«Von den 5000 Schweizer Hotels sind 2000 keine richtigen Hotels»

Guglielmo Brentel nimmt selten ein Blatt vor den Mund. Nun kritisiert der abtretende Hotelleriesuisse-Präsident Google – und sagt, wie er Booking.com den «Hahn dicht» macht.

«In den Tourismusorten sollten Organisationen entstehen, die Erlebnisse anbieten», sagt Guglielmo Brentel. Diese Organisationen könnten etwa eine Kinderbetreuung, Ausflüge  oder ein Unterhaltungsprogramm organisieren. «Es ist nicht sinnvoll, wenn jeder Hotelier dies allein tut.»

«In den Tourismusorten sollten Organisationen entstehen, die Erlebnisse anbieten», sagt Guglielmo Brentel. Diese Organisationen könnten etwa eine Kinderbetreuung, Ausflüge oder ein Unterhaltungsprogramm organisieren. «Es ist nicht sinnvoll, wenn jeder Hotelier dies allein tut.» Bild: Stefan Anderegg

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Sie haben in Ihrer Amtszeit wiederholt kritisiert, dass es in der Schweiz immer noch zu viele schlechte Hotels gebe. Wie viele Hoteliers sind froh, dass Sie als Präsident von Hotelleriesuisse abtreten?
Unter unseren Mitgliedsbetrieben hat es kaum schlechte Hotels. Um bei Hotelleriesuisse Mitglied zu werden, muss man die Mindestanforderungen unseres Sterneklassifikationssystems erfüllen. Als ich von schlechten Hotels sprach, meinte ich nicht Mitglieder unseres Verbandes.

Aber diese Betriebe nennen sich auch Hotels.
Das ist ein Teil des Problems. In der Schweiz nennt sich ein kleiner Betrieb, der auch ein paar Zimmer anbietet, ebenfalls Hotel. In Deutschland heisst ein solcher Betrieb Gasthof. Von den angeblich 5000 Hotels, die es in der Schweiz gibt, sind vielleicht 2000 gar keine richtigen Hotels.

Müsste man also die kleineren Hotels umbenennen?
Nein, eine solche Forderung bringt nichts. Das wäre ein Kampf gegen Windmühlen. Den Sprachgebrauch kann man nicht ändern. Die Hotelgäste können anhand der Sterneklassifikation überprüfen, ob ein Hotel unserem Verband angeschlossen ist. Für die entsprechenden Sterne übernehmen wir die Verantwortung.

Branchenkenner sprechen davon, dass es in den Städten immer besser läuft, während die Hotels in den Alpen mit Problemen kämpfen. Teilen Sie diese Ansicht?
Die Hotellerie hat sich in den Städten tatsächlich stark entwickelt. Das ist ein internationales Phänomen. Die Billigflüge haben zu einer starken Zunahme von kurzen Städtetrips geführt. Aber auch in den Alpen hat sich einiges getan: vor allem im Fünfsternbereich. Zudem haben im vergangenen Dezember drei Häuser von internationalen Hotelketten ihren Betrieb aufgenommen: das Chedi der Sawiris-Gruppe in Andermatt, das Interkontinental in Davos und das Hotel W in Verbier. Das sind internationale Spitzenprodukte.

Es gibt aber Befürchtungen, dass dort Überkapazitäten geschaffen worden sind.
Das ist der Markt. Und da kann es auch zu Auf-und-Ab-Bewegungen kommen. Doch offensichtlich ist die Schweiz für internationale Hotelinvestoren attraktiv. Samih Sawiris hat mir gesagt, das Chedi in Andermatt sei die erste grosse Hotelanlage, die er gebaut habe, die vor Baubeginn über einen Strassen-, einen Wasser- und einen Stromanschluss verfügt habe. Wir Schweizer tendieren dazu, immer die Risiken zu sehen, während internationale Investoren hierzulande vor allem die Chancen sehen. Ob es allerdings gut herauskommt, ist eine andere Frage.

Kommen dadurch die traditionellen Familienhotels unter Druck?
Nein. Die Familienhotels können schneller auf die Gästebedürfnisse eingehen als die internationalen Hotelketten. Ich denke zudem, dass die Familienhotels mit dem Internet eine riesige Chance erhalten. Das Internet ist ein Schaufenster in die Welt. Und wenn man weiss, wie man dieses dekorieren kann, dann ist dies sehr erfolgversprechend. Ich kenne junge Hoteliers, die hervorragend auf der Klaviatur des Internets zu spielen wissen. Doch das ist anspruchsvoll.

