Porträt

Widmer-Schlumpfs Wegweiser

Als Chefökonom war Aymo Brunetti einst das liberale Gewissen der Bundesverwaltung. Nun leitet er die Expertengruppe, die demnächst eine neue Strategie für den Finanzmarkt aufzeigen soll.

«Intelligent, fleissig, pragmatisch»: Aymo Brunetti, Wirtschaftsprofessor an der Uni Bern und Leiter der Expertengruppe für eine neue Finanzmarktstrategie. (Archivbild)

«Intelligent, fleissig, pragmatisch»: Aymo Brunetti, Wirtschaftsprofessor an der Uni Bern und Leiter der Expertengruppe für eine neue Finanzmarktstrategie. (Archivbild) Bild: Keystone

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Ob der gegenwärtigen Dynamik in der Bankenpolitik kann einem schwindlig werden. Da diktieren die USA einen milliardenteuren «Deal». Da rufen die EU und die OECD immer lauter nach dem automatischen Informationsaustausch. Und da möchte der Bundesrat das Bankgeheimnis auch im Inland lockern. Derweil erarbeitet im Hintergrund eine Expertengruppe eine neue Finanzmarktstrategie. Von ihrem ersten Bericht erwartet man Antworten auf Fragen wie: Soll sich die Schweiz auf den automatischen Informationsaustausch einlassen? Unter welchen Bedingungen? Und inwiefern empfiehlt sich ein unterschiedliches Vorgehen gegenüber der OECD und der EU?

Der Bericht steht kurz vor Abschluss und dürfte demnächst präsentiert werden. Dann werden sich die Kameras auf Aymo Brunetti richten, den Leiter der Gruppe. Der 50-jährige Wirtschaftsprofessor der Uni Bern ist eine Rarität. Als einer der wenigen seines Fachs setzt er sich mit der Schweizer Wirtschaftspolitik auseinander. Die meisten seiner Kollegen richten sich dagegen international aus – aus Karrieregründen. Wollen sie weiterkommen, müssen sie in renommierten, vor allem amerikanischen Journalen publizieren. Und die Chancen, dort einen Artikel über Schweizer Wirtschaftspolitik platzieren zu können, sind eher klein.

Die Auswahl an Ökonomen war daher nicht riesig, als Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf einen verwaltungsexternen Leiter für ihre Expertengruppe suchte. Für Brunetti sprach auch, dass er die Bundeshausmechanik bestens kennt. 13 Jahre lang war er selbst Teil davon, zuletzt als Chefökonom im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Als Finanzmarktspezialist ist er zwar in der Öffentlichkeit nicht aufgefallen. Er hat sich aber als Folge der Finanzkrise intensiv mit der Problematik befasst und war auch Mitglied der «Too big to fail»-Expertengruppe.

Er wollte Biochemie studieren

Nun soll er Widmer-Schlumpf den Weg weisen. Er, der ursprünglich gar nicht Ökonom werden wollte. Stattdessen hatte sich der Basler nach Erlangen der Matura (Typus B mit Latein) gefragt: «Was ist interessant, und wo ist Basel stark?» Brunetti entschied sich für Biochemie. Doch schon nach wenigen Wochen merkte er, dass er dafür handwerklich zu wenig geschickt ist. So studierte er eben Ökonomie, Englisch und Geschichte – mit wenig Enthusiasmus. Erst gegen Ende des Studiums habe es ihm «den Ärmel reingenommen», erzählt Brunetti. Der Basler Volkswirtschaftsprofessor Silvio Borner stellte ihn als Assistenten ein und schrieb mit ihm und Thomas Straubhaar das Buch «Schweiz AG – vom Sonderfall zum Sanierungsfall?». Darin verlangten sie Liberalisierungen, Privatisierungen und ein Überdenken des Referendums, das sie für reformfeindlich hielten.

Fortan galt Brunetti als staatskritisch und «neoliberal». Das hinderte ihn freilich nicht, 1999 selbst beim Bund anzuheuern. Zwei Jahre lang wollte er bleiben und dann wieder in die Lehre zurückkehren. Doch es wurden 13 Jahre daraus. Öffentlich wahrgenommen hat man ihn vor allem durch seine Konjunkturprognosen. Seine eigentliche Aufgabe bestand aber darin, wirtschaftlich wichtige Geschäfte der Bundesverwaltung zu begutachten – auch jene anderer Ämter und Departemente. Mit dem Ziel, den volkswirtschaftlichen Aspekten mehr Gewicht zu verleihen. Das gelang Brunetti und seinen 50 Mitarbeitern mal besser, mal weniger.

