Hintergrund

Whistleblower aus dem innersten Machtzentrum schwärzt CS an

Der Whistleblower aus dem Topmanagement: Der frühere Chef des US Private Banking informierte US-Behörden über fragwürdige Praktiken der Credit Suisse.

Damaliger Chef des Private Banking Americas der CS: Anthony DeChellis an einer Tagung in New York 2010.

Damaliger Chef des Private Banking Americas der CS: Anthony DeChellis an einer Tagung in New York 2010. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Whistleblower heisst Anthony DeChellis und war von 2006 bis letzten Frühling Chef von Private Banking Americas der Grossbank. DeChellis hat bei den US-Behörden Aussagen gegen seine Ex-Arbeitgeberin Credit Suisse gemacht. Diese wecken Zweifel an der korrekten Verbuchung und Berichterstattung von Neugeldern in Milliardenhöhe. Laut Bloomberg hat die US-Börsenaufsicht SEC in diesem Zusammenhang ein Verfahren gegen die CS eröffnet. Die Bank hat zwei Anwaltsbüros mit der Untersuchung der Vorfälle beauftragt.

DeChellis’ Name tauchte am Senatshearing von letztem Mittwoch auf, an dem Credit-Suisse-CEO Brady Dougan und weitere Spitzenleute zum Steuerdisput mit den USA aussagten. Beim Thema Neugelder eines grossen Kunden – die Rede ist von Hansjörg Wyss, dem Gründer der Medtech-Firma Synthes – wurde DeChellis in den Unterlagen mehrfach erwähnt. Es geht dabei um die Milliarden von Wyss, die im Verlauf von 2012 von der CS im Eiltempo als Neugelder ausgewiesen wurden und danach zwischen den USA und der Schweiz hin- und hergeschoben wurden. So konnte die Credit Suisse einen massiven Geldabfluss in der Schweiz in einen Zufluss verwandeln – zulasten der USA.

Recherchen zeigen, dass die geheimen Details rund um die Neugelder von DeChellis stammen. Das Verhalten des Ex-Topmanagers weckt Erinnerungen an den Fall UBS. Damals war es mit Martin Liechti ein anderer hochrangiger Verantwortlicher, der mit seinen Aussagen die Bank den USA ans Messer lieferte. Liechti war der entscheidende Kronzeuge der Amerikaner im Verfahren gegen die UBS. Bei der CS ist die Brisanz noch grösser. DeChellis wurde nicht wie Liechti, der ebenfalls für Americas zuständig gewesen war, zur Aussage gezwungen. Als US-Bürger versorgte DeChellis die Ermittler von sich aus.

DeChellis war unbelastet

Insider zeichnen das Bild eines Managers, der von der CS-Spitze aus undurchsichtigen Gründen abgesetzt wurde. Die CS will sich dazu nicht äussern. Aus offiziellen CS-Kreisen wurde in den letzten Monaten kolportiert, dass DeChellis im US-Wealth-Management zwar grosse Kundenvermögen an Land gezogen habe, aber zu einem unrentablen Preis. «Damit verdienten wir nichts», meint eine Zürcher CS-Quelle. In den USA sieht man es anders: DeChellis sei einer der erfolgreichsten Topmanager der Schweizer Bank gewesen.

Im Sommer 2008 brach der US-Steuerkonflikt aus. Damals bekannte sich die UBS vor dem gleichen Senatsausschuss schuldig, vor dem die CS-Spitze vor Wochenfrist auftrat. In der CS-Zentrale läuteten damals die Alarmglocken auf. Die Bank war ebenfalls aktiv im US-Offshoregeschäft. Americas-Chef DeChellis sollte der CS mit seinen Verbindungen in die US-Politik helfen, einen drohenden Konflikt zu entschärfen, sagt eine US-Quelle. DeChellis war unbelastet, war er doch zuständig für die Onshore-Vermögensverwaltung in den USA, bei der Steuerhinterziehung keine Rolle spielte.