In den vergangenen Jahren sind die Internet-Buchungsplattformen immer wichtiger geworden. Die Hoteliers haben sich bei der Wettbewerbskommission über die Marktmacht der Internetplattformen beklagt. Gibt es hier erste Ergebnisse?
In der Schweiz haben wir das Problem, dass Booking.com einen Marktanteil von über 70 Prozent hat, sodass dies kartellrechtlich relevant ist. Booking.com hat verlangt, dass die Schweizer Hotels der Plattform das letzte Zimmer und den besten Preis garantieren. Doch da sind wir der Ansicht, dass ein Hotelier das Recht haben muss, frei zu entscheiden, wem er den besten Preis und das letzte Zimmer geben will. Es kann doch nicht sein, dass ein Stammgast mehr bezahlen muss als ein Kunde von Booking.com. Ich werte es als Erfolg, dass Booking.com aufgrund der Weko-Untersuchung nicht mehr auf der Garantie des besten Preises beharrt.

Wie viel Kommission müssen die Hotels an Booking.com bezahlen?
In der Regel sind es zwischen 12 und 15 Prozent. Aber wenn ein Hotelier will, dass sein Hotel bei der Auflistung zuoberst erscheint, dann kann die Kommission in der Schweiz bis zu 33 Prozent betragen. Im Bereich Internet stört mich aber auch das Verhalten von Google.

Wieso?
Wenn ich bei Google den Namen meines Hotels – also Chesa Rosatsch Celerina – eingebe, dann erscheint als erstes Resultat die Adresse von Booking.com. Zwar ist das Suchergebnis mit einer kleinen gelben Markierung als Werbung deklariert. Aber ich finde das Vorgehen von Google trotz allem nicht korrekt. Da müssen wir hinschauen, damit die Internetkonzerne nicht ein zu einfaches Spiel haben.

Wie können denn die Hoteliers auf diese Entwicklung reagieren?
Ich empfehle jedem Hotelier, dafür zu sorgen, dass er seine Zimmer über mehrere Kanäle verkauft. In meinem Hotel in Celerina sind es 3 Prozent, die wir über Booking.com verkaufen. Wenn wir in meinem Hotel zu viele Zimmer über Booking.com verkaufen, dann machen wir den Hahn dicht.

Verstossen Sie damit nicht gegen Bestimmungen von Booking.com?
Bei Booking.com gibt es intelligente Leute. Aber ich bin auch nicht der Dümmste.

Was muss ein Hotelier in den Bergen tun, damit es ihm besser geht?
Er muss eine enge Zusammenarbeit mit den anderen Hoteliers in seiner Destination – ich nenne es Erlebnisraum – anstreben. So sollten in den Tourismusorten Organisationen entstehen, die Erlebnisse anbieten. Eine solche Organisation könnte beispielsweise Angebote wie Kinderbetreuung, Ausflüge in die Natur, Wellness oder ein Unterhaltungsprogramm auf die Beine stellen. Es ist nicht sinnvoll, wenn jeder Hotelier dies allein tut.

Doch da steht man in den meisten Gebieten erst am Anfang.
Ich sage immer: Der Neid ist nach dem Föhn der zweitälteste Berner Oberländer. Mein Vorschlag basiert indes auf einem sehr alten Konzept: Die Bauern im Tal haben sich schon vor sehr langer Zeit zusammengetan und beispielsweise in Allmenden gemeinsam eine Alphütte errichtet und einen Senn angestellt. Jeder aber bleibt Eigentümer seiner Kühe, und am Ende der Alpsaison wird der Käse anhand der individuellen Milchleistungen geteilt.

Sie wollen also von den Bauern lernen. Sind die Bauern auch ein Vorbild in Bezug auf den Einfluss, den sie politisch erreicht haben?
Es war nie unser Ziel, aus der Hotellerie eine geschützte Werkstatt zu machen. Wir wollen unser Geld am Markt und nicht beim Staat verdienen. Ich finde, dass die Schweizer Landwirtschaftspolitik in die falsche Richtung geht. Irgendeinmal wird es ein böses Erwachen geben. Die Frage ist nicht, ob, sondern wann dies kommt.

Sie wettern gegen die Landwirtschaftspolitik, weil die Hoteliers billiger einkaufen möchten.
Wir haben vor allem beim Fleisch ein grosses Problem. Wir kaufen dies rund zweieinhalbmal so teuer ein wie unsere ausländischen Mitbewerber. Ich vergleiche hier mit Tirol. Der Protektionismus ist einfach zu ausgeprägt. Man will eigentlich die Bergbauern unterstützen, aber es profitieren vor allem die grossen Bauern im Mittelland. Und die Entwicklung geht gar noch weiter in die falsche Richtung.

