Von Adidas und Nike in Stich gelassen

Die Arbeiter einer südchinesischen Turnschuhfabrik streikten, obwohl dies im kommunistischen Land illegal ist. Auf die Hilfe von westlichen Weltkonzernen hofften sie vergebens.

Solidarisieren sich mit den Arbeitern in Südchina: Gewerkschafter in Hongkong. Foto: Vincent Yu (AP, Keystone)

Solidarisieren sich mit den Arbeitern in Südchina: Gewerkschafter in Hongkong. Foto: Vincent Yu (AP, Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seit drei Jahren steht der junge Chinese, der seinen Namen nicht öffentlich machen will, für Adidas am Fliessband. Er fertigt Sportschuhe an für den Weltkonzern. Bis vor wenigen Tagen war er davon überzeugt, dass Adidas Partei für ihn ergreift, wenn es nötig wäre. Eine ­Illusion, wie sich jetzt zeigt. Die Deutschen hielten öffentlich Abstand, als die Arbeiter ihres Vertragspartners Yue Yuen in der südchinesischen Provinz Guangdong Mitte April zu streiken begannen. Die taiwanische Firma hat ihre Angestellten jahrelang um einen Teil der Sozialversicherungsbeiträge betrogen. Als das aufflog, legte ein Grossteil der Belegschaft die Arbeit nieder.

Mehrere Zehntausend Männer und Frauen sollen sich in rund einem halben Dutzend Fabriken vornehmlich in der Industriemetropole Dongguan, aber auch in der Provinz Jiangxi an dem Streik beteiligt haben. Dabei ist Streiken illegal in der Volksrepublik. Das schreckt westliche Konzerne ab, sich mit chinesischen Arbeitern solidarisch zu erklären. Statt als Vermittler aufzutreten, warten die Auftraggeber lieber aus sicherer Distanz den Ausgang der Konflikte ab und passen sich dann den neuen Begebenheiten an. Nicht nur Adidas blieb fern, auch Nike, Puma, Reebok oder Timberland, die ebenfalls von Yue Yuen produzieren lassen, schauten zu.

Dutzende internationale Marken werden von Yue Yuen versorgt. Seine Effizienz bei geringen Lohnkosten macht das Unternehmen als Handlanger des Freizeitschuhkartells so attraktiv. «Es ist enttäuschend und beschämend, dass keiner der Konzerne vor Ort war. Die Wertschätzung für uns Arbeiter scheint nicht ­besonders zu hoch zu sein», sagte der 23-jährige Angestellte des Massenproduzenten in einem Telefongespräch.

Arbeiter eingeschüchtert

Der Streik ist inzwischen beigelegt, weil das Management auch auf Druck aus Peking einige Zugeständnisse gemacht hat, aber vor allem auch, weil die Polizei die Arbeiter zum Teil mit physischer Gewalt einschüchterte. Ein paar Rädelsführer wurden zudem intensiv verhört. «Die ausländischen Firmen müssen den Druck auf ihre Zulieferer erhöhen, wenn sie ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden wollen», sagt der Unternehmer und Zeitungskolumnist Xiao Gongjun, der in Dongguan eine Druckerei betreibt. Xiao glaubt, die Firmen fürchten steigende Ausgaben, ohne dabei zu berücksichtigen, dass drohende Streiks sie eines Tages vielleicht noch viel mehr Geld kosten könnten.

Für Adidas war der kurzzeitige Ausfall der Produktion ohnehin kein Problem. Das Unternehmen ist dank einer global flexiblen Fertigung in der Lage, Aufträge kurzfristig zu anderen Zulieferern, notfalls am anderen Ende der Welt, zu verschieben. Auch Nike teilte mit, eine Verlagerung der Aufträge prüfen zu wollen. Die Frage, weshalb Adidas sich nicht vor Ort ein Bild von der Situation gemacht hat, lässt das Unternehmen indes unbeantwortet. «Laut unserem Verständnis tätigte Yue Yuen die Abgaben in Übereinstimmung mit den Behörden der Stadt Dongguan und der örtlichen Sozialversicherungsbehörde», teilt eine Sprecherin in einer Stellungnahme mit.

