Warum Informatiker trotz vieler Vakanzen keine Stelle finden

Tausende Informatiker werden gesucht, und trotzdem gibt es in der Branche viele Arbeitslose. Ein Stellenvermittler und der Branchenverband erklären, weshalb.

Ab 50 Jahren wird vielen IT-Fachleuten der Stecker gezogen: Ein überdimensioniertes Netzwerkkabel am Stand der deutschen Telekom an der Messe Cebit 2014 im deutschen Hannover. (8. März 2014)

Ab 50 Jahren wird vielen IT-Fachleuten der Stecker gezogen: Ein überdimensioniertes Netzwerkkabel am Stand der deutschen Telekom an der Messe Cebit 2014 im deutschen Hannover. (8. März 2014) Bild: Keystone

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Seit Jahren beklagt sich die Branche der Informations- und Kommunikationstechnik (ICT) über zu wenige Fachkräfte. Dies soll sich bis ins Jahr 2022 verschärfen, wenn 87'000 Informatiker benötigt werden (wir berichteten). Doch gleichzeitig sind gut 3000 Informatiker in der Schweiz ohne Stelle, sind teils seit Jahren auf der Suche und haben Hunderte Bewerbungen verschickt – ohne Erfolg.

Die Frustration spiegelt sich in Kommentaren von Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Lesern wider: «Da sucht man als 50+ und IT-Spezialist seit Jahren eine Arbeitsstelle und hat keine Chance aufgrund des Alters. Zur gleichen Zeit stöhnt der Branchenverband über fehlende IT-Fachleute», empört sich Leser Max Koller. Einige bemängeln, dass ihre Söhne keine Ausbildungs- und Praktikumsplätze in der IT finden. Es seien kaum Arbeitgeber zu finden, die in die Aus- und Weiterbildung investieren wollten.

«Das Problem ist: Firmen suchen sehr selektiv, warten also lieber auf den richtigen Mitarbeiter, anstatt einen Kompromiss einzugehen», sagt Rolf Walser, Geschäftsführer der Personal- und Unternehmensberatung Nexus, die auf die Vermittlung von ICT-Fachleuten spezialisiert ist. Momentan sind bei Nexus zwischen 300 und 400 Stellensuchende eingetragen. Die Branche bevorzuge Hochschulabsolventen und Lehrabgänger, die günstiger arbeiten als ältere Arbeitnehmer. Das erschwere die Jobsuche für Leute ab 45 bis 50 Jahren. Über 45-jährige Kunden der Stellenvermittlung Nexus finden im Schnitt nach 6 bis 12 Monaten wieder eine ICT-Stelle, jüngere nach 3 bis 6 Monaten, wie Walser ausführt.

Es gibt nicht DEN Informatiker

Laut Andreas Kaelin, Geschäftsführer des Berufsverbands ICT-Berufsbildung Schweiz, beträgt der Anteil an offenen Stellen in der Branche 3,4 Prozent, also rund 6000 Jobs. «Dies ist ein Indiz, dass ein Ungleichgewicht zwischen Anforderungen der Wirtschaft und Kompetenzen der Stellensuchenden herrscht. Wir wollen deshalb das Profil der arbeitslosen ICT-Leute genauer analysieren und herausfinden, warum sie nicht zu einer Stelle passen», so Kaelin.

Ein wichtiger Grund, warum Informatiker keine Anstellung finden, ist der hohe Spezialisierungsgrad: Laut Kaelin arbeiten zwei Drittel der Fachkräfte ausserhalb der ICT-Branche, etwa in Banken, Versicherungen oder der öffentlichen Verwaltung. «Wenn es in einer wichtigen Branche wie den Banken zu Restrukturierungen kommt, werden auch viele ICT-Leute arbeitslos – doch die können nicht so einfach in andere Branchen oder Funktionen transferiert werden», beschreibt Kaelin das Problem. «Davon ist derzeit der Grossraum Zürich besonders betroffen.»