Hört man sich unter seinen einstigen Arbeitskollegen um, hört man fast nur Lob – auch von solchen, die politisch anders denken als er. Unisono wird er als intelligent, fleissig, diskret, geradlinig, kollegial und pragmatisch geschildert, als «Technokrat im positiven Sinn». Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse, schätzt überdies Brunettis «klares Verständnis für Ordnungspolitik», während sein Pendant beim Gewerkschaftsbund, Daniel Lampart, von einem «unternehmerfreundlichen Ökonomen ohne grosse Sensibilität für Arbeitnehmerfragen» spricht. Kritisch ist auch Rudolf Strahm. Der ehemalige SP-Nationalrat und Preisüberwacher sieht in Brunetti einen «Lehrbuchökonomen und Marktdogmatiker». Immerhin habe dieser aufgrund der Finanzkrise hinzugelernt, «hinzulernen müssen».

Der Mainstream-Ökonom

Brunetti selbst wehrt sich gegen den Vorwurf, ein Dogmatiker zu sein. «Ich bin auch nicht staatskritisch; das ist ein Zerrbild, das von mir aufgebaut wird.» Stattdessen sieht er sich als Mainstream-Ökonomen, der nicht in den Markt eingreift, solange kein Marktversagen vorliegt. Wenn doch, sei der Staat aber gefordert – etwa, wenn der Markt die Umweltkosten nicht trage, die Banken durch ihren «Too big to fail»-Status zu einem hohen Risiko verleitet würden oder bei der Grundlagenforschung.

Skeptisch ist Brunetti jedoch gegenüber Konjunkturprogrammen: «Sie sind in einem kleinen Land wie der Schweiz besonders wenig effektiv, weil ein guter Teil ihres Effekts ins Ausland verpufft.» Überdies seien sie oft strukturerhaltend und meist zu wenig schnell umsetzbar. Dennoch half der Basler 2009 mit, ein solches Programm zu zimmern – auf Betreiben der damaligen Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard. Erfolgreich abgewehrt hat er dagegen das Begehren des damaligen Maschinenverbandspräsidenten Johann Schneider-Ammann nach weiterer Staatshilfe. Brunettis Team wies nach, dass die beklagte Kreditklemme gar nicht existiert.Im Jahr darauf wurde Schneider-Ammann Bundesrat und Brunettis oberster Chef. Aber nicht sehr lang. Wenige Monate später nahm der Basler einen Ruf der Uni Bern an und kehrte doch noch in die Lehre zurück – als Professor für Wirtschaftspolitik und Regionalökonomie. Wie beim Bund pendelt er täglich von Biel-Benken BL, wo er mit seiner Frau und zwei Kindern wohnt – 70 Minuten hin, 70 Minuten zurück. «Ich pendle gern», sagt Brunetti. Im Zug könne er in Ruhe lesen und schreiben. Unter anderem verfasste er dort sein bekanntes Lehrbuch «Volkswirtschaftslehre».

Als Professor muss er nun keine Rücksicht mehr nehmen auf Bundesräte: «Hier bin ich frei, ohne Chef», sagt Brunetti in seinem schlichten Altbaubüro. Jetzt könne er sich auch öffentlich zur Geldpolitik äussern. Als Chefökonom des Bundes war dies tabu, weil dadurch die Unabhängigkeit der Nationalbank angetastet worden wäre. Im Hintergrund wirkte das Seco aber sehr wohl mit. Ihm oblag es, die bundesrätlichen Gespräche mit der Nationalbank vorzubereiten. Die Geschäftsleitung war sich aber nicht immer einig. Wäre es nach dem einstigen Direktor für Arbeit, Serge Gaillard, gegangen, hätte die Nationalbank den Minimalkurs bereits früher auf einem höheren Niveau festlegen sollen. Brunetti war zurückhaltender und wollte länger zuwarten. Am Ende trugen aber alle die Limite von 1.20 mit.

Sein Einfluss bleibt gross

Nun sitzen Gaillard und Brunetti wieder am selben Tisch, beide in neuer Funktion: Brunetti als Professor und Leiter der Expertengruppe, Gaillard als Direktor der Finanzverwaltung und Mitglied der Gruppe. Zusammen mit Staatssekretär Michael Ambühl, Nationalbank-Vizepräsident Jean-Pierre Danthine, Seco-Chefökonom Eric Scheidegger, den Bankenprofessoren Manuel Ammann und Urs Birchler und andern erarbeiten sie die «Grundlagen zur langfristigen Weiterentwicklung der Finanzmarktstrategie». Das Mandat haben sie nicht vom Gesamtbundesrat, sondern von Eveline Widmer-Schlumpf.

