Interview

«Weiche Faktoren zählen für mich mehr als harte»

Petra Jenner, Chefin von Microsoft Schweiz, erklärt in ihrem ersten grossen Schweizer Interview, wie es ihr gelingt, Jungtalente zu engagieren – und wann Firmen dem Untergang geweiht sind. Und warum sie kein eigenes Büro hat.

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Sie sind seit Oktober Chefin von Microsoft Schweiz. Der Hauptsitz in Wallisellen war damals noch wegen eines Umbaus eine Baustelle. Sie hatten gar kein Büro. Und heute?
Ich habe immer noch kein Büro. Nur Mitarbeiter in speziellen Rollen, wie zum Beispiel meine Assistentin, das Personalteam oder unsere Finanzleute, haben am Schweizer Hauptsitz einen festen Arbeitsplatz.

Ist meine Einstellung antiquiert, wenn ich sage: «Ich würde mich da nicht wohlfühlen»?
Das möchte ich nicht beurteilen (lacht). Unsere Mitarbeiter sind grösstenteils sehr zufrieden. Sie haben zwar den persönlichen Arbeitsplatz aufgegeben, können dafür aber eine Vielfalt von Räumen nutzen, je nach aktueller Aufgabe und persönlichen Präferenzen. Wenn sich ein Mitarbeiter zurückziehen möchte, so kann er entweder die Ruhezone im Büro wählen oder von zu Hause aus arbeiten. Diese Wahlfreiheit kommt bei unseren Mitarbeitenden sehr gut an. Sie arbeiten dort, wo sie am besten arbeiten können.

Was verstehen Sie unter besserer Arbeit?
Kreativere Arbeit. Mir ist ein Home-Office-Worker, der Ideen und einen grossen Output hat, lieber als jemand, der dauernd in der Zentrale präsent ist, aber wenig leistet.

Dann sind Büros überflüssig?
Überhaupt nicht. Das Büro wird jedoch immer mehr zum Treffpunkt, wo man sich mit Arbeitskollegen, Kunden und Partnern austauscht. Die Bedeutung der konzentrierten Einzelarbeit im Büro wird sicherlich abnehmen.

Das kann man auch anders sehen.
Das sehen nebst uns auch andere innovative Unternehmen wie Google, Apple und Facebook so. Glauben Sie, dass ein 21-, 22-jähriges Talent zu uns kommt, wenn wir es in ein graues Büro setzen mit rigider Präsenzkontrolle?

Das Talent kommt vielleicht nicht, weil es in einem lärmigen Grossraumbüro sitzen muss.
Wir gehen durchaus auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Angestellten ein. In der sogenannten Bibliothek darf weder telefoniert noch geredet werden, wir haben kleine Räume für Telefonkonferenzen und über 60 Meetingräume. Und wer sich ganz zurückziehen will, kann von zu Hause aus arbeiten. Talente wollen vor allem Autonomie – dies unterstützen wir mit unserer Arbeits- und Führungskultur.

Und wie wissen Sie, wer wo arbeitet?
Unsere Kalender sind offen, das heisst, jeder kann im System nachschauen, wer welche Termine hat und ob er im Hauptsitz oder zu Hause arbeitet.

Wenn Ihre Leute zu Hause arbeiten – leidet da nicht der Teamzusammenhalt?
Wenn Sie ausschliesslich zu Hause arbeiten, hat das sicher einen negativen Einfluss auf das Team – da gebe ich Ihnen völlig recht. Wir sehen die Arbeit im Home-Office auch nur als Alternative. Es ist wichtig, eine gute Mischung aus physischer und virtueller Zusammenarbeit zu erzielen.

Arbeiten Sie persönlich lieber zu Hause oder in Wallisellen?
Ich bin meist auf den Nasenfaktor angewiesen...

...den Nasenfaktor?
...das persönliche Gespräch, Face to Face. Mitarbeitergespräche sollte man nicht via Bildschirm führen. Das ist aber meine persönliche Meinung. Darum arbeite ich wenig im Home-Office. Ich muss ja auch sehr viele Meetings führen.