Seit dem 1. Mai komme Yue Yuen seinen Verpflichtungen gemäss den nationalen Anforderungen nach. Eine Nachzahlung für unterlassene Beiträge knüpft das Unternehmen jedoch an eine finanzielle Beteiligung der Arbeiter. Die klagen, dass sie sich das nicht leisten können. Zum Basislohn von 1310 Yuan kommen nach Abzug der Versicherungszahlungen 1200 Yuan für Überstunden hinzu. Zusammen sind das umgerechnet gut 350 Franken. Rücklagen besitzen die meisten deshalb kaum.

Regierung schreckt vor Veränderungen zurück

Durch den Entzug von Aufträgen trifft Adidas sein Partnerunternehmen zwar dort, wo es am empfindlichsten ist: auf der Einnahmenseite. Und tatsächlich ­erhöhen die Schwaben damit den Druck auf Yue Yuen, seine Zahlungsmoral zu verbessern. Doch an einer aktiven Gestaltung der industriellen Beziehungen in China sind die grossen Firmen offenbar nicht interessiert. Dabei könnten die Arbeiter die Unterstützung der westlichen Auftraggeber gut gebrauchen. Sie kämpfen nicht nur für faire Bezahlung und gegen schlechte Arbeitsbedingungen, sondern auch für mehr Mitbestimmung. Freie Gewerkschaften und Personalvertreter würden die Rolle der Arbeitnehmer in China von Grund auf verändern.

Vor 4 Jahren löste ein Streik beim ­japanischen Autohersteller Honda in der gleichen Region eine landesweite Welle von Lohnerhöhungen aus. Es war auch die Initialzündung für die neue ­Generation, mehr Mitbestimmung zu ­erstreiten. In Peking ist die autokratisch regierende Kommunistische Partei deswegen alarmiert.

Mehr Mitbestimmung für bislang weitgehend rechtlose Arbeiter wäre ein grosser Schritt in Richtung Demokratisierung. Vielleicht sogar der Ausgangspunkt für ein Ende des Machtmonopols der Kommunistischen Partei. Die Regierung macht den Arbeitern seit einer Weile ­Zugeständnisse, indem sie die Mindestlöhne erhöht und die Sozialversicherung stärkt. Einen entschlossenen Schritt in Richtung Gesamtarbeitsverträge und ­unabhängige Arbeitnehmervertretungen aber scheut sie. Die Frage ist, wie lange sie dem noch ausweichen kann.

Mitsprache in kleinen Schritten

Im Perlflussdelta ist der Druck wegen der zunehmenden Streikbereitschaft der jungen Arbeiter bereits so gross ­geworden, dass die Verantwortlichen in kleinen Schritten mehr Partizipation ­zulassen. Seit dem Honda-Streik gibt es bereits Dutzende Betriebsgewerkschaften, die einmal im Jahr mit den Managern die Erhöhung der Löhne verhandeln dürfen. Der nächste Schritt wären Gesamtarbeitsverträge. Die Provinzgewerkschaft von Guangdong hat Richtlinien erarbeitet, die Kollektivverhandlungen regeln sollen. Die 63 Paragrafen sind die bislang einzige umfassende Neuregelung des Lohnregimes in China. Sie sehen unter anderem vor, dass jährlich von den Vertragspartnern neue Rahmendaten gesetzt werden, sei es auf ­Betriebsebene oder gar für ganze Branchen. Explizit wird erwähnt, dass die Standards nicht durch betriebliche Verträge unterschritten werden dürfen.

Die Richtlinien sollten eigentlich schon Ende vergangenen Jahres in Kraft treten. Doch starke Lobbygruppen verzögern ihre Implementierung. Noch einmal wurde das Schriftstück überarbeitet. Mehrere Paragrafen wurden zugunsten der Unternehmen gekürzt. Beispielsweise wurden detaillierte Vorgaben zum Lohnsystem, zur Verteilung sowie über branchenübergreifende Verhandlungen gestrichen. Damit schaffen sich die Unternehmen Raum für flexible Auslegung von Regeln.

