Hintergrund

Wann die Chinesen Airbus und Boeing überflügeln

China & Co. sollen den Flugzeugmarkt aufmischen – könnte man meinen. Doch der Anteil weltweiter Flugzeugbestellungen ist gegenüber Airbus und Boeing bescheiden.

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Die Chinesen erobern die Weltwirtschaft – und auch zunehmend den Luftfahrtmarkt, wie diverse Medien in den letzten Jahren berichteten. Der Flugzeughersteller Comac baut zurzeit den C919, der einst den A320 von Airbus und die 737 von Boeing konkurrenzieren soll. Auch den Herstellern Bombardier aus Kanada und der brasilianischen Embraer wird nachgesagt, dass sie Airbus und Boeing bei den Kurz- und Mittelstreckenflugzeugen das Wasser abgraben könnten.

Allerdings zeigen die aktuellen Bestellungszahlen ein anderes Bild: An der am Sonntag zu Ende gegangenen Luftfahrtmesse in Le Bourget bei Paris räumten der US-Hersteller Boeing und der deutsch-französische Airbus-Konzern den Mammutanteil der Flugzeugbestellungen ab. Die kleineren Anbieter kehrten mit einem teils erfreulichen, aber vergleichsweise sehr bescheidenen Auftragsvolumen nach Hause. Wann folgt nun die vielzitierte Eroberung des Luftfahrtmarkts durch China und Co.?

Schwierig, in den westlichen Markt einzutreten

«Embraer und Bombardier haben sich bereits im internationalen Markt etabliert, allerdings gewinnen sie aktuell nur wenige Neuaufträge», sagt Cord Schellenberg, Aviatikexperte aus Hamburg, gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Bombardier habe in Le Bourget sehr wenige Aufträge erhalten, weder für die CSeries 100 noch die Dash-8. Diese Flugzeugtypen seien offenbar weniger gefragt, weil die Nachfrage nach Flugzeugen mit mehr als 150 Plätzen ungebrochen sei. Davon profitierten vor allem Airbus mit der A320-Familie und Boeing mit der 737.

«Auch bei den chinesischen Herstellern wäre es optimistisch zu sagen, sie würden in den nächsten Jahren den Markt aufmischen», so Schellenberg. Er glaubt eher, dass sie bis dann erst einmal in den Markt ausserhalb ihrer Länder eintreten werden. «Sie können zufrieden sein, wenn sie in den nächsten zehn, zwanzig Jahren den Eintritt in den westlichen Markt schaffen.» Diverse Luftfahrtkenner sind sich einig, es sei schwierig, den westlichen Markt von den Produkten zu überzeugen. So würden anfangs vor allem die Chinesen bei den Chinesen einkaufen.

Kontakt halten statt bestellen

Schellenberg geht davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren wohl keine bedeutende europäische oder amerikanische Airline Flugzeuge aus China oder Russland ordern wird. «Die Airlines können auch nicht Boeing oder Airbus beeindrucken, wenn sie sagen, sie würden mit den Chinesen verhandeln. Dann lehnen sich die beiden grossen Hersteller zurück, weil es dort momentan keinen Flugzeugtyp gibt, der ihr Geschäft bedroht.»

Vielmehr ist es laut Schellenberg so, dass Airlines wie die Lufthansa ihre Wünsche auf dem Luftfahrtmarkt platzieren, die verschiedenen Anbieter beobachten und mit ihnen reden – also nicht nur mit Boeing und Airbus. «Mit den chinesischen, aber auch mit russischen Herstellern wie etwa Sukhoi, sprechen die westlichen Airlines, um mit ihnen Kontakt zu halten – nicht um zu bestellen.»

Der Preis ist nicht alles

Trotzdem dürfte sich die Aufmerksamkeit der Fluggesellschaften irgendwann verlagern. Warum sollte sich eine westliche Airline dereinst für Flugzeuge aus China oder Russland entscheiden? «Der Preis muss attraktiv sein, aber er ist nicht alles», so Schellenberg. «Auch die Technik und Zuverlässigkeit zählen. Was nützt ein tiefer Kaufpreis, wenn man sich später ständig mit umtriebigen und teuren Reparaturen herumschlägt?» Wie der Experte aus Hamburg weiss, sagen die europäischen Airlines in China immer wieder: «Macht die Entwicklung erstklassig, die Produktion und Ersatzteilversorgung stabil, dann habt ihr eine Chance, mit den Herstellern, die das schon beherrschen, zu konkurrieren.» Um überhaupt verkaufbar zu sein, müssten die Flugzeuge ausserdem am Weltmarkt zertifiziert werden, und sie sollten mindestens 20 Jahre im Linieneinsatz sein können, erklärt Schellenberg.

Das Wiederverkaufsargument ist laut dem Experten ebenfalls zentral: «Wer will ein Flugzeug kaufen, das nur in einem kleinen Marktsegment gefragt ist?» Für moderne Boeing- und Airbus-Flugzeuge finde man immer einen Käufer oder Leasingnehmer – ähnlich wie bei den Autos. Zum Beispiel verkaufe sich ein VW Golf leichter als ein seltenes Exemplar eines anderen Anbieters, das nur für Liebhaber interessant sei. Wichtig ist Schellenberg zufolge auch, dass die Flotten bestimmter Flugzeugtypen gross genug sind. «So lohnt sich ein Flottenmix von unterschiedlichen Anbietern für eine Airline.»

Erstellt: 25.06.2013, 20:05 Uhr

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