Was der Lufthansa-Chef über Greta Thunbergs Segeltrip sagt

Carsten Spohr reagiert auf die Vorwürfe gegen seine Branche und erklärt, was sein Konzern gegen den Klimawandel tun will.

Betont den Nutzen neuer Flugzeuge: Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Foto: Simon Dawson (Bloomberg, Getty Images)

Betont den Nutzen neuer Flugzeuge: Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Foto: Simon Dawson (Bloomberg, Getty Images)

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Es ist viel von Flugscham die Rede. Ihre Kollegen von den Scandinavian Airlines spüren das schon in einer schwächeren Nachfrage. Befürchten Sie, dass auch andernorts die Stimmung umschlagen könnte?
Nein. Unter dem Strich wird die Nachfrage nach Flugreisen weiter steigen. Im Einzelfall kann es aber natürlich auch Entscheidungen gegen das Flugzeug geben, wenn Kunden zum Beispiel auf die Bahn umsteigen können. Wenn es eine gute Bahnverbindung als Alternative gibt, verzichten wir auch auf Flugstrecken. Die effiziente Vernetzung der Verkehrsträger ist der einzige Weg, dem weiter steigenden Bedarf an Mobilität gerecht zu werden.

Die Branche hat sich selbst Ziele gesetzt: CO2-neutral wachsen ab 2020, reduzieren auf 50 Prozent bis 2050. Reicht das aus?
Mit dem Klimaschutzinstrument Corsia hat sich zum ersten Mal eine globale Branche eine freiwillige Selbstverpflichtung auferlegt. 80 Prozent der weltweiten Luftverkehrsindustrie wird schon ab dem kommenden Jahr mitmachen. Das ist eine grosse Errungenschaft. Wir sind bereits seit acht Jahren Teil des europäischen Emissionshandels, dem ausser der Luftfahrt kein einziger weiterer Verkehrsträger beigetreten ist. Wir haben als Branche die vierthöchste Steuerbelastung in Europa und finanzieren unsere Infrastruktur mit sechs Milliarden Euro pro Jahr selbst. Man kann uns also kaum vorhalten, dass wir uns unserer Verantwortung nicht stellten.

Der Emissionshandel kompensiert nur Emissionen, die entstehen. Was kann die Branche tun, um Emissionen zu reduzieren?
Kurzfristig ist der wirksamste Hebel der Einsatz neuer Flugzeuge. Jedes Mal, wenn wir ein altes durch ein neues Flugzeug ersetzen, bedeutet das 25 Prozent CO2-Einsparung. Lufthansa erhält in den nächsten zehn Jahren im Durchschnitt alle zwei Wochen ein neues Flugzeug. Wir investieren jedes Jahr mehr als unser operatives Ergebnis in die Erneuerung unserer Flotten. Mittelfristig ist ein grosser Hebel die Schaffung einer effizienteren Flugsicherung in Europa. Bis zu zehn Prozent aller Emissionen könnten dadurch verhindert werden. Langfristig ist es der Einsatz synthetischer Treibstoffe, die CO2-neutral sind. Damit kommen wir auf eine Einsparung von bis zu 90 Prozent.

Es gibt einen ziemlichen Hype rund ums Thema elektrisches Fliegen. Sie haben das gar nicht aufgezählt.
Da gibt es begrenzte Einsatzgebiete. Bei kurzen Strecken und kleinen Flugzeugen ist das vorstellbar, bei grösseren Flugzeugen noch nicht. Um einen Liter Kerosin zu ersetzen, braucht man 70 Kilo Batterien. Mit dem heute notwendigen Batteriegewicht an Bord kommt kein Verkehrsflugzeug über den Atlantik.

Biotreibstoff hat einen zu hohen Preis für die Umwelt. Die Antwort sind synthetische Treibstoffe.Carsten Spohr, CEO und Verwaltungsratspräsident der Lufthansa

Passagiere können beim Buchen anklicken, wenn sie ihre Emissionen kompensieren wollen. Sie zahlen dann extra dafür. Warum machen Sie das nicht einfach automatisch?
Das wäre eine simple Preiserhöhung. In einem so hart umkämpften Markt wie dem Luftverkehr ist das nicht realistisch. Wir kompensieren aber freiwillig alle Dienstreisen der Mitarbeiter des Lufthansa-Konzerns. Und seit dieser Woche bieten wir unseren Kunden eine neue Form der Kompensation an, bei der sie zwischen der Verwendung von alternativen Treibstoffen und den bekannten Kompensationsmöglichkeiten wählen können.

