War sie zu «pushy» oder einfach der Lohn zu tief?

Überraschend muss «New York Times»-Chefredaktorin Jill Abramson ihren Stuhl räumen. Der gestrige Abgang war radikal.

Eckte mit ihrem forschen Führungsstil an: Jill Abramson.

Eckte mit ihrem forschen Führungsstil an: Jill Abramson. Bild: Keystone

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Die Entlassung der 60-jährigen Jill Abramson überraschte die Redaktion und schockierte sie. Herausgeber Arthur Sulzberger hatte am Mittwochnachmittag kurzfristig zu einem Treffen geladen, wo er knapp bekannt gab, dass Dean Baquet der neue Chefredaktor sei. Er wolle nicht näher auf die Hintergründe der Entlassung eingehen, so Sulzberger, doch müsse «ein Problem bei der Führung der Nachrichtenredaktion» behoben werden.

Dean Baquet war als Chef vom Dienst direkt Jill Abramson unterstellt, geriet jedoch offenbar mit ihr in den letzten Monaten zunehmend in Streitereien über die Art der täglichen Berichterstattung und die Bedeutung der Onlineausgabe. Differenzen hatte Abramson indessen auch mit Herausgeber Sulzberger und mit dem Konzernchef der «New York Times», dem früheren BBC-Journalisten Mark Thompson.

Krach um tieferen Frauenlohn

Die internen Querelen waren in den letzten Monaten in Form von kritischen Berichten durch andere Medien durchgesickert. Dabei entsteht das Bild einer Chefredaktorin, die das Blatt schneller auf die neue, digitale Medienwelt umpolen wollte und mit einem forschen, kurz angebundenen Stil viele Mitarbeiter vor den Kopf stiess. Doch schuf sie sich ebenso eine treue Gefolgschaft. Nate Silver etwa, der mit seinem FiveThirtyEight-Blog während der letzten beiden nationalen Wahlen mit präzisen Prognosen geglänzt hatte, gab sich gestern als Fan zu erkennen: «Sie hat verdammt viel mehr für die ‹New York Times› getan als das oberste Kader.» Ken Auletta, ein intimer Kenner der lokalen Medienszene, berichtete im Magazin «The New Yorker», wie Abramson vor kurzem herausgefunden habe, dass ihr Lohn und ihre Nebenleistungen weit tiefer lägen als jene ihres Vorgängers Bill Keller.

Dieser Vorwurf wird vom Herausgeber bestritten. Dennoch kam es deswegen zu einer heftigen Konfrontation, so Auletta, was bei ihren Vorgesetzten den Eindruck verstärkte, sie sei zu pushy. Mit «pushy» ist eine forsche, etwas grobe Persönlichkeit gemeint, mit Blick auf Frauen oft in einem abwertenden Sinn. Die Entlassung von Abramson könnte deshalb zu einer Gegenreaktion in der Redaktion führen, die sie bewusst verjüngt und mit mehr weiblichen Kräften ergänzt hatte.

Das tätowierte «T» aus Liebe

Freilich hatte sich die Krise schon früher bemerkbar gemacht. Abramson war in entscheidenden Momenten nicht auf der Redaktion anzutreffen. Besonders zu spüren war dies im Oktober 2012, als der Hurrikan Sandy die Grossregion New York heimsuchte und Abramsons Absenz nach Ansicht von Herausgeber Sulzberger den Eindruck vermittelte, die Zeitung sei zu wenig engagiert. Ihr wurde zudem vorgeworfen, sich zu wenig um öffentliche Auftritte und Konferenzen zu kümmern. Dafür verliessen seit ihrem Stellenantritt mehr als 30 etablierte Journalisten die Zeitung; unter ihnen etliche Preisträger.

Der Abgang war radikal: Wenige Minuten nach der Ankündigung des Wechsels war Abramsons Name bereits aus dem Impressum gelöscht, und sie hatte die Redaktion verlassen. Abramson war 1997 zur «New York Times» gestossen und hatte sich als Zeichen der Verbundenheit gar ein «T» auf ihre Schultern tätowieren lassen. Ihr Nachfolger Dean Baquet ist 57 Jahre alt und der erste Afroamerikaner an der Spitze der «New York Times».

Vorgehen wie vor elf Jahren

Schon 2003 war es zu einem grossen Knatsch bei der «New York Times» gekommen. Chefredaktor Howell Raines wurde zur Demission gezwungen, weil unter seiner Führung eine lange Serie von Berichten in Form von Plagiaten erschienen war, die dem Ruf der Zeitung nachhaltig schadete. Sulzberger ernannte damals Bill Keller zum Nachfolger von Raines, nachdem er ihn zuvor übergangen hatte. Das gleiche Muster spielt nun erneut: Dean Baquet war vor drei Jahren zugunsten von Abramson übergangen worden und folgt ihr nun im zweiten Anlauf nach.

Erstellt: 15.05.2014, 07:18 Uhr

Abramson tritt ab, er übernimmt: Dean Baquet. (Bild: Keystone )

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