Was tat Julius Bär im Devisen-Chat-Raum?

Ein langjähriger Bär-Trader betreute einen Staatsfonds aus dem nahen Osten, dessen Aufträge für Spekulationen benutzt werden konnten.

Bei Julius Bär heisst es, dass man als Nummer 60 im weltweiten Devisenmarkt nicht zu jenen Grossbanken gehört, die den Londoner Fix unter sich ausmachen. Foto: Keystone

Bei Julius Bär heisst es, dass man als Nummer 60 im weltweiten Devisenmarkt nicht zu jenen Grossbanken gehört, die den Londoner Fix unter sich ausmachen. Foto: Keystone

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Sie ist nicht so gross wie die UBS oder die Credit Suisse. Und nicht so lokal wie die Zürcher Kantonalbank. Trotzdem könnte die Zürcher Privatbank Julius Bär, die zusammen mit sieben weiteren, teils internationalen Banken in den Fokus der Wettbewerbskommission geraten ist, am Ende am meisten unter dem Verfahren wegen möglicherweise manipulierter Währungskurse leiden. Und das, obwohl sich die Bank gelassen gibt: «Umfangreiche interne Untersuchungen» hätten kein «marktmissbräuchliches Verhalten der Bank» gezeigt, sagte ein Sprecher auf Anfrage.

Dabei ist die Bank Bär laut Zürcher Devisenkreisen seit Jahren ein bedeutender Akteur in diesem Markt. Dank ihrer Handelsplattform, auf der man rund um die Uhr mit Währungen spekulieren kann, sei sie öfters auch von äusserst reichen und diskret operierenden Kunden beauftragt worden. In Insiderkreisen geht man deshalb davon aus, dass die Julius Bär durch die Ermittlungen stark unter Druck gerät. «Vermutlich hat Bär in den Devisen-Chats mitgemacht, sonst würde die Weko jetzt nicht auf die Bank losgehen», sagt ein Gesprächspartner.

Diese virtuellen Gesprächszirkel, die vom Finanzdienstleister Bloomberg zur Verfügung gestellt wurden, stehen im Zentrum der weltweiten Untersuchungen. In Gruppen namens «Kartel», «Banditen-Club» und «Mafia» tauschten sich die Devisenhändler der Banken aus. Es ging darum, die Aufträge grosser Kunden für den sogenannten Londoner Fix um 16 Uhr englischer Zeit abzusprechen. In den 60 Sekunden vor der vollen Stunde wurden riesige Aufträge abgewickelt. Die daraus ermittelten Kurse galten dann auch für viele andere Kundenaufträge an diesem Tag.

Manipulationen waren möglich

Bei Julius Bär heisst es, dass man als Nummer 60 im weltweiten Devisenmarkt nicht zu jenen Grossbanken gehört, die den Londoner Fix unter sich ausmachen – was allerdings nichts heissen muss. Wenn Bär-Händler von riesigen Kundenaufträgen Kenntnis hatten und diese Informationen direkt oder ­indirekt in die Chat-Räume einfliessen lassen konnten, dann war es ihnen möglich, an der Manipulation teilzunehmen. Sie hätten dann aufgrund der anstehenden Orders gewusst, in welchen Währungspaaren welche Kursbewegungen zu erwarten wären. Dann konnten sie vor dem Londoner Fix eigene Positionen gewinnbringend aufbauen.

Nötig dafür waren grosse Kunden. Besonders einer gibt zu reden. Es handelt sich um einen der grössten Staatsfonds der Welt. Er stammt aus dem nahen ­Osten und lässt sich seit Jahren von einem erfahrenen Devisenhändler mit den Initialen C. S. betreuen. Der Trader war vier Jahre lang bei der US-Grossbank J. P. Morgan tätig, bevor er vor sieben Jahren zur Zürcher Privatbank wechselte. Bei der J. P. Morgan trug C. S. den Titel des Chefs Schweiz für den Devisenhandel. Auch der Schweizer Ableger von J. P. Morgan ist Gegenstand der Weko-Untersuchungen.

Dass der milliardenschwere Staatsfonds Devisendeals bei der verhältnismässig kleinen Bank Bär und nicht bei den Grossbanken in Auftrag gab, wird im Zürcher Devisenhandel schon lange mit Argwohn verfolgt. Als dieser Fakt letzten Herbst bekannt wurde, nachdem die UBS ins Visier der Schweizer und internationalen Behörden geraten war, haben die Bär-Chefs C.S. von der Devisenfront ins Private Banking versetzt. Dort könne man dessen Expertise in der ­Betreuung grosser Kunden noch besser gebrauchen, lautete die Begründung der Bank Bär. Auf der Kaderplattform Linked­In hat sich im Jobbeschrieb von C. S. bis heute nichts verändert. Er gibt weiterhin seinen alten Titel eines Chefs ­Devisenhandel und -verkauf für Grosskunden bei Bär an.

Obwohl sich die Verantwortlichen von Bär nach aussen gelassen geben, scheint intern die Nervosität zu steigen. Die Abteilung Grosskunden-Trading, für die C.S. zuständig war, verliert laufend an Bedeutung. In Zürcher Devisenkreisen heisst es, bei Bär werde über einen Rückzug aus dem Geschäft mit den grossen Profi-Kunden debattiert. Offiziell hält die Bank indessen noch daran fest.

Bis kürzlich Handel per Handy

Auch was die Überwachung ihrer Händler betrifft, scheint die Bank nervös zu werden. Während bei der UBS die Händler das Handy seit einiger Zeit nicht mehr für Kundenaufträge benutzen dürfen, war dies bei der viel kleineren Privatbank in Einzelfällen bis vor kurzem noch möglich. Erst jetzt haben die Verantwortlichen ein absolutes Handyverbot für den Trading-Raum angeordnet.

Die Devisenerträge der Bank Bär sind seit langem hoch. 2013 verdiente die Bank allein mit ihrem Währungsgeschäft einen Vorsteuergewinn von 344 Millionen Franken. Das ist sogar leicht mehr, als die Bank mit Krediten für ihre weltweiten Kunden erwirtschaftete. Und es ist knapp die Hälfte dessen, was sie mit ihrem Kerngeschäft Vermögensverwaltung einnahm. Die Julius Bär stellt damit die Konkurrenz, abgesehen von der UBS und der CS, weit in den Schatten. Die Zürcher Kantonalbank, die ebenfalls von der Weko ins Visier genommen wird, erzielte im letzten Jahr im Devisen-, Noten- und Edelmetallhandel einen Gewinn von 129 Millionen Franken.

Erstellt: 01.04.2014, 00:01 Uhr

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