Warum die Energiewende Japan überfordert

Die Katastrophe von Fukushima war der Startschuss für Japans Ökostrom-Industrie – sie boomt inzwischen so stark, dass sie den Konzernen zu teuer wird. Investoren müssen jetzt viel Geduld beweisen.

Das Reaktorunglück von Fukushima versetzte dem Land einen Schock: Elektrostromleitungen dsüdlich der japanischen Hauptstadt Tokio. (15. September 2014)

Das Reaktorunglück von Fukushima versetzte dem Land einen Schock: Elektrostromleitungen dsüdlich der japanischen Hauptstadt Tokio. (15. September 2014) Bild: Reuters

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Junichi Oba ist wütend und er ist damit nicht allein. Um seine Rente aufzustocken und gleichzeitig etwas für die Umwelt zu tun, investierte der Berater Oba etwa 160'000 Euro in eine 50-Kilowatt-Solaranlage. Sie steht auf einem ehemaligen Reisfeld in der Nähe von Obas Haus im Südwesten Japans und ist seit diesem Jahr in Betrieb.

Doch den Strom aus der Solaranlage darf Oba nur an Kyushu Electric Power verkaufen, und der Stromversorger hat kürzlich alle Anträge auf Einspeisung ausgesetzt. Vier weitere Energiekonzerne zogen nach, zwei andere kündigten Einschränkungen an.

Aggressive Strategie

Vielen Japanern, die wie Oba darauf gesetzt haben, dass Japan nach dem Reaktorunglück in Fukushima die grüne Wende einleiten würde, geht es ähnlich. Die Firmen sagen, es drängten so viele Anbieter auf den Markt für umweltfreundliche Energie, dass sie nicht hinterher kämen.

Bislang hat Japan eine sehr aggressive Strategie gefahren, was erneuerbare Energien anbelangt. Aber dieser Ansatz ist durch die jüngsten Entwicklungen in Gefahr geraten. Auch dass Strom aus erneuerbaren Energien nicht zuverlässig genug geliefert wird und nicht leicht zu speichern ist, stellt die Elektrizitätsfirmen vor Probleme. «Der Schock von Kyushus Ankündigung breitet sich wie bei einem Domino-Effekt aus», sagt Oba. «Es ist wie Betrug auf nationaler Ebene und die Versorger und die Regierung machen gemeinsame Sache.»

Sofortiges Aus für die Förderung

72'000 Anträge für Solaranlagen gingen bei Kyushu Electric dieses Jahr bis März ein - so viele, wie im gesamten Jahr davor. Würden alle geplanten Solaranlagen in Japan gebaut, würden sie etwa acht Prozent des gesamten Strombedarfs decken - und die Stromrechnung mit etwa 3000 Milliarden Yen (21,8 Milliarden Euro) zusätzlich belasten.

Das liegt daran, dass der Staat für erneuerbare Energien 32 Yen pro Kilowattstunde bezahlt, während der reguläre Strompreis in Japan bei etwa 23 Yen pro Kilowattstunde liegt, umgerechnet etwa 16,7 Cent. Wie Oba befürchten nun viele, dass sich ihre «grünen» Zusatzeinkünfte in Luft auflösen werden. Sie hatten gehofft, dass die höheren Preise für erneuerbare Energien mindestens zehn Jahre Bestand haben, aber Experten fordern nun ein sofortiges Aus für die Förderung. Ähnliche Erfahrungen mit grünen Technologien haben auch Deutschland und Spanien erlebt.

Japan ist auf Ölimporte angewiesen

Das Reaktorunglück von Fukushima im März 2011 war das schwerste seit Tschernobyl und hat Japan einen Schock versetzt. Spätestens seit damals erlebt das Land einen grünen Boom, doch dass sich erneuerbare Energien schneller verbreiten als irgendwo sonst auf der Welt, führt nun rasch zu einem Fiasko. Die Kosten sind zu hoch - so hoch, dass die Versorger nun davon ausgehen, einige der nach Fukushima abgeschalteten Reaktoren wieder hochfahren zu müssen.

Vor Fukushima bezog Japan etwa ein Drittel seiner Energie aus Atomkraftwerken. Alle 48 Reaktoren wurden nach dem Unglück heruntergefahren. Doch das rohstoffarme Japan muss praktisch all sein Öl und Erdgas importieren, was die drittgrösste Volkswirtschaft der Welt stark belastet. Die Regierung von Premier Shinzo Abe will nun wenigstens einige der Meiler wieder ans Netz nehmen. Ihre Sicherheit sei nach Fukushima verbessert worden.

Umfassender Plan benötigt

Vor dem Reaktorunglück lag der Anteil erneuerbarer Energien in Japan praktisch bei Null, nun sollen 2030 etwa 20 Prozent des Energiebedarfs aus Solaranlagen, Wind, Wasser und geothermischen Quellen gedeckt werden.

Zu den Vorreitern in diesem Bereich zählt Softbank. Das japanische Telekom- und Internetunternehmen hat in Japan 20 Solar- und Windkraftanlagen gebaut oder in Planung, arbeitet zudem an Windkraftwerken in der Wüste Gobi.

Man dürfe sich nicht blind auf erneuerbare Energien stürzen, sondern benötige einen umfassenden Plan, sagt Hiroaki Fujii, der SB Energy leitet, das für Ökostrom zuständige Tochterunternehmen von Softbank. Er wirft der Regierung vor, das Thema falsch angegangen zu sein, und forderte eine offenere Diskussion. «Wir haben aus den Fehlern Deutschlands nichts gelernt», sagt Fujii.

«Abwarten und geduldig sein»

Yasuhiro Goto von der staatlichen Abteilung für neue und erneuerbare Energien zeigt sich einsichtig. Bei den Solaranträgen und beim Strompreissystem müsse ernsthaft aussortiert werden. Das würde allerdings auch bedeuten, Leute, die sich für das Solargeschäft interessieren, wegzuschicken. Zunächst habe man die Einschränkung möglichst gering halten wollen, damit möglichst viele Interessierte mitmachen könnten.

Verzweifelten Investoren wie Oba rät Goto zu Geduld, räumt allerdings ein, dass eine Ausweitung des Zugangs zu den Stromnetzen nicht über Nacht erfolgen werde. «Abwarten und geduldig sein», sagt er. «Unser Plan kommt sehr gut voran, es ging nur alles zu schnell.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.11.2014, 15:22 Uhr

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