Wertlose Air-Berlin-Tickets – wer zahlt?

Bei wem man nach der Pleite der Fluggesellschaft das Geld für bereits gekaufte Tickets zurückfordern kann.

Als noch ein wenig Hoffnung bestand: Flugzeug der Air Berlin Mitte Juli im Landeanflug auf den Flughafen Düsseldorf. Foto: Federico Gambarini (DPA, Keystone)

Als noch ein wenig Hoffnung bestand: Flugzeug der Air Berlin Mitte Juli im Landeanflug auf den Flughafen Düsseldorf. Foto: Federico Gambarini (DPA, Keystone)

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Ist der Schaden da, entsinnt sich der Mensch plötzlich all der Versicherungen, die er abgeschlossen hat. Für U.S. (Name der Redaktion bekannt) war es die Pleite von Air Berlin. S. fliegt aus privaten Gründen oft nach Berlin und pflegte die Tickets bei der Airline meist Monate im Voraus direkt zu kaufen. Nach dem Grounding der Billigfluglinie sass er auf drei wertlosen Flugscheinen.

S. meldete sich bei der Orion-Rechtsschutzversicherung sowie bei Zurich Schweiz, bei denen er Kunde ist. Beide Versicherer teilten ihm mit, dass die Insolvenz in den Allgemeinen Versicherungsbedingungen (AGB) ausgeschlossen sei – ergo könne man keine Leistung erbringen. Orion empfahl ihm, sich an den Insolvenzverwalter der Fluggesellschaft in Deutschland zu wenden und seine Ansprüche geltend zu machen. Die Zurich riet S., ein Chargeback-Verfahren bei seiner Kreditkartengesellschaft zu verlangen. S. tat dies Mitte Oktober beim UBS Card Center. Auf eine Antwort wartet er noch immer.

«Wer bei Versicherern und Kreditkartenfirmen abblitzt, dem bleibt nur die Anmeldung beim Insolvenzverwalter.»

Zu Air Berlin äussern sich die Kartenfirmen auf Anfrage sehr zurückhaltend. Die UBS will weder die Zahl der Chargeback-Verfahren nennen noch Angaben über die Zahl der Entschädigungen machen. Immerhin: «In den Fällen, die uns von Kunden übermittelt wurden, werden die Kunden entschädigt», so die UBS. Die zur Aduno-Gruppe gehörende Viseca Card Services erklärt, die erhaltenen Beanstandungen lägen «im tiefen dreistelligen Bereich». Ebenso die Zahl der entschädigten Kunden.


Video – Letzer Langstreckenflug von Air Berlin

Ein Pilot der insolventen Fluggesellschaft drehte zum Abschied eine Ehrenrunde auf dem Flughafen in Düsseldorf. (Video: Tamedia)


Swisscard verweist auf «einige Dutzend Air-Berlin-Kunden, die ein Chargeback-Verfahren ausgelöst» hätten. Berechtigt seien nur Kunden, die ihren Flug vor dem 15. August 2017 gebucht und bezahlt hätten. Alle anderen Kunden werden von Swisscard aufgefordert, sich direkt an Air Berlin zu wenden. Die Kreditkartenherausgeberin betont, dass ihr Vorgehen bei Air Berlin «nicht pauschal» für andere Fluggesellschaften angewendet werde. «Jeder Fall wird individuell geprüft und entschieden.»

Groundings generell ausgeschlossen

Bei Bonuscard sind laut eigenem Bekunden «nur sehr vereinzelt Anfragen» eingegangen. Generell müssten die Kunden das Geld zuerst bei Air Berlin schriftlich zurückfordern. Klappt das nicht, könne die Transaktion bei Bonuscard beanstandet werden. Jeder Fall werde dann einzeln entschieden.

Was U. S. mit Orion und Zurich widerfuhr, erleben auch viele andere Kunden, die ihre Tickets bei Air Berlin direkt geordert hatten, mit Reiseversicherungen. Das Grounding einer Airline ist in den Allgemeinen Versicherungsbedingungen generell ausgeschlossen. Dies bestätigen diverse Unternehmen mit Reiseversicherungen im Angebot. Die Axa erklärt, man habe aus Kulanzgründen Kunden entschädigt, die ihre Tickets vor Bekanntgabe der Insolvenz erworben hätten.

Zwei Ausnahmen

Immerhin gibt es in der Branche zwei löbliche Ausnahmen. So hat die Mobiliar im April 2017 das Grounding als versichertes Ereignis in die AGB aufgenommen. Laut der Versicherungsgesellschaft sind bis jetzt «rund 80 Kunden mit insgesamt über 110'000 Franken entschädigt» worden.

Bei der Europäischen Reiseversicherungs (ERV) AG mit Sitz in Basel gibt es den «Airline-Insolvenz-Schutz» seit dem Grounding der Swissair im Jahr 2001. Man muss ihn aber zu einer bestehenden Reiseversicherung hinzubuchen. Die Air-Berlin-Pleite hat die ERV nach Angaben ihres Chefs Thomas Tanner bis jetzt 150'000 Franken gekostet, insbesondere für Entschädigungen von Langstreckenflügen in die USA und in die Karibik, welche Air Berlin ab September kurzerhand strich.

«Ich kenne keinen Fall, wo ein Fluggast einen Cent bei der Pleite einer Airline zurückbekommen hat.»Ernst Führich, Reiserechtler

Wer bei Kreditkartenfirmen und den Versicherern abblitzt, dem bleibt nur mehr die Anmeldung beim Insolvenzverwalter in Berlin übrig. Ein Gang, den man sich gemäss Reisefachleuten eigentlich sparen könnte. So schreibt der in Deutschland angesehene Reiserechtler Ernst Führich in seinem Blog: «Ich kenne keinen Fall, wo ein Fluggast einen Cent bei der Pleite einer Airline zurückbekommen hat.» So sieht es auch Franco V. Muff, Ombudsmann der Schweizer Reisebranche. Weil sich die Airlines gegen eine Absicherung im Insolvenzfall wehren, wie dies schon lange für Pauschalreiseveranstalter gilt, plädiert Muff dafür, dass die Versicherer die Insolvenzabdeckung in ihre Produkte aufnehmen. Bei der Allianz heisst es dazu, man prüfe derzeit einen solchen Schritt.

Übrigens: Wer glaubt, Airlines-Pleiten seien äusserst selten, irrt sich. In diesem Jahr meldeten 15 Linienfluggesellschaften rund um den Globus Insolvenz an, 2016 waren es 16.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2017, 20:24 Uhr

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