Wallstreet-Retter auf der Anklagebank

Hat die US-Regierung den Versicherungskonzern AIG zugunsten der Grossbanken geopfert?

Führt 300'000 Sammelkläger an: Ex-AIG-Chef Maurice Greenberg (2009). Foto: AFP

Führt 300'000 Sammelkläger an: Ex-AIG-Chef Maurice Greenberg (2009). Foto: AFP

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Für den 89-jährigen Maurice «Hank» Greenberg geht es um sein Lebenswerk. Im grössten Prozess nach der Finanzkrise vor sechs Jahren fordert er eine Wiedergutmachung von 40 Milliarden Dollar. Sein Vorwurf an die Regierung: Sie habe den Versicherungskonzern AIG verfassungswidrig enteignet und damit die Rettung der ihr nahestehenden Wallstreet-Banken finanziert.

Zu beurteilen ist die kontroverse Rettungsaktion an der Wallstreet von 2008, bei der die Regierung scheinbar willkürlich einzelne Institute untergehen liess (Lehman), sie zur Fusion zwang (Bear Stearns, Merrill Lynch) oder sie vorübergehend verstaatlichte (Fannie Mae, AIG). Zum ersten Mal müssen die Verantwortlichen von damals vor Gericht aussagen: Ex-Notenbankchef Ben Bernanke ist ebenso aufgeboten worden wie die ehemaligen Finanzminister Timothy Geithner und Henry Paulson. Dabei scheint es dem streitbaren Greenberg nur darum zu gehen, seine Ehre zu ­retten und sein Ego zu befriedigen. Immerhin hatte er AIG zum führenden Versicherungskonzern gemacht und sich selber als Hauptakteur der Finanzindustrie über die USA hinaus etabliert.

Totale Sorglosigkeit

Doch auf den zweiten Blick geht es um mehr als den verletzten Stolz eines Unternehmers. AIG war nämlich 2008 finan­ziell mindestens ebenso stark wie die Wallstreet-Banken und wies hohe Bilanz­reserven auf. Weshalb die Regierung AIG dennoch verstaatlichte, haben die Verantwortlichen bis heute nicht befriedigend erklärt. Wie umstritten die Rettungsaktion noch immer ist, geht daraus hervor, dass die Regierung dem Gericht vorschreiben will, die bisher erfolgten Befragungen von Bernanke und Geithner unter Verschluss zu halten. Dies ist der Regierung bisher auch ge­lungen, doch ficht Greenberg auch diese Geheimhaltungspolitik an. Orchestriert wurde der AIG-Deal von der New Yorker Filiale der Notenbank noch unter der Führung des späteren Finanzministers Geithner.

Die AIG bestand aus zwei Unter­nehmen: dem grossen Versicherungskonzern in den USA und einer auf Finanzspekulationen ausgerichteten Einheit in London. Diese «Financial Products» waren es, die den Ruin brachten. Sie hatte auf hoch riskante Hypothekarpapiere der Wallstreet-Banken gewettet, in der Hoffnung, gross zu kassieren. Diese Spekulationen setzten AIG schliesslich einem Verlustrisiko von 2,7 Billionen Dollar aus, ohne dass sich Greenberg dessen bewusst gewesen sein dürfte. Die Verantwortungslosigkeit der AIG-Spitze lässt sich daran bemessen, dass die Wahrscheinlichkeit des Totalverlusts der Spekulationen auf nur 0,15 Prozent berechnet wurde. «Die ­Modelle zeigten, dass die Kommissionen extrem risikoarm und als ‹free money› genossen werden konnten», sagte der Londoner AIG-Chef Tom Savage.

Vorzugsbehandlung der Banken

Doch das Unerwartete geschah: Der Kollaps von Lehman brachte das ganze Kartenhaus an der Wallstreet zu Fall, inklusive AIG. Die Regierung versuchte nach eigenen Angaben zwar, private Geld­geber für AIG zu finden, doch niemand wollte helfen. Weshalb indessen die Notenbank und das Finanzministerium den Konzern weit härter anpackten als die Banken, ist aus Sicht von Greenberg die entscheidende Frage. Er wirft der Regierung vor, seinen Konzern als eine Art Sparschwein missbraucht und die Verstaatlichung gebraucht zu haben, um den Auskauf der Banken zu finanzieren.

Tatsächlich musste AIG für die Staatshilfe von insgesamt mehr als 182 Milliarden Dollar Zinsen von 14 Prozent zahlen, während die Banken mit nur 2,25 Prozent davonkamen. Zudem übernahm die Regierung die Aktienmehrheit an AIG, obwohl sich eine Verstaatlichung einer völlig illiquiden Bank wie der Citigroup weit mehr aufgedrängt hätte. Ex-Finanzminister Paulson hat bereits eingeräumt, dass die Citigroup an sich das grössere Risiko war als AIG und dennoch günstigere Kredite erhalten hat. Zu erklären hat er nun vor Gericht, ob die ­engen personellen Verflechtungen ­zwischen der Bank und dem Finanz­ministerium eine Rolle spielten.

Pikant ist auch der Ausgang der Rettungs­aktion. AIG zahlte bereits 2011 die Regierungshilfen voll zurück, und der Staat konnte mit dem Verkauf der AIG-Papiere sogar einen Gewinn von 22,7 Milliarden Dollar erzielen. Greenberg fühlt sich übervorteilt; und so fühlen sich auch die 300'000 Aktionäre, die sich seiner Sammelklage angeschlossen haben. Der Prozess vor einem Sonder­gericht in Washington dürfte mehrere Wochen dauern.

Erstellt: 29.09.2014, 23:33 Uhr

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