Wundert Sie, dass das Fliegen bei der Klimadiskussion im Zentrum steht? Die Branche ist für knapp drei Prozent der Schadstoffe verantwortlich, andere Sektoren für wesentlich mehr.
Wir wollen nicht relativieren, dass wir für 2,8 Prozent der Emissionen verantwortlich sind. Aber wir haben viel zu wenig betont, was wir dafür bieten. Wir ermöglichen eine Welt, in der es nicht mehr so einfach ist, über andere Menschen Vorurteile zu entwickeln, weil man mit eigenen Augen fremde Kulturen erleben kann. Globalisierung ohne Luftverkehr gibt es nicht. Der Wohlstand hängt von einer weltweit vernetzten Wirtschaft ab, die ohne Luftverkehr nicht denkbar ist. Ob die Verursacher der restlichen 97,2 Prozent der CO2-Emissionen einen ähnlich positiven Beitrag für die globale Gesellschaft leisten? Da habe ich Zweifel.

Dennoch stehen neue Steuern im Raum. Möglichst hohe Steuern auf Flüge wären ein sehr effektives Mittel, die Umweltbelastung durch den Luftverkehr zu reduzieren, denn weniger Leute könnten sich die Tickets leisten.
Das führt nur zu einer Verlagerung in andere Länder. Wenn wir auf nationaler Ebene eine Kerosinsteuer einführen, würden alle Fluggesellschaften dort tanken, wo es die Steuer nicht gibt. Die Folge wären Flugzeuge, die mehr Treibstoff an Bord haben als notwendig. Die sind dadurch schwerer und verbrauchen mehr Kerosin. Eine Kerosinsteuer würde also die Umwelt zusätzlich belasten, anstatt das Klima zu schützen. Ansetzen könnte man bei Ultrabilligtickets, die künstliche Nachfrage schaffen. Diese Tickets machen unsere Branche zur Zielscheibe für Kritik. Natürlich ist fliegen im Durchschnitt teurer als Zug fahren, aber die 9-Euro-Tickets einiger Wettbewerber sind zum Symbol für ökonomisch und ökologisch unverantwortliche Preisgestaltung geworden.

Ein Flug mit Lufthansa wäre für Greta nicht nur schneller und komfortabler, sondern auch ökologisch am effizientesten gewesen. Carsten Spohr, CEO und Verwaltungsratspräsident der Lufthansa

Vor zehn Jahren hat der erste Flug mit Biotreibstoffen stattgefunden. Zehn Jahre später decken diese gerade einmal ein Prozent des Bedarfs. Hat nicht die Branche viel zu wenig getan?
Wir haben uns von Beginn weg für dieses Thema engagiert, geforscht, Testflüge durchgeführt und sehr viel gelernt. Biotreibstoff hat einen zu hohen Preis für die Umwelt. Regenwälder werden abgeholzt, um Flächen für Pflanzen zu schaffen, aus denen Treibstoff gewonnen werden kann. Das ist aus unserer Sicht der falsche Weg. Die Antwort sind vielmehr CO2-neutrale, synthetische Treibstoffe.

Riesige Investitionen stehen an, um synthetischen Treibstoff in grossen Mengen herstellen zu können. Muss da nicht auch die Branche massiv investieren?
Ja, es bedarf grosser Investitionen. Ich halte es daher für sehr sinnvoll, wenn die Einnahmen aus der Luftverkehrsteuer in die Förderung, Entwicklung und den Einsatz von CO2-neutralen Treibstoffen investiert würden. Ein Finanzierungskreislauf, der dazu führt, dass synthetische Treibstoffe für den Luftverkehr in ausreichenden Mengen zur Verfügung stehen – das wäre wirklich ein Beitrag zum Klimaschutz.

Wie haben Sie persönlich Ihr Verhalten in Sachen Umwelt geändert? Fliegen werden Sie weiterhin.
Mein Dienstwagen ist jetzt ein Elektroauto. Aber meine Dienstreisen in die USA werde ich, obwohl begeisterter Segler, auch zukünftig mit Flugzeugen unternehmen.

Anders als Greta Thunberg. Was denken Sie über den Trip der Klimaaktivistin?
Ich erkenne natürlich die PR-Wirkung einer solchen Reise. Andererseits hat die Diskussion der letzten Tage auch gezeigt: Ein Flug mit Lufthansa wäre für Greta nicht nur schneller und komfortabler, sondern auch ökologisch am effizientesten gewesen.

Erstellt: 20.08.2019, 19:41 Uhr

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Carsten Spohr, 53, liess sich nach dem Studium zum Wirtschaftsingenieur zum Linienpiloten ausbilden. Nach einem Abstecher zur Deutschen Aerospace AG kehrte er 1994 zur Lufthansa zurück. 2014 übernahm er den Chefposten der Gruppe, zu der unter anderem Swiss und Austrian Airlines gehören. Die Gruppe zählt 120'000 Mitarbeitende, der Umsatz liegt bei gegen 36 Milliarden Euro. (red)

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