Apropos Führung. Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?
Weiche Faktoren zählen für mich mehr als harte. Aufmerksamkeit den Mitarbeitern gegenüber ist wichtiger als Kontrolle. Muss ich einen Mitarbeiter kontrollieren, ist das schon ein erster Bruch. Dann stimmt etwas nicht.

Der oberste Chef von Microsoft, Steve Ballmer, wirkt aber alles andere als antiautoritär.
Steve Ballmer ist nicht autoritär, aber er ist eine Autorität.

Wie erleben Sie ihn persönlich?
Er ist ein guter Bekannter von mir. Ballmer wird von der Öffentlichkeit vielleicht falsch wahrgenommen, er ist ein sehr warmherziger Mensch und unglaublich charismatisch. Seit ich in der Schweiz wohne und arbeite, hat sich der Kontakt mit ihm noch intensiviert. Er hat mehr Bezug zur Schweiz als zu Österreich, wo ich vorher gearbeitet habe.

Weil er Schweizer Wurzeln hat?
Der Heimatort seiner Vorfahren ist Lausen im Kanton Baselland. Er liebt diese Region und die Schweiz. Das sagt er mir immer wieder.

Und Sie, was halten Sie von der Schweiz?
Ich liebe es, hier zu arbeiten und zu leben. Vielleicht gefällt es mir auch darum so gut, weil in der Schweiz Führungseigenschaften einer Frau besser ankommen als in anderen Ländern.

Wie meinen Sie das?
In der Regel arbeite ich konsensorientiert. Und dieser Stil kommt in der Schweiz besser an, weil ja auch die Politik hier so funktioniert.

Sie streiten nicht gerne?
Ich kann streiten. Aber Streit ist nicht gleich Streit. Man kann auf persönlicher Ebene streiten oder streiten, um jemanden von einer Sache zu überzeugen.

Trotzdem: Als Topmanagerin haben Sie sicher schon oft Ihre Ellbogen gebraucht.
Ich sehe mich nicht als Managerin, sondern als Unternehmerin. Ich habe den Anspruch, so zu führen, dass meine Mitarbeiter zu Mitunternehmern werden. Dies gelingt nur dann, wenn ich sie über klare Zielvorgaben führe und ihnen gleichzeitig so viel Autonomie wie möglich einräume.

Klingt irgendwie anstrengend.
Das ist es auch. Schauen Sie, warum wollen die meisten Chefs ihre Mitarbeiter um sich haben, sie kontrollieren?

Sagen Sie es uns.
Hat der Chef die Untergebenen in seinem Blickfeld, kann er sich zurücklehnen. Denn er setzt Präsenz – unbewusst – mit Arbeit gleich. Eine solche Firma stagniert automatisch. Chefs aber, die ihren Angestellten Freiheiten lassen, können sich das nicht leisten. Sie müssen klare Zielvorgaben geben, Feedback liefern und einfordern. Damit steigt die Kreativität.

Freiheit, Feedback, Kreativität – so reden Anthroposophen und nicht Firmenchefs.
Für Aussenstehende mag meine Argumentation in der Tat abgehoben klingen. Aber das ist sie natürlich nicht. Die Microsoft-Niederlassung in der kleinen Schweiz ist punkto Umsatz auf Rang 14 der weltweit 168 Microsoft-Niederlassungen. Mehr Freiraum für die Mitarbeiter – insbesondere die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten – steigert die Produktivität. Die Schweiz ist ein Wissensland und braucht kreative Arbeiter. Firmen, welche diesen Wissensarbeitern nicht erlauben, Arbeitszeit und -ort flexibel zu planen, werden untergehen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.03.2012, 10:45 Uhr

Petra Jenner ist seit Oktober 2011 Country General Manager von Microsoft Schweiz. Die 47-jährige Deutsche hat über 20 Jahre Erfahrung in der IT-Branche und arbeitete zuvor als Chefin von Microsoft Österreich in Wien. Jenner ist verheiratet und lebt am unteren Zürichsee. Zu ihren Hobbys zählt sie Reisen, Tanzen, Skifahren und Yoga.

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