Wenn es schön ist, kostet die Bratwurst mehr

Automatisch ändernde Preise sollen Food-Waste verringern und die Umsätze erhöhen. Funktioniert die Methode im Supermarkt?

Dynamische Preise für Grillgut: Je nach Wetterlage kosten die Würste in einem niederländischen Supermarkt mehr oder weniger.

Dynamische Preise für Grillgut: Je nach Wetterlage kosten die Würste in einem niederländischen Supermarkt mehr oder weniger.

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«Aktion»-Kleber auf den Waren im Supermarkt wecken den Jagdtrieb vieler Konsumenten. Gruyère, Poulet-Geschnetzeltes, Himbeeren: Alle eint das Schicksal, bald ihr Mindesthaltbarkeitsdatum zu erreichen. Und alle schreien den Konsumenten förmlich zu: Kauft uns! Viele tun das prompt und greifen sogar zum laktosefreien Joghurt oder zu anderen Produkten, die sie sonst nie kaufen würden.

Eine grosse niederländische Supermarktkette will das Prinzip perfektionieren. Seit kurzem testet Albert Heijn in einer Filiale im Küstenort Zandvoort das Prinzip der «dynamischen Preissenkung». Ein Algorithmus senkt die Preise von Produkten automatisch, sobald sie sich dem Mindesthaltbarkeitsdatum nähern.

Preise könnten sich theoretisch auch ändern, wenn die Ware schon im Korb liegt, aber noch nicht bezahlt ist.

Zunächst probiert Albert Heijn die dynamischen Preise mit Poulet und Fisch aus. Auf einem elektronischen Schild sind jetzt zwei Preise angegeben: Einer markiert den regulären Preis für das Produkt, der andere den Sondertarif für die Hühnerbrustfilets oder Lachssteaks, die in näherer Zukunft ablaufen. Auch andere Faktoren wie Wetterlage oder Lagerbestand berücksichtigt er. Regnet es, wird etwa das Grillgut tendenziell billiger.

Hinter der Idee steckt das israelische Start-up Wasteless, das auch Supermärkte in Frankreich und Italien berät. «Wir möchten die Lebensmittelverschwendung bekämpfen und die Umsätze der Händler erhöhen», sagt David Kat, der für Wasteless neue Märkte erschliesst. Essen wegzuwerfen, sei nicht nur ein ethisches Problem, sondern auch eine teure Angelegenheit für Supermärkte. «Die Händler haben die Produkte erworben, aber nehmen nichts ein, wenn sie die Lebensmittel nicht weiterverkaufen können», sagt Kat. Im Gegenteil: Weil die Waren entsorgt werden müssen, entstünden weitere Kosten.

Mehr Gewinn als bei den Aktionsklebern

Also hat eine künstliche Intelligenz, basierend auf historischen Daten und dabei erkennbaren Mustern, eine Logik entwickelt, die Preise zum möglichst günstigen Zeitpunkt verringert. Ideal ist der Zeitpunkt aus Sicht der Händler, wenn ihre Marge nicht zu sehr sinkt, aber gleichzeitig die Chance steigt, dass bald ablaufende Produkte noch verkauft werden.

Die Aktionskleber erhalten Produkte oft erst unmittelbar vor ihrem Ablaufdatum, dafür jedoch mit hohem Rabatt. In der Folge sinkt die Gewinnspanne. Nach dem Prinzip von Wasteless sinkt der Preis nur, wenn der Algorithmus dies für notwendig erachtet – «tendenziell schon früher als bisher, aber dafür nicht so stark», sagt Kat.

«Unser Leben wird dynamischer, und unsere Preise werden es auch.»Martin Fassnacht, Professor für Marketing und Handel

Auch für die Kunden ergebe sich daraus ein Vorteil: Sie stünden im Zweifel nicht so stark unter Zeitdruck, die reduzierten Lebensmittel noch am gleichen Tag verzehren zu müssen. Wasteless will sein Geschäftsmodell als Anreiz für Kunden verstanden wissen, nachhaltiger einzukaufen.

Das Prinzip der dynamischen Preise ist nicht neu, bislang allerdings weniger unter Nachhaltigkeitsaspekten aufgefallen. So steigen etwa die Preise für Flugtickets oder Hotelzimmer in der Ferienzeit. Im Onlinehandel kostet der Einkauf oft zu später Stunde weniger Geld. Die Entwicklung dahinter sei nicht aufzuhalten, glaubt Martin Fassnacht, Professor für Marketing und Handel an der deutschen Hochschule WHU. «Unser Leben wird dynamischer, und unsere Preise werden es auch.»

Allerdings glaubt Fassnacht nicht, dass die Preise für Lebensmittel künftig nur zum Vorteil der Kunden ausgelegt werden. So könnten die Grillwürste künftig auch kurzfristig teurer werden, wenn die Temperaturen ansteigen.

Die Migros bleibe bei der Methode, manuell Aufkleber auf den Produkten anzubringen.

David Kat vom Start-up Wasteless winkt ab. Zwar könnten sich die Preise auch während des Tages mehrmals ändern, also theoretisch auch, wenn die Ware schon im Korb liegt, aber noch nicht bezahlt ist. Allerdings nur in eine Richtung – nach unten.

Kat glaubt auch nicht, dass die Händler ihre Startpreise nach oben setzen werden, um trotz der Rabatte höhere Gewinne herauszuschlagen. «Das wäre in einem umkämpften Markt nicht gut für die eigene Wettbewerbsfähigkeit.»

25 Prozent mehr Einnahmen dank Algorithmus

Indem sie weniger Lebensmittel wegwerfen, verdienten die Händler ohnehin schon mehr Geld, sagt Kat. Ein Supermarkt in Italien, der mit dem doppelten Preisschild arbeitet, nehme seither 25 Prozent mehr ein.

In der Schweiz sind die Detailhändler noch nicht so weit. «Für die Migros sind dynamische Preise aktuell kein Thema», so eine Sprecherin. Man bleibe bei der Methode, manuell Aufkleber auf den Produkten anzubringen. «Damit wir Lebensmittelverluste so gering wie möglich halten können, überprüfen wir zudem die Mindesthaltbarkeitsdaten laufend.»

Auch von Coop heisst es, die Vermeidung von Food-Waste sei zwar ein grosses Anliegen. Aber: «Bei Coop gibt es in absehbarer Zeit weder eine dynamische Preisoptimierung noch individuelle Preise.»

Erstellt: 25.06.2019, 17:31 Uhr

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