Diese war allein das Problem der Offshore-private-banker, die aus der Schweiz vermögende Amerikaner betreuten, die ihre Gelder nicht beim US-Fiskus gemeldet hatten. Laut der US-Quelle sagte DeChellis Anfang 2012 gegenüber dem US-Justizministerium (DOJ) aus. Er habe dies auf der Basis von Informationen aus der CS-Zentrale in Zürich gemacht, die sich als unvollständig entpuppt hätten.

Im Verlauf des Geschäftsjahres 2012 folgten die eingangs erwähnten Unregelmässigkeiten bei der Verbuchung und Offenlegung der Milliarden von Hansjörg Wyss, der als «Kunde 5» bezeichnet wird. Im Senatsbericht sagt DeChellis, dass die Schweizer Spitzenleute Hans-Ulrich Meister und Rolf Bögli damals auf Neugelder aus gewesen seien, dass aber der Ausblick «nicht allzu vielversprechend» gewesen sei. Sein Private Banking Americas sei «der Nummer-1-Neugeldgenerator» gewesen. DeChellis war für den TA nicht auffindbar.

Interne Untersuchung gefordert

Gemäss Senatsbericht war der Amerikaner im Frühling 2012 tatsächlich zurückhaltend, was die Verbuchung der Wyss-Milliarden anging. Als Net New Assets wird nur angerechnet, was der Bank zur aktiven Vermögensverwaltung anvertraut wird. Das war bei Wyss nicht eindeutig. «5 Milliarden () ist eine Grösse, bei der ich nicht das Risiko eingehen will, korrigieren zu müssen», äusserte sich DeChellis in einer E-Mail im März 2012. «Lasst uns also sicher sein, dass wir uns sehr wohl fühlen bei dem, was wir zählen.»

Als später das Neugeld für das ganze 2012 feststand, bat die Zürcher CS-Zentrale DeChellis aktiv um Unterstützung. Weitere 900 Millionen Franken des Wyss-Vermögens sollten als Neugeld unter der Region USA ausgewiesen werden. «Hans-Ueli (Meister) wäre extrem froh, wenn du dies unterstützen würdest», mailte Meisters rechte Hand Rolf Bögli DeChellis. Der zeigte sich einverstanden, falls dies mit den «Guidelines» vereinbar sei.

Was dann passierte, ist umstritten. Aus amerikanischen CS-Kreisen verlautet, dass DeChellis bei einem Besuch in Zürich Anfang 2013 von neuen Hinweisen auf bisher unbekannte US-Schwarzgeldkonten erfahren habe. Er habe eine interne Untersuchung gefordert, was seine Vorgesetzten abgelehnt hätten. DeChellis habe darauf am 4. März in New York Pierre Gentin, den obersten CS-Prozess-Verantwortlichen, ins Bild gesetzt. Am gleichen Tag sei DeChellis vom neuen Verantwortlichen der CS-Vermögensverwaltung, Rob Shafir, abgesetzt worden.

Am Tag darauf berichtete das «Wall Street Journal» unter Berufung auf ein internes CS-Memo, dass DeChellis abgelöst worden sei. Die Bank würde ihm eine neue «Rolle» im Private Banking offerieren. Wochen später war DeChellis weg. Anfang August letzten Jahres stand er dem Senatsausschuss Rede und Antwort.


Dokument: Der Bericht des US-Senats

Erstellt: 07.03.2014, 08:18 Uhr

Artikel zum Thema

Die Milliarden von Klient 5

Hintergrund Die Credit Suisse soll das Vermögen eines Schweizer Kunden auf irreguläre Art verbucht haben, um vor den Investoren besser dazustehen. Mehr...

«Credit Suisse war praktisch von Beginn weg in der Defensive»

Interview Scharfzüngig, präzis und extrem gut vorbereitet – so bewertet der in den USA lehrende Finanzprofessor Alfred Mettler den Auftritt von Senator Carl Levin. Und der Auftritt der Schweizer Banker? Mehr...

Bildstrecke

Tiefpunkt bei der CS: Dougan vor dem US-Senat

Tiefpunkt bei der CS: Dougan vor dem US-Senat Im Februar 2014 musste die CS-Spitze im Steuerstreit vor führenden Politikern Stellung nehmen.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...