Zum Inhalt des Berichts will Brunetti vor der Publikation nichts sagen. Er dämpft aber schon mal die Erwartungen: «Wir werden kaum etwas völlig Unerwartetes aus dem Hut zaubern können.» Weitere Berichte dürften folgen. Es ist auch gut möglich, dass die Expertengruppe zu einer «Taskforce» umgebaut wird, in der neu auch Bankenvertreter sitzen. Dies verlangt eine Motion, die der Ständerat bereits angenommen hat und nun in den Nationalrat kommt. An der Leitung dürfte dies aber nichts ändern. Brunettis Einfluss auf die Schweizer Wirtschaftspolitik bleibt also auch nach dem Rücktritt als Chefökonom gross. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.06.2013, 09:16 Uhr

«Das sieht nicht sehr gut aus»

Was Aymo Brunetti zu umstrittenen Fragen der Wirtschaftspolitik sagt.



1:12-Initiative: «Ich halte diese Initiative für sehr gefährlich, deutlich gefährlicher als die Minder-Initiative. Stimmt ihr das Volk zu, setzt es einen grossen Wettbewerbsvorteil aufs Spiel. Die Schweiz ist nämlich heute mit ihrer Arbeitsmarktpolitik Weltklasse. Das sieht man an der tiefen Arbeitslosenquote, vor allem aber auch an der hohen Erwerbsquote von über
80 Prozent. Kommt die 1:12-Initiative an der Urne durch, werden die Unternehmen mit einer drastischen Regulierung in ihrer Organisationsfreiheit eingeschränkt. Dann verschieben Konzerne die höchstbezahlten Jobs oder gar ganze Unternehmensteile ins Ausland. Denn für jährlich 600'000 Franken werden sie kaum einen CEO für einen globalen Konzern finden. Und die tiefstbezahlten Stellen werden einfach ausgelagert – mit entsprechenden Folgen für die Bezüger tieferer Einkommen.»



Mindestlohn-Initiative: «Dieses Volksbegehren ist für den Arbeitsmarkt wohl noch problematischer als die 1:12-Initiative – vor allem wegen der Höhe des geforderten Mindestlohns. Monatlich 4000 Franken wären Weltrekord –
und zwar mit grossem Abstand. Heute kennt Luxemburg mit knapp 2500 Franken den höchsten Mindestlohn in Europa. Die Auswirkungen eines Minimums von 4000 Franken kann man deshalb auch in keiner Weise mit jenen des amerikanischen Minimallohns von umgerechnet gut 1500 Franken vergleichen.
Bei einer Annahme der Initiative würden viele KMU auf repetitive Arbeiten verzichten, die sie heute mit knapp unter 4000 Franken entlöhnen – und stattdessen Maschinen einsetzen. Die Arbeitslosigkeit würde deutlich ansteigen, vor allem bei Menschen mit tieferer Produktivität. Kommt hinzu, dass ein Grossteil der Schweizerinnen und Schweizer, die unter 4000 Franken verdienen, gar nicht in armen Haushalten lebt. Ich denke zum Beispiel an Zweitverdiener oder Studenten. Wir sollten nicht den gleichen Fehler machen wie andere Länder. In Deutschland war die Arbeitslosigkeit in den 60er-Jahren ähnlich tief wie in der Schweiz. Doch dann begann Deutschland, den Arbeitsmarkt zunehmend zu regulieren, was dazu führte, dass die Arbeitslosenquote mit jeder Rezession stufenweise anstieg. In der Schweiz hingegen blieb sie nachhaltig tief.»



Eurokrise: «Die ist noch lange nicht überstanden. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre letzte Karte – jene der unbeschränkten Liquiditätsgarantie – gespielt. Damit ist das Risiko, dass die Krisenländer illiquid werden, eliminiert. Was aber ist mit der Solvenz der Länder? Dieses Problem ist in vielen Staaten noch lange nicht gelöst. Die EZB hat sich zwar viel Zeit gekauft. Aber die Reformen harzen. Sie sind auch schwierig umzusetzen angesichts der desolaten Lage, in der sich viele Länder befinden. Das sieht nicht sehr gut aus. Austritte aus dem Euro sind keine Lösung. Das Risiko einer unkontrollierbaren Kettenreaktion und einer gewaltigen Bankenkrise wäre viel zu gross. Als einzigen Ausweg sehe ich langfristig die Finanzunion mit einer substanziellen gemeinsamen Wirtschafts- und Finanzpolitik – so unsympathisch mir das eigentlich ist. Wird es in der EU chaotisch, ist auch die Schweiz stark betroffen. Einerseits durch die einbrechenden Exporte nach diesen Ländern, andererseits durch den Wechselkurs, der dann nur noch mit sehr teuren Massnahmen zu halten wäre.»

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