Hintergrund

Wer Rechnungen auf Papier will, wird bestraft

Nach Cablecom, Orange und verschiedenen Banken verlangt nun auch Sunrise Geld für die Papierrechnung. Ein «Riesenärgernis», findet der Konsumentenschutz. Anders macht es die Swisscom.

Automatische Briefsortierung: Viele Firmen arbeiten darauf hin, ihren Kunden die Rechnung nicht mehr per Post zustellen zu müssen.

Automatische Briefsortierung: Viele Firmen arbeiten darauf hin, ihren Kunden die Rechnung nicht mehr per Post zustellen zu müssen. Bild: Keystone

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Die eine Hälfte der Botschaft, die das Telecomunternehmen Sunrise seinen Kunden übermittelt, lautet: «Sie stellen um auf kostenlose E-Mail-Rechnung, wir pflanzen einen Baum. Gemeinsam machen wir die Welt ein wenig grüner.» Die andere Hälfte sagt: «Ab 1. Februar 2013 kostet die Papierrechnung 2 Franken im Monat, die detaillierte Rechnung 3.50 Franken.» Im Kleingedruckten steht: «Ohne ihren schriftlichen Gegenbericht innert 30 Tagen werden die Änderungen wirksam und Vertragsbestandteil.»

Sunrise ist nicht der erste Telecomanbieter, der Kunden zur Kasse bittet, die an der Rechnung auf Papier festhalten. Orange verlangt dafür seit September 2 Franken, der detaillierte Verbindungsnachweis kostet sogar 5 Franken. Bei UPC Cablecom zahlen Neukunden für die Rechnung auf Papier seit April letzten Jahres 1.50 Franken. Die Swisscom geht einen anderen Weg: Sie bestraft nicht die Anhänger der Papierrechnung, sondern belohnt jene, die auf darauf verzichten: Sie gewährt eine einmalige Gutschrift von 5 Franken und spendet die Summe dem WWF.

«Rein kommerzielle Interessen»

«Das Vorgehen der Swisscom ist klar kundenfreundlicher», sagt Ralf Beyeler, Telecomexperte beim Vergleichsdienst Comparis. Vom grünen Mäntelchen, das sich Sunrise mit der Baumpflanzaktion gibt, hält er nicht viel: «Dahinter stecken rein kommerzielle Interessen, denn der Versand von Rechnungen per E-Mail ist viel günstiger.» Beyeler rät Betroffenen, die eine kostenlose Rechnung auf Papier wollen, beim Anbieter aber auf Granit stossen, sich an die Ombudscom zu wenden: die Schlichtungsstelle der Telekommunikationsbranche. «Solche Verfahren sind für die Anbieter finanziell und organisatorisch aufwendig, sodass sie in solchen Fällen lieber nachgeben.» Beyeler weiss von Kunden, die dank hartnäckigem Widerstand ihre Papierrechnung weiterhin kostenlos erhalten.

Bei der Ombudscom treffen immer wieder Reklamationen über Extrakosten für Papierrechnungen ein, sagt Ombudsman Oliver Sidler: «Wir prüfen die Rechtmässigkeit im Einzelfall und geben Empfehlungen ab, falls die Geschäftspraxis nicht rechtskonform ist.»

Gerichtsurteil in Österreich

Die Schweiz kennt keine Gesetze, die es verbieten, Entgelt für Papierrechnungen zu verlangen. Anders in Österreich: Im März hat der Oberste Gerichtshof ein Urteil des Oberlandesgerichts Wien bestätigt, wonach Extrakosten für Papierrechnungen gesetzeswidrig sind. Seit Februar 2012 steht auch im Telekommunikationsgesetz, dass Kunden das Recht auf eine kostenlose Papierrechnung haben.

Der Verein für Konsumenteninformation hatte im Auftrag des Ministeriums für Konsumentenschutz gegen T-Mobile geklagt. Die Geschäftsbedingungen der Firma sahen für Kunden, die auf einer Papierrechnung bestehen, einen «Umweltbeitrag» von 1.89 Euro pro Rechnung vor. Der Oberste Gerichtshof befand, weder die Förderung ökosozialer Ziele noch die flächendeckende Internetnutzung der Bevölkerung rechtfertigten ein Zusatzentgelt: Die Papierrechnung sei eine Bringschuld des Unternehmers, deren Kosten er in die Gesamtrechnung einzukalkulieren habe. Sonst blieben dem Kunden – mit oder ohne Internetzugang – Kosten und Mühen: Er müsse aktiv werden, um die Rechnung via Internet abzurufen. Diese bleibe daher häufig uneingesehen, was einen allfälligen Rechtseinspruch erschwere.

Viele Reklamationen

Die Stiftung für Konsumentenschutz in Bern erhält oft Reklamationen wegen der Rechnungen auf Papier. Geschäftsleiterin Sara Stalder befürwortet zwar, dass man jene belohnt, die auf die Papierrechnung verzichten. «Aber die Bestrafung der andern ist ein Riesenärgernis. Nicht jeder ist so gut organisiert, dass er ein elektronisches Büro führen kann.»

Stalder schaut neidvoll nach Österreich, wo Konsumentenschützer in staatlichem Auftrag Prozesse gegen die Telecomindustrie führen. «Wir prüfen zwar ein rechtliches Vorgehen gegen jene Unternehmen, die für die Papierrechnung Geld verlangen, aber unsere finanziellen Mittel sind beschränkt.»

Keine Angaben zu Sparpotenzial

Nicht nur Telecomunternehmen verlangen Geld für papierene Rechnungen. Seit April 2011 kostet der Postversand beim Kreditkartenanbieter Viseca (Kantonalbanken, Raiffeisen, Migros-Bank und andere) 1.50 Franken. Konkurrent Swisscard hingegen verrechnet laut Sprecher Urs Knapp keine Gebühren und verfolgt auch keine solchen Pläne.

Zu den Einsparungen der E-Mail-Rechnung nimmt Sunrise nicht Stellung. Mit der Umstellung folgt das Unternehmen laut Sprecher Tobias Kistner dem allgemeinen Trend, «die Papierrechnungen, die ökologisch schädlich und für Unternehmen sehr kostenintensiv sind, nur noch gegen Gebühr anzubieten».

Erstellt: 18.12.2012, 12:13 Uhr

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