Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist

Ein Nachruf zum Tod des Banquiers Hans J. Bär.

Seiner Zeit immer um eine Nuance voraus: Hans J. Bär.

Seiner Zeit immer um eine Nuance voraus: Hans J. Bär. Bild: 13 Photo

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Er war der einzige Banquier, für den die WOZ wohlwollende Worte fand – und der sie von der WOZ auch dankend entgegennahm. Abonniert hatte das Blatt allerdings seine Schwester. So weit ging seine Neigung zur Subversion doch wieder nicht.

Hans J. Bär wurde einer grösseren Öffentlichkeit bekannt durch sein Engagement zur Regelung der nachrichtenlosen Gelder und durch sein Präsidium der Tonhalle-Gesellschaft. Unter seiner Ägide katapultierte sich das Tonhalle-Orchester in eine andere Liga. Und wenn Zürich heute kulturell eine andere Dimension hat, dann ist dies massgeblich sein Verdienst. In späteren Jahren präsidierte er lange das Festspielkomitee und förderte allgemein die Künste. Ohne Musik wäre das Leben für ihn ein Irrtum gewesen. Sie war, um das Shakespeare-Wort aufzunehmen, das er gelegentlich zitierte, «der Liebe Nahrung».

In seinem Metier war er seiner Zeit immer eine Nuance voraus. Bis hin zu seinen relativierenden Bemerkungen über die Bedeutung des Bankgeheimnisses, die ihm seinerzeit viel Ärger eintrugen. Heute weiss man, wie recht er auch in dieser Beziehung hatte.

Dabei hatte sich Hans J. Bär zunächst keineswegs fürs Bankgeschäft interessiert. Der 1927 in Zürich geborene Sohn eines Physikers wuchs in einem Haushalt auf, der nicht an die Zukunft des privaten Bankgeschäfts glaubte. Nach dem frühen Tod des Vaters wanderte die Mutter mit den vier Kindern 1941 in die USA aus. Hans absolvierte in Lehigh (bei Pittsburgh) ein Ingenieurstudium.

«A human face for Swiss banks»

Sein Eintritt in die Bank war dem Einfluss seiner beiden Onkel Walter und Werner Bär zu verdanken. Den beiden Patrons der Bank Julius Bär war seine Begabung nicht entgangen. Hans J. Bär fügte sich dem Wunsch auf seine Art. Er bereitete sich aufs Metier mit einer praktischen Ausbildung bei Brown Brothers Harriman in New York und einem abendlichen Graduate-Studium vor. Als Abschlussarbeit schrieb er eine Studie über «The Banking System of Switzerland». Das Buch wurde in vierter Auflage zuletzt 1972 nachgedruckt.

Nach dem Tode seiner Onkel führten die Cousins Nikolaus, Hans und Peter Bär die Privatbank, die 1972 in eine Publikumsgesellschaft überführt wurde.

Bei seinem statutenbedingten Abschied vom Verwaltungsratspräsidium im Jahre 1996 war die Debatte um die Regelung der nachrichtenlosen Vermögen bereits angelaufen. Mit seinen Aussagen vor dem Bankenkomitee des US-Senats gab Hans J. Bär der Schweiz ihre Dignität zurück. «A human face for Swiss banks», titelte die «New York Times» ihre Leadstory der Neujahrsausgabe 1998.

«Es fehlt die Anmut beim Stehlen»

Innere Richtschnur des grossen Musenfreunds und eindrücklichen Banquiers war eine klassische Ethik. Die grassierenden Salärexzesse – von ihm in Abwandlung des Falstaff-Worts, «Es fehlt die Anmut beim Stehlen», kommentiert – und die grosse Gier waren ihm zutiefst unsympathisch. Er plädierte lange vor der Bankenkrise für ein Entlöhnungssystem, das sich nicht einfach auf die Ausschüttung von Boni beschränkte, sondern auch eine Verantwortlichkeitskomponente enthielt.

Unter seinen unzähligen Freundschaften war die mit dem Geiger Isaac Stern wohl die intensivste. Es gibt ein Bild, auf dem die beiden in die Tonhalle laufen und Hans J. Bär Isaac Sterns Geigenkasten trägt.

Er lebte gerne; und er lebte gerne einfach. Eine Bratwurst am Bellevue und eine lebendige Diskussion waren seine bevorzugte Nahrung. Seine Domäne war nicht zuletzt das geistreiche Gespräch. Mit seinen Aperçus, Witzen, Pointen, Anekdoten und einer unnachahmlichen Beherrschung der Sprachfigur der Grotesken belebte er die Gesellschaft wie niemand sonst in Zürich. Insofern war er sicher der unzürcherischste Zürcher. Auch damit hat er zur grossen Öffnung Zürichs beigetragen.

Der Verleger Ignaz Miller war mit Hans J. Bär befreundet und half ihm bei der Niederschrift seiner Erinnerungen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.03.2011, 08:23 Uhr

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