Warum die Bio-Pioniere in den sauren Apfel beissen müssen

Die Schliessung des ersten Bio-Supermarkts der Schweiz in Bern ist für den Fachhandel ein Schock. Die kräftige Nachfrage nach Bio-Produkten geht an den Pionieren vorbei. Die Grossverteiler verdrängen sie.

Pioniere haben Bio zu einem Begriff gemacht, jetzt werden sie von den Grossverteilern verdrängt: Ein Obstbauer im Thurgau.

Pioniere haben Bio zu einem Begriff gemacht, jetzt werden sie von den Grossverteilern verdrängt: Ein Obstbauer im Thurgau. Bild: Keystone

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Für die Bio-Supermärkte in den Stadtzentren wird die Luft wegen der harten Konkurrenz durch die beiden «orangen Riesen» Coop und Migros immer dünner. Die kräftige Nachfrage nach Bio-Produkten geht an den Bio-Pionieren vorbei.

Für den Bio-Fachhandel sei es ein trauriger Tag, dass Vatters «Logischer Supermarkt» an bester Lage in der Berner Innenstadt die Segel streichen müsse, sagt Stefan Menti von Bio-Grosshandelsunternehmen Biopartner im Gespräch mit der Nachrichtenagentur SDA. Es stelle sich die Frage, ob nach dem Aus eines der grössten Bio-Läden hierzulande das Sterben weitergehe.

Nie richtig durchgestartet

Im Gegensatz zu Deutschland sind Bio-Supermärkte in der Schweiz nie durchgestartet. Ladenketten sind keine entstanden. So geriet der Bio-Supermarkt Yardo in St. Gallen bereits kurz nach der Eröffnung im Jahre 2006 in Schwierigkeiten: Die Umsätze fielen deutlich geringer aus als erwartet, die Kosten für Personal und Zentrumslage waren aber hoch.

Yardo wurde von Biopartner übernommen und saniert. Yardo-Gründer Albert Keel musste seine ehrgeizigen Expansionspläne begraben. Ursprünglich hatte Keel weitere Yardo-Märkte in Zürich, Bern, Basel und Luzern eröffnen wollen. Über den Berg ist Yardo aber auch heute noch nicht: Angesichts von Verlusten überlege man sich, einen neuen Standort zu suchen, sagt Yardo-Geschäftsführerin Petra Godefroid.

Auch der Winterthurer Bio-Supermarkt Rägeboge musste sich einer Sanierung unterziehen. Der Turnaround sei geschafft, sagt Geschäftsführerin Marie-Claire Pellerin: «Wir hatten in den vergangenen zwei Jahren ein grosses Umsatzwachstum.»

Bio-Boom in den vergangenen Jahren

Die Bioprodukte haben in der Schweiz in den letzten Jahren einen Boom erlebt. Seit 2004 ist der Umsatz um gut ein Viertel geklettert. Allerdings ging das kräftige Wachstum zuletzt an den Reform- und Bioläden vorbei. Während die Gesamtbranche im Jahre 2009 um 7 Prozent auf 1,5 Milliarden Fr. zulegte, konnten die Reform- und Bioläden den Umsatz lediglich um 1,5 Prozent auf 229 Millionen Fr. steigern.

Der Löwenanteil des Marktes entfiel auf die beiden «orangen Riesen» Coop und Migros, die drei Viertel des Umsatzes einkassierten. Alleine Coop hat mit 764 Millionen Franken Umsatz einen Marktanteil von 50 Prozent. Die Migros beherrscht knapp ein Viertel des Marktes (365 Millionen Franken), während die Reform- und Bioläden rund 15 Prozent ausmachen.

Coop und Migros hätten in den letzten Jahren Gas gegeben und einen sehr guten Job gemacht, gestand Menti ein. Beide Detailhandelskonzerne hätten eine viel grössere Einkaufsmacht, da sie grössere Mengen einkauften und deshalb günstigere Preise erhielten, sagt Yardo-Geschäftsführerin Godefroid. Aus diesem Grund könnten sie Bio-Produkte billiger anbieten als die Bioläden. Zudem hätten Coop und Migros viel mehr Geld für Werbung zur Verfügung.

Hart umkämpfter Markt

«Der Bio-Markt ist in der Normalität angelangt. Heute ist Bio ein genauso hart umkämpfter Markt wie der übrige Detailhandel», sagt Detailhandelsspezialist Damian Künzi von der Credit Suisse. Bei den Preissenkungsinitiativen der Grossverteiler seien auch Bio-Produkte dabei, und sogar die Discounter wie Aldi und Lidl hätten Bio- Produkte im Sortiment.

Die grossen Anbieter seien gegenüber den kleineren Bio-Supermärkten auch mit Blick auf die Logistik und die Verarbeitungskosten im Vorteil, sagt Künzi. Um unabhängig und profitabel zu bleiben, müssten die Kleinen im Grunde genommen dorthin zurück, wo sie angefangen hätten: In die Nische.

Als Beispiel für Bio-Nischenprodukte nennt Künzi die Bio-Kosmetik. Anbieter wie Rägeboge in Winterthur haben das Potenzial dieser Produkte früh erkannt: Das Angebot sei schon seit längerem ausgebaut worden, sagt Geschäftsleiterin Pellerin.

Konsolidierung bei den Bio-Läden

«Bei den Lebensmitteln haben die kleinen Anbieter einen Vorteil, wenn sie über das Produkt auch gewisse Werte wie Kleinproduktion, regionale Produktion und hohe Qualität verkaufen können», sagt CS- Experte Künzi. Somit spielten das Weltbild und die Lebensauffassung des Kunden eine Rolle.

Angesichts der strukturellen Probleme rechnet Menti mit Konsolidierungen bei Bio-Läden: Die zersplitterte Branche müsse Synergien nutzen, beispielsweise im Marketing, beim Einkauf, durch den Austausch von Sortimenten oder bei Aktionen, sagt der Biopartner-Chef. (pbe/sda)

Erstellt: 08.01.2011, 07:22 Uhr

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