Wenn Gier die Gesellschaft zerstört

Ein bisschen Eigennutz tut allen gut, doch zu viel davon lässt das System einstürzen: Zwei Forscher der ETH zeigen am Computer, wie Gier eine Gesellschaft zerstört.

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In einer mobilen Gesellschaft sorgt ein gewisses Mass an Gier dafür, dass sich Menschen in Gruppen zusammenfinden. Doch mit dem Erfolg wächst auch die Gier des Einzelnen, bis das Gefüge schliesslich einstürzt. Das zeigt ein Computermodell, das Dirk Helbing und Carlos Roca von der ETH Zürich entwickelt haben.

Helbing und Roca haben dazu hypothetische Individuen - auf dem Bildschirm als Punkte angezeigt - so programmiert, wie es die Sozialwissenschaften mittlerweile nahelegen: Kooperation kann den Nutzen des Einzelnen erhöhen. Aber sie verführt Individuen auch dazu, die Gemeinschaft auszubeuten. Das kann Unzufriedenheit schüren – die Betroffenen verlassen die Gruppe und ziehen weiter auf der Suche nach einer besseren Welt.

Je gieriger, desto hektischer

Wichtig für die Simulation der beiden Forscher ist folgende Erkenntnis: Wann ein Individuum sein Umfeld als unzureichend empfindet, und entsprechend weiterzieht, hängt wesentlich von seinen Erfahrungen ab. Hat es in der Vergangenheit durchschnittlich wenig profitiert, erwartet es auch wenig vom Leben. Entsprechend wird es mit seinen Lebensumständen rasch zufrieden sein. Hat es durchschnittlich sehr gute Erfahrungen gemacht, erwartet es also viel, ist ihm kaum eine Gruppe gut genug. Diese Erwartungen haben die Forscher als Gier definiert. Will heissen: Je gieriger der Mensch, desto hektischer bewegt er sich auf der Suche nach noch mehr Nutzen immer weiter - Gemeinschaft kann kaum entstehen. Umgekehrt werden sich Menschen ohne jegliche Erwartungen gar nicht erst die Mühe machen, sich überhaupt zu bewegen, um sich zu verbessern. Auch so wird Gemeinschaft verunmöglicht. Mit anderen Worten: Ein bisschen Gier braucht es, damit Kooperation entsteht, zu viel davon lässt die Gesellschaft auseinanderbrechen.

Am Computerschirm konnten die beiden Forscher das Verhalten ihrer Punktemenschen plastisch beobachten: Bei zu wenig Gier bleiben die Punkte tendenziell statisch - einen Anreiz zur Bewegung gibt es nicht. Bei zu viel Gier wiederum treffen die Punkte immer wieder zufällig aufeinander, ziehen aber rastlos weiter. Bei einem mittleren Erwartungsniveau der Individuen finden sich die Punkte zu Trauben zusammen. Doch dann beginnt die fatale Entwicklung: Weil die Individuen laufend profitieren, erhöhen sich auch ihre Erwartungen laufend. Irgendwann werden sie so gross, dass sich der Einzelne unzufrieden abwendet. Die Gemeinschaft bricht auseinander - eine Entwicklung, wie sie historisch bekannt ist. «Es gibt eine ganze Reihe von Hochkulturen, die untergegangen sind», sagt Helbing. «Es ist durchaus denkbar, dass Gier dabei eine wichtige Rolle gespielt hat.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.07.2011, 16:13 Uhr

«Gier ist gut»: Michael Douglas als Börsenmakler Gordon Gekko im Film «Wall Street».

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