Warum Plastik gar nicht so böse ist

Bei den Kunden ist Kunststoff verpönt. Dabei ist der schlechte Ruf des Materials nicht gerechtfertigt. Was der Umwelt mehr hilft als ein Plastikboykott.

Plastik mache Lebensmittel zudem oft länger haltbar, womit das Material helfen könne, Ressourcen zu schonen, sagt Thomas Kägi von der Umweltberatungsfirma Carbotech. Foto: plainpicture

Plastik mache Lebensmittel zudem oft länger haltbar, womit das Material helfen könne, Ressourcen zu schonen, sagt Thomas Kägi von der Umweltberatungsfirma Carbotech. Foto: plainpicture

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Die Coop-Kundin ist empört: «Ist das euer Ernst? Jeder Beutel einzeln in PLASTIK verpackt? Und das bei Biotee?!», schreibt sie auf Facebook. Wegen Verpackungen aus Kunststoff müssen die Grossverteiler und Nahrungsmittelproduzenten viel Kritik einstecken. Egal ob bei Tee, Biogemüse oder Sandwiches und Salaten. Viele Nutzer von sozialen Netzwerken sind sich einig: Plastik ist schlecht. Das Material verschmutzt die Umwelt und gehört aus den Regalen der Supermärkte verbannt.

Auch bei den Spezialisten für Nachhaltigkeit der Migros dominiert das Thema. «Bei Kundenanfragen spüren wir eine ganz starke Zunahme zum Thema Verpackungen und speziell Plastik», sagt Hanna Krayer, Projektleiterin Nachhaltigkeit beim Grossverteiler. Woher kommt diese Wut der Konsumenten? Bilder von Meeresschildkröten und Walen, die im Plastikmüll ersticken, machen betroffen. In Ländern ohne funktionierendes Entsorgungssystem sorgt die ständig steigende Plastikflut für verschmutzte Landschaften und Meere – mit fatalen Folgen.

Weniger Fleisch essen

Doch in der Schweiz versteifen sich die Verbraucher mit ihrer Abwehrhaltung gegen Plastik auf das falsche Thema, sagen Experten. Plastik landet hier meist in der Verbrennungsanlage, PET im Recycling. Bei Nahrungsmitteln komme es viel mehr auf den Inhalt als auf die Verpackung an, sagt Roland Hischier, Ökobilanz­experte von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt. Viel mehr Ressourcen als die Kunststoffhülle verschlingt die Herstellung des Inhalts. Bei einem Liter Milch fällt die Plastik­flasche mit fünf Prozent ins Gewicht. Bei der in Plastik umwickelten Salatgurke macht die Verpackung nur zwei Prozent des ökologischen Fussabdrucks aus.

Plastik mache Lebensmittel zudem oft länger haltbar, womit das Material helfen könne, Ressourcen zu schonen, sagt Thomas Kägi von der Umweltberatungsfirma Carbotech. «Es gibt bis 20 Prozent mehr Food-Waste, wenn die Salatgurke im Supermarkt nicht im Plastik ist. Bei anderem Gemüse und bei Früchten ist das ähnlich.» Wer kein Essen wegwirft, tut mehr für die Umwelt als mit dem Verzicht auf Plastik.

Den eigenen ökologischen Fussabdruck können Konsumenten mit anderen Massnahmen als dem Plastikboykott viel effektiver verringern. Doch die sind unbequemer. «Es ist als Konsument relativ einfach, auf das Thema Plastik zu fokussieren. Der Verzicht auf Fleisch oder das Auto wäre viel einschneidender», sagt Kägi. Die Händler gingen bei manchen Produkten den falschen Weg, wenn sie das Material wegliessen. «Oft wäre es nachhaltiger, den Konsumenten aufzuzeigen, dass Plastikverpackungen Food-Waste vermeiden und daher sinnvoll sind.»

Doch wenn Händler und Hersteller den Einsatz von Kunststoff verteidigen, drohen sie zur Zielscheibe des Hasses auf Plastik zu werden. Stattdessen listen die Detailhändler lieber auf, von welchen Produkten sie Plastik entfernen oder wie sie das Material ersetzen. «Es ist schwierig, den Kunden zu vermitteln, dass das Material sinnvoll eingesetzt werden kann, sofern es korrekt entsorgt ist.» sagt Hanna Krayer von der Migros. Ein Branchenexperte, der nicht genannt werden will, geht noch weiter: «Kaum ein Händler traut sich noch, öffentlich etwas Gutes über Plastik zu sagen.»

Und das, obwohl Plastik im Vergleich zu anderen Verpackungsmaterialien oft sogar die bessere Variante sein kann. Entscheidend ist das Gewicht. Das Joghurt im Einwegglas belastet die Umwelt stärker, als wenn es in einen Plastikbecher abgefüllt wird, selbst wenn der Becher im Abfall und das Glas im Recycling-Container landet.

