Vom Vorgesetzten gab es ein erotisches Buch

Mehr Techfirmen denn je werden von Frauen verklagt, weil diese sich in einem männerdominierten Umfeld benachteiligt sehen.

Blitzte vor Gericht ab: Ellen Pao. Foto: Jason Henry («The New York Times», Laif)

Blitzte vor Gericht ab: Ellen Pao. Foto: Jason Henry («The New York Times», Laif)

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Der Freispruch der führenden Venture-Capital-Firma Kleiner Perkins Ende März markierte nicht das Ende der ­Diskriminierungsvorwürfe im Silicon Valley. Jetzt erst recht, sagen zwei An­gestellte von Twitter und Facebook, und reichen ihrerseits Klagen gegen die Techfirmen ein. Sie kritisieren ein frauenfeindliches Arbeitsklima und ungleiche Karrierechancen. Der Trend zur gerichtlichen Auseinandersetzung um die berufliche Gleichstellung dürfte weiter wachsen, sagen Experten. Das kalifornische Rechtssystem sei eine aussichts­reiche Basis.

Trotz ihrer harschen Niederlage vor einem Geschworenengericht in San Francisco sieht sich Ellen Pao nicht als Verliererin. Die frühere Juniorpartnerin von Kleiner Perkins hatte geltend gemacht, sie sei von der männlichen ­Führungsriege übergangen und sexuell belästigt worden. Ihre Klage auf eine Wiedergutmachung von mehr als 16 Millionen Dollar lehnten die Geschworenen in allen Punkten ab. Sie sei dennoch froh, den Prozess angestrengt zu haben, sagt die 45-jährige Frau zehn Tage nach dem Urteil. Obwohl es ihr schwer­ge­fallen sei, ihr Privatleben vor Gericht auszubreiten, habe «ich meine Geschichte erzählen wollen, um das ­Problem zu erhellen».

Facebook auf der Anklagebank

Pao hat auch bereits Nachfolgerinnen gefunden. Mitte März legte Chia Hong, eine gebürtige Taiwanerin, Klage gegen Facebook ein. Vertreten wird sie von der gleichen Anwaltskanzlei wie Pao. Und auch ihre Vorwürfe sind sehr ähnlich. Sie sei von den männlichen Kollegen heruntergemacht worden, sagte sie. Ihr sei nahegelegt worden, besser zu Hause zu ­bleiben und die Kinder zu betreuen, als für Facebook zu arbeiten. Nachdem sie sich beschwert hatte, wurde sie nach eigenen Angaben entlassen und durch einen weniger qualifizierten Mann ersetzt.

Auch Tina Huang, eine frühere Twitter-Angestellte, geht gerichtlich gegen ihr Unternehmen vor. Die Karrierechancen von Frauen seien nicht die gleichen, da Beförderungen «unter Kollegen» abgemacht würden, sagt sie. Huang plant eine Sammelklage und will alle ehemaligen und aktuellen weiblichen Twitter-Angestellten einbeziehen. Facebook und Twitter weisen die Vorwürfe zurück und beharren darauf, der vollen Gleichberechtigung verpflichtet zu sein.

Weniger Frauen als vor 15 Jahren

Die Statistik zeigt aber ein anderes Bild. Gemäss der Volkszählung von 2013 ist in den USA die Zahl der Frauen in IT-Firmen seit Ende der 90er-Jahre gesunken. Sie besetzen nur noch 22 Prozent der Softwarejobs. Auch der Anteil der Frauen im Venture-Capital-Geschäft ist heute ge­ringer als vor 15 Jahren.

Für die Diskrepanz zwischen den ­Ansprüchen und der Realität macht Pao tiefsitzende Widersprüche in den Firmen verantwortlich. Vor Gericht wurde ihr beispielsweise vorgeworfen, bei ­Kleiner Perkins zugleich zu aggressiv und zu scheu gewesen zu sein. Diese Kritik sei typisch für das Arbeitsklima im Silicon Valley, erläutert Pao in Interviews mit dem «Wall Street Journal» und Yahoo. «Frauen haben das Gefühl, dass es keinen Weg für sie gibt, zu gewinnen. Es ist wie eine Nadel, die man einfädeln sollte, aber kein Loch hat.» Die Arbeit in der Techindustrie für Frauen sei wie ein «Tod durch 1000 Stiche», da sie permanent durch Männer unterminiert würden.

Ihre Vorwürfe belegte sie vor Gericht unter anderem damit, dass ihr ein Vorgesetzter ein Buch mit erotischen Zeichnungen geschenkt hatte, dass sie nicht zu einem Nachtessen mit Al Gore eingeladen wurde und von Ski- und ­Golfausflügen der Männer ausgeschlossen blieb. Der Prozess sei nicht allein um sie gegangen, sagt sie heute. Vielmehr sei die Diskriminierung so weit verbreitet, dass sich kein Unternehmen davon ausnehmen könne. «Sie alle müssen sich durch dieses Problem hindurcharbeiten. Es verschwindet nicht von allein.»

Männer missachteten Regeln

Viele Männer bemerkten dies gar nicht, weil sie es gewohnt seien, sich durchzusetzen, sagt Pao. «Für sie ist es natürlich, Regeln zu missachten und Grenzen zu überschreiten. Sie nehmen die Risiken und werden dafür auch belohnt. Für sie stimmt es.»

Pao arbeitet derzeit als Interims­chefin für Reddit, ein Online-Diskussionsforum. Und versucht nun zu beheben, was sie kritisiert. Nachdem Reddit Nacktbilder von Prominenten publiziert und frauenfeindliche Kommentare publiziert hatte, verbot Pao als Erstes, Nacktbilder gegen den Willen der Betroffenen publik zu machen. In einem zweiten Schritt trennte sie Lohnverhandlungen und Bewerbungsgespräche, da sich Frauen aus ihrer Erfahrung schwer damit tun, ihre vollen Salärforderungen bereits bei der Bewerbung aus Furcht vor einem Nein vorzubringen.

Erstellt: 08.04.2015, 08:51 Uhr

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