotoren, freudigeres Spritverbrennen und lauteres Abgas-Herausschleudern stromern Polestar-Fahrzeuge bald leise und sauber über die Strassen - ohne freilich langsam zu sein. Ein Volvo-Logo werden diese Fahrzeuge nicht tragen, und zwei der fünf heute angekündigten Elektroautos werden von Polestar stammen.

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Bereits im Mai kündigte Samuelsson in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an, dass seine Firma keine komplett neue Dieselmotoren-Generation mehr entwickeln werde. Das heisst freilich nicht, dass Volvo sich sofort vom Selbstzünder verabschiedet - zu gross ist dessen Anteil beim derzeitigen Absatz, den vor allem grosse SUVs ankurbeln. Vielmehr passen die Ingenieure die aktuelle Triebwerksgeneration an die künftigen Abgasgrenzwerte an, verfeinern den Antriebsstrang, optimieren die Einspritzung oder Ähnliches. Wann sie den Dieselmotor komplett verbannen werden, hält Volvo aus gutem Grund noch offen. Es dürfte eher in zehn als in fünf Jahren so weit sein.

Volvos erstes E-Auto wird ein kompaktes Format haben

Auch nach der jetzigen Ankündigung, so ehrlich muss man sein, bleibt noch viel im Unklaren. Zum Beispiel, in welchen Fahrzeugklassen sich die neuen Elektro- und Hybridmodelle ansiedeln werden. Einem Sprecher zufolge soll Volvos erstes E-Auto auf der kleinen Plattform aufbauen, auf der die neue 40er-Baureihe basieren wird. Fest steht zudem, dass bei den neuen Volvo-Hybriden sowohl Benzin- als auch Dieselmotoren den Verbrenner-Part übernehmen werden.

Nicht mehr als ein Vorhaben ist bislang, dass Volvo bis 2025 eine Million elektrifizierte Fahrzeuge verkaufen will. Auch wenn das deutlich mehr 48-Volt-Hybride als reine Elektroautos sein werden, sieht es doch nach einem Paradigmenwechsel bei den Schweden aus. Subtiler Zwang für die eigenen Kunden, denen dann die Alternative fehlt, die den Autokauf früher so vereinfacht hat. Statt "Einmal Diesel, immer Diesel" beschäftigen sie sich dann vielleicht mit den neuen technischen Alternativen, die der Markt bietet. Es ist ein mutiger Ansatz, den Volvo da wählt. Und es ist legitim, ihn mit lautem PR-Getrommel zu begleiten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.07.2017, 17:17 Uhr

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