Alternativen zu Plastik haben zudem ihre Tücken. Dabei sind schlecht funktionierende Strohhalme aus Papier oder der Eigengeschmack von Holzbesteck ein eher nebensächliches Problem. Ernster wird es, wenn Verpackungsmaterialien den Inhalt verunreinigen. Die deutsche Stiftung Warentest hat im vergangenen Jahr Trinkbecher aus Bambus untersucht. Die werden von den Herstellern als biologisch abbaubar angepriesen. Das Fazit der Tester: «Lassen Sie die Finger von Bambusbechern.» Mehr als die Hälfte der zwölf getesteten Becher setzte Schadstoffe frei, die als schädlich für die Gesundheit gelten. Der Kaffee oder Tee war dadurch verunreinigt.

Und warum steckt Coop jeden Beutel Biotee in Plastik? Die Verpackung gewährleiste einen optimalen Schutz. Ansonsten würden die ätherischen Öle verdunsten, und der Tee würde rascher an Geschmack verlieren. Mit Plastik hielten sich die Aromen etwa zwei Jahre, schreibt der Grossverteiler auf Facebook. Die Antwort erhielt im Gegensatz zur Nachricht der aufgebrachten Kundin allerdings keine Likes.



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Erstellt: 02.02.2020, 14:21 Uhr

«Oliven kauft man besser im Plastikbeutel»

Laut Ökobilanzexperte Roland Hischier von der Materialprüfungs- und Forschungsanstalt hat Plastik viele gute Eigenschaften.

«Wie etwas ­eingepackt ist, spielt beim ­ökologischen ­Fussabdruck nur eine Nebenrolle»: Roland Hischier. Foto: PD

Konsumenten fordern vom Detailhandel, auf Plastik zu verzichten. Wie sinnvoll ist das?
Plastik hat ein miserables Image. Gleichzeitig hat das Material sehr positive Eigenschaften. Es ist leicht, schützt Lebensmittel und verlängert damit deren Lebensdauer. All das wird von vielen Konsumenten ausgeblendet.

Warum hat Plastik ein Imageproblem?
Wenn Plastikmüll im Meer landet, ist das natürlich schlecht. Bilder von zugemüllten Stränden sind abschreckend. Doch in einem funktionierenden Entsorgungssystem wie in der Schweiz wird das aus Erdöl bestehende Material rezykliert oder verbrannt. Die Umweltbelastung von Letzterem ist mit einer Ölheizung vergleichbar; ich hatte einfach noch einen Zusatznutzen davor.

Braucht es den Plastik ums Gemüse?
Das kommt aufs Gemüse an. Eine Salatgurke hält in Plastik eingewickelt einfach länger. Detailhändler, die darauf verzichten, beruhigen vielleicht ihre Kunden, müssen aber mehr Lebensmittel wegwerfen. Mit Blick auf die Ökobilanz ist dies viel schlimmer. Wir sollten viel mehr darauf achten, möglichst wenig Lebensmittel wegzuwerfen. Wie etwas eingepackt ist, spielt beim ökologischen Fussabdruck nur eine Nebenrolle.

Das Thema Verpackung wird überbewertet?
Wer etwas weniger Fleisch isst und generell nur so viel kauft, wie er auch konsumiert, tut bestimmt mehr für die Umwelt, als wenn er auf Plastik verzichtet. Der Inhalt ist viel relevanter als die Verpackung.

Sehen Sie Bereiche, in denen Händler und Hersteller auf Plastik verzichten sollten?
Ein erster Schritt ist, wenn die Hersteller die Verpackungen bei gleichem Schutz verkleinern können. Doch die Hülle ist auch ein Marketing-Instrument. Wenn Guetsli in einer Kartonschachtel mit Kunststoffschale stecken, sieht das nach mehr aus, als wenn sie nur in einem Plastikbeutel verpackt sind. Der Umwelt käme die zweite Variante zugute.

Ist Papier oder Glas die bessere Alternative zu Plastik?
Kann man so nicht sagen. Papier und Kunststoff haben bei gleichem Gewicht eine ähnliche Ökobilanz; hier kommt es somit auf das Gewicht an. Einwegglas schneidet deutlich schlechter ab als Plastik, da der Energieverbrauch beim Wiedereinschmelzen sehr hoch ist. Mehrwegglas, das gewaschen und wiederverwendet wird, ist ökologisch sinnvoll.