Am dringendsten gesucht sind laut Kaelin gut ausgebildete Software-Ingenieure, die fundiert ausgebildet und «up to date» sind. Doch einige arbeitslose Informatiker seien wenig ICT-qualifiziert und verfügten nur über stark branchenspezifische Kenntnisse. «Wer weder fundiert ICT-gebildet ist noch von der Pike auf im ICT-Sektor gearbeitet hat, lässt sich kaum zum Software-Ingenieur umschulen», so Kaelin.

Früh an die Informatik heranführen

Die erwähnte «Zwei Drittel, ein Drittel»-Regelung spielt Kaelin zufolge auch in der Aus- und Weiterbildung eine Rolle: Während es in den ICT-Unternehmen naheliegend sei, für Nachwuchs und Weiterbildung zu sorgen, müssen Nicht-ICT-Firmen noch stärker dafür sensibilisiert werden – auch wenn sich bezüglich Lehrstellen in den letzten Jahren einiges getan habe. Seit 2009 hat sich die Anzahl Ausbildungsplätze in der beruflichen Grundbildung um 1637 auf 8668 erhöht.

Punkto Nachwuchs muss sich auch in den Schulen noch einiges tun, wie Nexus-Chef Walser betont: «In den letzten Jahren hat eine gewisse Technikverdrossenheit stattgefunden, und das in Zeiten von Smartphones und dergleichen.» Wissenschaftliche Fächer seien – besonders seit der Maturareform Ende der 1990er-Jahre – abgewertet worden zugunsten von Sprachen und sozialen PPP-Fächern, also Philosophie, Psychologie und Pädagogik.

Doch sei es wichtig, so Walser, dass Jugendliche schon früh an Themen herangeführt werden. An der Berufsschule in Muttenz BL etwa gibt es ein sogenanntes ICT-Scout-Programm, mit dem ICT-affine Jugendliche gesucht und angesprochen würden. Zudem gebe es Erlebniswochen, um die Faszination für das Berufsfeld zu wecken. «Dies sollte viel stärker angeboten werden. In der Schweiz ist viel Potenzial für ICT-Nachwuchs vorhanden», ist Walser überzeugt.

Weiterbildung ist nicht alles

Die Ausbildung allein genügt jedoch nicht: In der sich ständig entwickelnden ICT-Branche muss sich weiterbilden, wer dranbleiben will, so der allgemeine Tenor. Trotzdem beklagen sich viele Stellensuchende, dass sie trotz stetiger Weiterbildung keine Stelle finden – oder ihr Arbeitgeber weigert sich, die kostspieligen Kurse zu bezahlen. Wo liegt das Problem? Laut Nexus-Chef Rolf Walser ist Weiterbildung per se nicht alles. Diese und die bisherige Arbeitsstelle müssten einen starken Bezug zueinander haben, die Erfahrung zähle mehr als das Zertifikat.

Stellt sich die Frage, ob überhaupt ein Mangel an ICT-Fachkräften herrscht: Laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) waren Ende Dezember 2013 genau 3234 Informatiker ohne Arbeit, 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Trotzdem herrscht laut dem Seco kein echter Mangel, denn dieser wäre an überdurchschnittlichen Lohnsteigerungen erkennbar. Diese hätten in den letzten Jahren jedoch kaum stattgefunden.

Beklagt sich die ICT-Branche also aus strategischen Gründen alle paar Jahre über einen Fachkräftemangel, um eine Rekrutierung im Ausland zu rechtfertigen? Nexus-Geschäftsführer Rolf Walser verneint. «Der Fachkräftemangel ist ein ausgewiesenes Problem, es ist ein Weckruf nötig.» Und ICT-Switzerland-Geschäftsführer Andreas Kaelin weist darauf hin, dass die gängigen Faktoren auf eine Knappheit an qualifizierten Informatikern hinweisen: der überdurchschnittlich grosse Bedarf in der Wirtschaft, die unterdurchschnittliche Arbeitslosenquote und die überdurchschnittlich starke Zuwanderung an ICT-Fachleuten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.09.2014, 20:10 Uhr

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