Was sich die Genossenschafter jetzt wünschen

Der Raiffeisen-Verwaltungsrat wird fast vollständig neu besetzt. Die regionalen Genossenschafter stellen klare Forderungen an die neuen Mitglieder des Aufsichtsgremiums.

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Kein Stein bleibt bei Raiffeisen Schweiz auf dem anderen. Die Vincenz-Affäre sorgt für einen radikalen Umbau im Verwaltungsrat der Genossenschaftsbank. Dem Gremium wird eine Teilschuld ­daran gegeben, dass Ex-Chef Pierin Vincenz ohne eine griffige Aufsicht heikle Geschäfte abwickeln konnte.

Bis 2020 werden 9 der aktuell 11 Verwaltungsratsmitglieder aus dem obersten Leitungsgremium von Raiffeisen Schweiz abtreten. Zählt man den Rücktritt des früheren Präsidenten Johannes Rüegg-Stürm dazu, sind es gar 10 von 12. Bis auf Übergangspräsident Pascal ­Gantenbein und Olivier Roussy werden bis 2020 alle anderen Mitglieder des Gremiums ihre Posten aufgeben. Nun beginne die Suche nach möglichen Nachfolgern, teilt die Bank mit.

Der Umbau im Verwaltungsrat ist ganz im Sinn der regionalen Genossenschaften. Sie haben schon seit einiger Zeit ihre Muskeln spielen lassen. «Wir haben klar gefordert, dass die Rücktritte im Verwaltungsrat schneller erfolgen», sagt Kurt Sidler. Sidler ist Präsident des Raiffeisen-Regionalverbandes Luzern, Ob- und Nidwalden und leitet die Koordinationsgruppe der Raiffeisenverbände. Diese haben auch darauf hingewirkt, dass Rüegg-Stürm abtritt, obwohl er im Amt bleiben wollte.

Der Verwaltungsrat der Raiffeisen Schweiz hat im Geschäftsjahr 2017 eine Gesamtentschädigung von 2,41 Millionen Franken bezogen. Das sind 43,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Bild: Keystone

Der Unmut über das oberste Aufsichtsgremium war in den vergangenen Tagen noch grösser geworden. Die Präsentation des Geschäftsberichts Anfang der Woche war ein «Schuss in den Ofen», so ein Genossenschafter. Sie hätten vor der öffentlichen Kritik wegen der höheren Saläre gewarnt, aber man habe in der St. Galler Zentrale nicht auf sie ­hören wollen. Die Entlöhnungsfrage könnte bei der Delegiertenversammlung in Juni erneut zur Sprache kommen. Wie es heisst, liegen bereits Anträge von einzelnen Verbänden vor, ein neues Ver­gütungsmodell erarbeiten zu lassen.

Trotz des Streits ums Geld ist Interimspräsident Gantenbein froh, dass nun der Fahrplan für die Neubesetzung des Topgremiums klar ist. «Das gibt der Organisation Stabilität und Ruhe für die künftige Weiterentwicklung», sagt Gantenbein. Aus dessen Umfeld ist allerdings zu hören, dass nicht alle abtretenden Verwaltungsräte mit dem Vorgehen einverstanden sind.

An der Basis kommt der Umbruch aber gut an. «Es geht in die richtige Richtung», sagt zum Beispiel Erwin Scherrer, Präsident der Raiffeisen-Genossenschaft Wil. Für die künftige Besetzung des Aufsichtsgremiums müssten nun die richtigen Anforderungen bestimmt werden. «Kandidaten für den neuen Verwaltungsrat sollten über Informatikkenntnisse, über Erfahrungen bei Banken und mit den neuen Medien verfügen», so Scherrer.

Unternehmerpersönlichkeiten erwünscht

Die Forderung nach mehr IT-Kompetenz hat einen aktuellen Hintergrund. Bei der Bank wird derzeit ein neues IT?System eingeführt. Das Projekt soll 500 Millionen Franken kosten und bei allen 255 Raiffeisen-Banken eingesetzt werden. Doch die Einführung harzt. Bei einigen Raiffeisen-Banken, die bereits auf das neue System gewechselt haben, funktionierte etwa die Berechnung der Hypotheken nicht. Diese habe teilweise von Hand erledigt werden müssen. Die Umstellung weiterer Banken auf das neue System wurde aufgeschoben.

Für Thomas Lehner, Chef des Aargauer Raiffeisenverbandes, ist es wichtig, dass neben Personen mit IT-Fachkenntnissen auch Unternehmerpersönlichkeiten im Verwaltungsrat Einsitz nehmen. Und es kommt noch ein neues Kriterium dazu: «Bei der Neubesetzung des Verwaltungsrates müssen wir darauf achten, dass wir auch Vertreter mit ­Banking-Know-how bekommen.» Das werde jedoch insofern erschwert, als die Finanzmarktaufsicht Finma keine ­operativ tätigen Raiffeisen-Banker im Verwaltungsrat zulasse.

Mehr Stallgeruch gesucht

Entscheidend sei die richtige Einstellung. «Die neuen Verwaltungsräte müssen das Rückgrat mit sich bringen, die Entscheide der Geschäftsleitung auch kritisch zu hinterfragen», so Sidler. Eine Qualität, von der es heisst, dass sie in der Vergangenheit gefehlt habe.

Der Wiler Raiffeisen-Banker Scherrer erachtet es zudem als wichtig, dass der Verwaltungsrat künftig kleiner wird. Ein zwölfköpfiges Gremium sei einfach zu gross. Weniger als neun Personen darf der Verwaltungsrat aber laut den Statuten nicht zählen. Scherrer fordert auch eine ausreichende Vertretung der regionalen Genossenschaften. «Es braucht den richtigen Stallgeruch», so Scherrer. «Wir wünschen uns Vertreter im Verwaltungsrat, die für die Raiffeisen-Philosophie stehen», ergänzt Sidler vom Regionalverband Luzern, Ob- und Nidwalden.

Ab Juni sollen der Wirtschaftsprüfer und Bankenexperte Rolf Walker und der Unternehmer Thomas Rauber den Verwaltungsrat ergänzen. Die nächsten zwei neuen Verwaltungsräte sollen an der ausserordentlichen Delegiertenversammlung im November gewählt werden, dann zusammen mit dem neuen Verwaltungsratspräsidenten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2018, 21:34 Uhr

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