Doch auch den Arbeitern wurden in der Neufassung mehr Möglichkeiten eingeräumt. Sie dürfen die Abschlüsse vor deren Inkrafttreten gemeinsam diskutieren und müssen die Entscheidung nicht allein einer Betriebsgewerkschaft überlassen. Unternehmer Xiao ist von dem positiven Effekt der Richtlinien überzeugt: «Wenn die Kollektivverhandlungen wirklich kommen, wäre das ein grosser sozialer Fortschritt. Es würde viel Spannungen lösen in der Beziehung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern.»

Erstellt: 06.05.2014, 02:49 Uhr

«Die vielen Streiks sind nur der Anfang»

Zhang Zhiru, wie beurteilen sie den Umgang von Firmen wie Adidas oder Nike mit dem Streik?
Sie haben einen Sicherheitsabstand bewahrt, statt dafür zu sorgen, dass ihr Zulieferer den Arbeitern alles auszahlt, was ihnen zusteht.

Ist das nicht die Aufgabe des Gesetzgebers?
Die chinesische Regierung will alle Streiks am liebsten unterdrücken, weil sie unter allen Umständen die Stabilität wahren will. Ganz offensichtlich haben die Behörden nicht die Arbeiter, sondern die Fabrikmanager unterstützt.

Streiks sind ja auch illegal.
Die Fabrik hat das Gesetz gebrochen, indem sie fällige Sozialversicherungen nicht in vollem Umfang auszahlte. Das muss eine Regierung verhindern. Die Behörden aber fürchten Aufruhr und ein schlechtes Image ihrer Region als Investitionsstandort für ausländische Firmen und bringen lieber die Arbeiter zum Schweigen. Zumal die wirtschaftliche Lage sehr angespannt ist in China. Streikende Arbeiter kann man hier gerade nicht gebrauchen.

Die Provinz Guangdong will noch in diesem Jahr Richtlinien für Kollektivverträge verabschieden. Das ist doch ein Anfang.
Die Idee gibt es seit vier Jahren, aber die Lobby aus Hongkong und Taiwan hat verhindert, dass sie implementiert wird. Organisationen wie unserer würden diese Richtlinien ein Werkzeug an die Hand geben, Druck auf die staatliche Gewerkschaft auszuüben.

Wäre es der erhoffte Durchbruch bei der Reform der industriellen Beziehungen in China?
Auch danach sollten wir die Rolle der Gewerkschaft nicht überbewerten. Sie ist und bleibt ein staatliche Institution, die im herrschenden politischen System zuallererst die Interessen der Regierung vertreten wird. Es gibt doch bereits ein Arbeitsgesetz in China, das es Gewerkschaftern ermöglicht, die Rechte der Arbeiter zu vertreten. Aber in der Praxis haben sie versagt. Mit ihrer Passivität ist die Gewerkschaft mitverantwortlich, dass sich bei den Arbeitern so viel Frust angestaut hat.

Es hat sich bereits eine regelrechte Streikkultur entwickelt.
Ja, und die vielen Streiks in den vergangenen vier Jahren sind nur der Anfang. Es ist eine gängige Praxis, dass die Unternehmen zu wenig Sozialversicherung zahlen. Die neue Generation von Wanderarbeitern ist aber nicht nicht mehr bereit, solche Ungerechtigkeiten zu tolerieren, zumal ihnen das Geld gesetzlich zusteht. Ihre Eltern haben das noch getan und viel Ärger hinuntergeschluckt.

Weshalb die Wende?
Die jungen Menschen entwickeln ein starkes Bewusstsein für ihre Rechte und haben eher die Neigung, Unrecht zu bekämpfen. Ihre Situation ist im Vergleich zu ihren Eltern wesentlich stärker, weil die Zahl der Arbeitskräfte in China kontinuierlich abnimmt. Dadurch stehen den Arbeitern deutlich mehr Möglichkeiten bei der Wahl ihres Arbeitsplatzes zur Verfügung. Sie geniessen eine neue Form der Unabhängigkeit, weil der Bedarf an ihrer Arbeitskraft so gross ist. Wenn sie irgendwo entlassen werden, dann suchen sie sich eben etwas anderes.

Artikel zum Thema

«Die vielen Streiks sind nur der Anfang»

Zhang Zhiru von der chinesischen NGO Frühlingsbrise setzt im Kampf um Wirtschaftsreformen auf die junge Generation. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...