Wo ist Plastik sonst noch im Vorteil?
Oliven kauft man besser im Plastikbeutel als im Glas oder der Büchse. Teigwaren in einer Kartonverpackung sind gegenüber einer leichteren Plastikhülle im Nachteil. Und der Papiersack schneidet deutlich schlechter ab als die Variante aus Plastik, da meist deutlich schwerer. Auch eine Jeans vom Onlinehändler ist umweltschonender verschickt in einer Kunststoffhülle als in der Kartonschachtel.

Was halten Sie von Mehrweg-Lösungen?
Mehrwegverpackungen und konsequent genutzte wiederverwendbare Beutel machen Sinn. Es braucht dazu aber Disziplin der Konsumenten und auch mehr Informationen und Marketing für solche Systeme vonseiten der ­Detailhändler.

Interview: Erich Bürgler


Bei Fluggesellschaften lohnt sich die Reduktion von Kunststoffen nicht immer

An Bord ist jedes Gramm mehr ein Problem – und leichter als mit Zellophan geht es kaum.

Zürich Die Luftfahrtbranche befindet sich wegen ihrer Auswirkungen aufs Klima am Pranger. Kein Wunder, versuchen Airlines daher, auf allen Ebenen zumindest klimafreundlicher zu werden. Immer mehr Fluggesellschaften geben deshalb nun auch bekannt, Plastik von Bord zu verbannen. So auch Swiss. «Beim Plastik folgen mehrere Massnahmen», so Kommerzchef Tamur Goudarzi Pour. Seit Anfang Jahr führt Swiss sie nach und nach ein.

Ein Beispiel sei, das Zellophan, mit dem Decken eingeschweisst sind, durch Papier zu ersetzen. Auch auf dem Tablett lasse sich einiges machen. So sollen etwa die Plastikrührstäbchen durch solche aus Bambus ersetzt werden. «Nicht immer ist aber zum Beispiel Geschirr aus Glas und Porzellan die nachhaltigere Alternative», so Goudarzi Pour. Der Grund: Der grösste Feind der Airlines ist das Gewicht, denn mehr Gewicht bedeutet einen höheren Kerosinverbrauch. Und Plastik hat nun einmal den Vorteil, dass es eines der leichtesten verfügbaren Materialien ist.

Besteck und Geschirr müssen gewaschen werden

Zudem müssen Besteck und Geschirr nach der Benutzung gewaschen werden. «Man muss grundsätzlich immer den gesamten Fussabdruck betrachten», so der Swiss-Manager. Teilweise könne wieder benutzbares oder recycelbares Plastik eine bessere Lösung sein.

Auch bei der niederländischen Fluglinie KLM hat man sich mit dem Thema Plastik an Bord differenziert auseinandergesetzt. Die Airline gab sogar eine Studie in Auftrag, welche die Gesamtwirkung von allen möglichen Massnahmen berechnete. Dabei kamen auch einige überraschende Ergebnisse heraus. So wird etwa weiterhin über dem Essen zum Schutz Kunststoff­folie gespannt sein. Der Grund: Es gibt einfach kein leichteres Material, das dieselbe Wirkung erzielt.

Dass Airlines Plastik dennoch verbannen möchten, hat auch Imagegründe. «Bei den Kunden ist derzeit kaum etwas so verhasst wie Plastik. Sich davon zu verabschieden, ist eine gute Möglichkeit, das schlechte Umwelt-Image zu verbessern», so ein Kader einer grossen europäischen Airline hinter vor­gehaltener Hand.

Laura Frommberg

In Zahlen

113
Mal muss man mit einem Jutesack im Schnitt laut der US-Denkfabrik Heartland Institute einkaufen gehen, damit die Ökobilanz besser ist als die einmalige Benutzung eines Plastiksacks.

10 bis 600
Jahre dauert es, je nach Produkt, laut 4Ocean, bis sich Plastik zersetzt hat, wenn es nicht recycelt wird.

53
Tonnen Mikroplastik lagern laut einer Studie der Universität Bern in den Schweizer Böden.

5120
Tonnen Plastik landen laut der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa jährlich in der Schweiz in der Umwelt. Insgesamt beträgt der Plastikverbrauch hierzulande 710'000 Tonnen.

25
Prozent der Kunststoffabfälle werden in der Schweiz laut dem Verband Plastics Europe recycelt. In Norwegen und Schweden sind es 40 Prozent, in Deutschland 35 Prozent.

53'681
PET-Sammelstellen gibt es in der Schweiz. Die Recyclingquote von PET liegt damit bei 82 Prozent, bei Glas beträgt sie 94 Prozent.

84
Prozent ging die Nachfrage nach Raschelsäckli im ersten Jahr zurück, nachdem eine Gebühr von 5 Rappen eingeführt worden war.

1,7
Millionen Tonnen Plastik produzierte Nestlé laut der Umweltschutzorganisation Greenpeace im Jahr 2018.

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