Die Hoteliers sind mittlerweile die schärfsten Kritiker der Bauern.
Ich lege Wert auf die Feststellung, dass ich nicht die Bauern, sondern die Landwirtschaftspolitik kritisiere. Für mich ist es wichtig, dass es dem Tourismus und der Landwirtschaft gut geht. Ich habe ein gutes Verhältnis auch zu den Landwirtschaftsvertretern im Parlament. Und im Gespräch unter vier Augen ist das gegenseitige Verständnis gross. Aber am Schluss bewegen sie sich nicht, weil sie nicht müssen.

Das Volk hat Ja zur Masseneinwanderungsinitiative gesagt. Wie will die Hotellerie reagieren, die als Tieflohnbranche mit einem hohen Ausländeranteil gilt?
Die Hotellerie ist keine Hochlohnbranche, aber das Märchen mit den tiefen Löhnen stimmt nicht. Einem Mitarbeiter, der eine Lehre abgeschlossen hat, bezahlt die Hotellerie einen Monatslohn von 4100 Franken. Und dies dreizehnmal im Jahr. Von einem solchen Lohn kann man leben.

Aber wieso findet die Branche bei weitem nicht genügend Schweizer?
Die Schweizer haben einfach bessere Alternativen. Wenn man als Vertreter von Reinigungsmitteln mehr verdient und nicht am Abend und am Wochenende arbeiten muss, dann ist klar, wieso die Hotellerie Mühe hat, Schweizer zu rekrutieren.

Doch müsste sich die Hotellerie nicht Gedanken machen, wie sie Stellen schaffen kann, die für die Schweizer attraktiver sind?
Für mich ist klar, dass die Hotellerie nicht einfach Leute aus dem Ausland rekrutieren und sie nach kurzer Zeit dem Sozialstaat übergeben kann. Zudem gilt es beispielsweise Wiedereinsteigerinnen besser anzusprechen. Aber das ist nicht einfach: Ich finde beispielsweise in meinem Hotel in Celerina keine einheimische Frau, die das Frühstück servieren will. Die Schweizer haben das Dienen und Bedienen nicht in ihren Genen. Doch ich finde Dienen etwas Wunderschönes, vielleicht weil ich italienische Gene habe. Zum Glück haben die Jungen von heute diesbezüglich ein unverkrampfteres Verhältnis.

Es deutet vieles darauf hin, dass wieder Kontingente eingeführt werden. Das würde die Hotellerie zu spüren bekommen.
Ja sicher. Die Gefahr ist leider gross, dass wir den gleichen Blödsinn machen wie früher.

Doch die SVP pocht darauf.
Die SVP-Vertreter, mit denen ich im Gewerbeverband zu tun habe, finden das ebenfalls einen Blödsinn. Aber es gibt eben auch SVP-Vertreter, die das anders sehen. Doch jetzt braucht es einfach intelligente Lösungen.

Erstellt: 30.12.2014, 10:25 Uhr

Zur Person

Das Hotelier-Gen im Blut Guglielmo Brentel ist Gastgeber aus Passion. Das zeigt sich beim Gespräch im Hotel Bellevue Palace in Bern. Brentel bestellt einen Cappuccino, erhält aber einen Espresso serviert: Seine Enttäuschung über den Fehler des Kellners ist spürbar. Doch später erhält er von einer jungen Serviceangestellten einen Kaffee mit einer schönen Schaumkrone gereicht: «Haben Sie den selbst gemacht?», fragt er die junge Frau. Als sie bejaht, gratuliert er ihr begeistert zu ihrer Arbeit.

Brentel wurde im Juni 2005 in einer Kampfwahl als Präsident von Hotelleriesuisse gewählt. Ende Jahr übergibt er das Amt nun an den Lenzerheidner Hotelier Andreas Züllig.

Der 59-jährige Brentel ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Söhnen. Er ist in Unterseen als Hoteliersohn aufgewachsen. Als junger Mann ging er ins Ausland und arbeitete in zahlreichen Hotels. Heute ist er Besitzer des Hotels Chesa Rosatsch in Celerina, das ein Geschäftsführer leitet. Weiter gehört er den Verwaltungsräten mehrerer Hotels und des Flughafens Zürich an. Schliesslich ist vorgesehen, dass er das Präsidium der Ecole hôtelière in Lausanne übernehmen wird.

Brentel wohnt seit 25 Jahren in Altendorf SZ am oberen Zürichsee und fühlt sich im Grossraum Zürich zu Hause: «Im Herzen bin ich mittlerweile ein Zürcher. In Zürich hat man als Berner eher einen Vorteil.» Seine Verbundenheit mit dem Kanton unterstreicht er als Vizepräsident von Zürich Tourismus.

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