Was Ackermanns Ex-Medienchef über den Topbanker weiss

Stefan Baron war während der Bankenkrise zuständig für die Kommunikation bei der Deutschen Bank. Seine Beobachtungen über Josef Ackermann hat er nun in Buchform verfasst.

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Ein Porträt des «Deutschbankers» Joe Ackermann, verfasst von seinem ehemaligen KommunikationschefStefan Baron präsentierte sein Porträt «Späte Reue» – keine autorisierte Biografie, sondern ein subjektiver Erfahrungsbericht. Baron, Ökonom und langjähriger Chefredaktor der «Wirtschaftswoche», hatte sich 2007 von Ackermann zum Frontwechsel überreden lassen.

Während fünf Jahren stand er als Kommunikationschef im Sold der Deutschen Bank. Baron ist just einen Tag älter als Ackermann, wie dieser wuchs er in einem katholischen Elternhaus auf dem Land auf. Auch er absolvierte ein Wirtschaftsstudium. Der Publizist nimmt für sich in Anspruch, von Beginn an «auf Augenhöhe» mit seinem Schweizer Chef zusammengearbeitet zu haben. Ausgestattet mit einem gut dotierten Mehrjahresvertrag und auf der letzten Etappe seiner Karriere, habe er offen seine Meinung einbringen können.

Ackermanns Krisen-Engagement

Die mächtige Deutsche Bank war 2007 das am meisten angefeindete Unternehmen in Deutschland, geführt von einem der umstrittensten Manager. Heute resümiert Baron, er selber sei «im Intensivkurs Deutschbanker geworden – und stolz darauf», ohne jedoch die kritische Distanz verloren zu haben. Diese Bank und «allen voran» Ackermann hätten sich «mit als Erste zu ihren Fehlern in der Vergangenheit bekannt». Sie hätten Massnahmen ergriffen und einen Kulturwandel eingeleitet. Die Reue über Fehlentwicklungen in der Branche und im eigenen Haus sei freilich erst gekommen, als der Schaden bereits angerichtet war. Dass bei den Reuebekundungen auch Eigennutz mitspielte, räumt der Autor ausdrücklich ein.

Dennoch: «Der Schweizer» sei von einer Belastung für das Firmenimage zu einem Aushängeschild geworden. Ackermann habe die epochale Finanzkrise – die auch er nicht vorausgesehen hat – als Chance genutzt, «seine ganze Substanz» zu zeigen. 60 Prozent der Deutschen hatten 2006 laut Infratest eine negative Meinung vom Chef des grössten deutschen Geldhauses. 2012 soll die Quote unter 20 Prozent gerutscht sein. Im Zentrum von Barons «Nahaufnahme» stehen die globale Finanzkrise ab 2007 und die anschliessende europäische Staatsschuldenkrise. Baron skizziert Ackermanns Engagement in jenen Krisenjahren. Er schält heraus, wie der Schweizer Topbanker nicht nur in der Hochfinanz zu einer tragenden Stimme wurde, sondern auch im wirtschaftspolitischen Konzert über Europa hinaus.

«Leistung aus Leidenschaft» lautet jenes Motto, das Ackermann für seine Bank definierte. Ihm selber wurde diese Maxime bereits im Elternhaus eingeimpft. «Seppi» wuchs als ältester von drei Söhnen eines Landarztes und einer Krankenschwester in Mels im Sarganserland auf. Nach der Matura in Chur studiert er an der Hochschule St. Gallen Wirtschaft, bei Professor Hans Chris­toph Binswanger doktoriert er – und lernt während seiner Assistenz auch seine spätere Frau, die Finnin Pirkko, kennen. Im Militär bringt es Ackermann bis zum Oberst der Artillerie.

Vom Starbanker zum Buhmann

Bei der Schweizerischen Kreditanstalt gelingt dem St. Galler eine Blitzkarriere bis zum Präsidium der Generaldirektion. Aber der Weg an die Konzernspitze bleibt ihm verwehrt. Mit seiner Universalbankenstrategie dringt er nicht durch. Zur Überraschung vieler nimmt er den Hut. Wenige Monate später heuert er in Frankfurt am Main bei der Deutschen Bank an. Er soll das traditionsreiche Institut auch zu einer führenden Investmentbank machen. 2002 wird er als erster Schweizer Vorstandssprecher. 2004 wird er zum Buhmann im Gastland: Im Verlauf des Mannesmann-Prozesses lässt sich Ackermann zum Victory-Zeichen hinreissen – eine unreflektierte Imitation von Michael Jackson. Der Imageschaden ist massiv und nachhaltig. Noch am selben Abend ruft die Mutter an und stellt den Sohn zur Rede («Was hast du da gemacht?»).

Baron schildert Ackermann als überaus ehrgeizigen, wissbegierigen Menschen, der überlegen sein will. Die Anerkennung seines Umfeldes und Popularität sind ihm wichtig, Einschaltquoten interessieren ihn. Treffen mit bedeutenden Menschen «schmeicheln seinem Ego». Er weiss auch für die Galerie zu spielen. Intellektuell hochmütig, kann er mit Langeweile schlecht umgehen; dann lassen Konzentration und Disziplin nach und er macht Fehler.

Charmeur, aber kein Kumpeltyp

Ackermann ist ein Perfektionist, kein Workaholic zwar, aber ein Machtmensch, «der seine Rolle voll auslebt». Er pflegt Klartext zu reden und erwartet diesen auch von Dritten. Für ihn zu arbeiten, ist laut Baron kein Zuckerschlecken: «Mit tödlicher Sicherheit entdeckt er selbst die kleinsten Schwachstellen in einer Argumentation». Fehler verzeiht er nur, «wenn man sich dazu bekennt und nicht herumdruckst». Ackermann kann Charme mobilisieren, aber ein Kumpeltyp ist er nicht.

Nach einem Kreislaufkollaps im Januar 2009 erwägt er kurzzeitig, bereits im Frühjahr seinen Platz zu räumen, lässt diese Idee aber wieder fallen. Im Ausland bewegt sich Ackermann häufig ohne Personenschutz; in Deutschland sind zwei Leibwächter die Norm. Ende 2011 wird ein Briefbombenattentat linker Anarchisten vereitelt. Der 31. Mai 2012 ist Ackermanns letzter Tag als Deutschbanker. 7000 Aktionäre bieten ihm stehende Ovationen, obwohl seine Zehn-Jahres-Bilanz durchzogen ausfällt.

Immerhin hat er die Bank relativ unbeschadet durch die Finanzkrise gesteuert. Spätabends zieht er im kleinen Kreis bei einem Glas Rotwein nochmals Bilanz: «Es war eine tolle Zeit.» Die letzten, «politischen Jahre» seien die wichtigsten in seinem Berufsleben gewesen. Während dieser Zeit habe er am meisten erreicht – für die Bank, für die Gesellschaft und auch für sich selber. – Mitte Juli 2013 war Redaktionsschluss für Barons Buch. Der abrupte Abgang Ackermanns als Zurich-Präsident ist nicht mehr zum Thema geworden für «Späte Reue». (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.09.2013, 11:22 Uhr

«Späte Reue.» Josef Ackermann – eine Nahaufnahme. Econ. 300 Seiten. 34.90 Franken.

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