Waren bei Leonteq Insider am Werk?

Der Rücktritt von Vincenz und Patrik Gisel aus dem Verwaltungsrat war klare Sache. Doch die Firma gab ihn erst später bekannt. Mit dem Wissensvorsprung konnte man Kasse machen.

Patrik Gisel (links), Raiffeisen-Chef und Pierin Vincenz, Leonteq-Verwaltungsratspräsident. Fotos: Gian Ehrenzeller (Keystone) und Ennio Leanza (Keystone)

Patrik Gisel (links), Raiffeisen-Chef und Pierin Vincenz, Leonteq-Verwaltungsratspräsident. Fotos: Gian Ehrenzeller (Keystone) und Ennio Leanza (Keystone)

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Am Donnerstagmorgen vor einer Woche teilte der im vergangenen Jahr in grosse Schwierigkeiten geratene Finanzdienstleister Leonteq mit, dass er im ersten Halbjahr wider Erwarten schwarze Zahlen geschrieben hat. Zugleich gab er überraschend den Rücktritt von Verwaltungsratspräsident Pierin Vincenz bekannt. Und auch jenen von Patrik Gisel, Chef der Hauptaktionärin Raiffeisen. Bis Ende Jahr sollen an einer ausserordentlichen Generalversammlung ihre Nachfolger bestimmt werden.

Die drei Nachrichten wurden von den Anlegern mit Applaus begrüsst: Die Leonteq-Aktien schossen am Donnerstag um 10 Prozent in die Höhe. Doch schon am Mittwoch hatten sie um 3,2 Prozent zugelegt – bei deutlich höheren Handelsvolumen als am Dienstag, aber ohne ersichtlichen Grund.

Infografik: Sprunghafter Anstieg nach der Verwaltungsratssitzung Grafik vergrössern

Noch verdächtiger war, dass es am Mittwochabend, also kurz vor der Bekanntgabe der beiden Rücktritte und der Halbjahreszahlen, zu auffälligen spekulativen Käufen kam. Der Börsenbeobachter François Bloch zeichnete diese auf seiner Online-Börsenkolumne «The Week» im Detail nach: Um 16.21 Uhr, 17.09 und 17.22 Uhr wurden von einem oder mehreren Anlegern in gehäufter Form Leonteq-Call-Warrants zugekauft, welche die Bank Julius Bär herausgegeben hatte. Mit diesen strukturierten Produkten wird auf steigende Kurse eines Basiswerts – in diesem Fall die Leonteq-Aktie – spekuliert. Steigt dieser stark an, gewinnt der Anleger ein Vielfaches. Auch der Bank Vontobel wurde ein von ihr herausgegebener Leonteq-Call-Warrant am Mittwochabend förmlich aus den Händen gerissen.

«Anlass für eine Untersuchung»

Dies wirft die Frage auf: Waren Insider am Werk? Oder war die konzertierte Aktion purer Zufall? Jedenfalls lohnte sich für den oder die unbekannten Investoren der spekulative Zukauf kurz vor Börsenschluss: Als die Leonteq-Aktie am Donnerstag um 10 Prozent anzog, verdienten die glücklichen Besitzer der Call-Warrants gutes Geld.

«Diese Kursbewegungen sind so auffällig, dass es genügend Anlass für eine Untersuchung gibt, ob ein Insiderdelikt vorliegt», sagt der Aktien- und Kapitalmarktrechtler Peter Nobel. «Da hat womöglich jemand dank Insiderwissen Positionen aufgebaut.»

Fragen stellen sich auch zum Verhalten von Leonteq selber. Denn dass Vincenz und Gisel zurücktreten würden, war nicht erst am Donnerstagmorgen klar, sondern schon an der Sitzung des Verwaltungsrats vom Dienstag. Dominik Ruggli, Leiter Investor Relations von Leonteq, bestätigt: «Anlässlich der Verwaltungsratssitzung vom 18. Juli 2017 haben die Verwaltungsräte Pierin Vincenz und Patrik Gisel Überlegungen zu einem Rücktritt gemacht.»

Doch warum gab Leonteq diese zweifellos börsenrelevante Tatsache nicht unmittelbar nach der Verwaltungsratssitzung – also am Dienstagabend nach Börsenschluss oder am Mittwochmorgen vor Börsenbeginn – bekannt, wie es die Regeln der Schweizer Börse SIX vorschreiben? Ruggli sagt dazu: «Besprechungen am Dienstag im Nachgang zur Verwaltungsratssitzung sowie am Mittwoch im Verlaufe des Tages haben zu der am Donnerstag vor Handelsbeginn gemachten Meldung geführt.» Die Regeln der SIX zur Ad-hoc-Publizität seien jederzeit eingehalten worden, beteuert Ruggli – ohne näher zu erläutern, wie dies geschehen sein soll.

Aktienrechtler Peter V. Kunz sagt, ein Verwaltungsrat könne eine börsenrelevante Mitteilung durchaus um ein paar Tage aufschieben, sofern er die Geheimhaltung sicherstelle. Peter Nobel bezeichnet das Verhalten von Leonteq hingegen als «Grenzfall». Es sei fraglich, ob die verzögerte Mitteilung gerechtfertigt gewesen sei. Präsident Pierin Vincenz räumt ein, dass sein Rücktritt und jener von Patrik Gisel schon am Dienstag an der Verwaltungsratssitzung klar gewesen sei. Er begründet die verzögerte Bekanntgabe damit, dass am Mittwoch «noch ein paar fundamentale Fragen zu klären» waren. Dies sei nicht an einer weiteren Sitzung geschehen, sondern auf bilateralem, telefonischem Weg. So sei nach der Sitzung vom Dienstag noch offen gewesen, wie viele unabhängige Vertreter in den Verwaltungsrat zugewählt werden sollten. Auch sei der Zeitplan noch nicht geklärt gewesen.

Das war er aber auch am Donnerstag bei der offiziellen Bekanntgabe nicht: Wann die ausserordentliche Generalversammlung stattfinden wird, ist offen.

Erstellt: 27.07.2017, 22:20 Uhr

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