Wie Affichage in Griechenland 150 Millionen Franken versenkt hat

Der Werbekonzern Affichage heisst neu APG/SGA. Damit soll die Erinnerung an eine gescheiterte Expansion nach Griechenland getilgt werden, die das Unternehmen 150 Millionen Franken kostete.

Interessenkonflikt: Jean-François Decaux, Präsident von Affichage/APG und Chef von JCDecaux .

Interessenkonflikt: Jean-François Decaux, Präsident von Affichage/APG und Chef von JCDecaux . Bild: Reuters

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Affichage sei in Griechenland «über den Tisch gezogen» worden. So erklärte Verwaltungsratspräsident Jean-François Decaux 2010 die Vorgänge um den Kauf einer griechischen Firma 2007, die 2010 wieder abgestossen wurde. Der Schaden für Affichage beträgt 150 Millionen Franken – eine Riesensumme für die frühere Plakatgesellschaft, die letztes Jahr noch 311,8 Millionen Franken Umsatz erzielte. In Griechenland sind eine Straf- und Zivilklage wegen Betrugs und Irreführung gegen mehrere Personen hängig. Eine richtet sich gegen den griechischen Geschäftsmann Philip Vrionis, der seine Firma für rund 64 Millionen Euro an Affichage verkauft hatte.

Decaux vertritt die Interessen des französischen Werbekonzerns und Affichage-Hauptaktionärs JCDecaux. Er erhob im Mai 2011 auch Vorwürfe an die frühere Geschäftsleitung. Sie habe «gewisse Auflagen» beim Kauf «nicht erfüllt». So habe JCDecaux «die Zusammenarbeit mit einem lokalen Partner» sowie die Anstellung eines griechischen Geschäftsleiters gefordert. Dabei war der Franzose laufend über die Vorgänge in Griechenland informiert. Wie Recherchen des TA zeigen, stand er in einem Interessenkonflikt als Verwaltungsrat von Affichage und Co-Geschäftsführer der Familienholding JCDecaux. Beide verkaufen Strassenwerbung, beide expandierten damals ins Ausland. Mit 2 Milliarden Euro Umsatz waren die Franzosen aber deutlich grösser.

Kaum schriftliche Unterlagen

Decaux hatte sich für JCDecaux bereits rund drei Jahre vor Affichage für die Firma von Philip Vrionis interessiert. Vrionis und seine Familie waren mit den Firmen Domisi Outdoor und Clear Intermedia einer der grössten Anbieter von Plakatwerbung in Griechenland. Vrionis verhandelte mit Grundeigentümern und Gemeinden über Plakatstandorte. Er bot ihnen eine Art Miete oder die Möglichkeit, bei politischen Wahlen gratis Wahlplakate aufzustellen. Waren die Wahlen vorüber, gewährten die gewählten Politiker Vrionis das Recht, die Plakatwände für bezahlte Werbung zu nutzen. Über solche Deals wurde nicht Buch geführt, schriftlich vereinbart wurde kaum was.

2005 stimmte der Affichage-Verwaltungsrat dem Kauf der griechischen La Strada Outdoor zu, die sich auf Werbung an Autobahnen spezialisiert hatte. Das Geschäft lief gut, und die Firma schien von Vrionis unabhängig zu sein. (Dass er dennoch dahintersteckte, erfuhren die Schweizer erst später.) Vom Erfolg ermuntert, schickte der von Klaus Hug präsidierte Affichage-Verwaltungsrat die fürs Auslandsgeschäft zuständige Madeleine Linter nach Griechenland, um Vrionis' Firmen zu kaufen. Bei der Überprüfung durch PricewaterhouseCoopers kamen aber Unregelmässigkeiten zum Vorschein. Der Verwaltungsrat wusste davon, trotzdem bewilligte er den Kauf im September 2006. Einzig der Freiburger Verwaltungsrat Paul-Henry Binz stimmte dagegen. Weil man sich über Vertragsfristen und Preis nicht einigen konnte, kam es dann doch nicht zum Vertragsabschluss mit Vrionis.

Ernst & Young akzeptierte das griechische Geschäft nicht

Der Grieche liess nicht locker und reduzierte im Frühjahr 2007 seine Preisvorstellung von 85 auf 64 Millionen Euro. Der Verwaltungsrat entschied sich für den Kauf – erneut gegen die Stimme von Binz. Auf Anweisung von Decaux wurden nur 75 Prozent der Aktien erworben, ein Viertel blieb bei Vrionis. Er sollte dafür sorgen, dass die nach wenig transparenten Methoden bewirtschafteten Plakatstellen den in Aussicht gestellten Ertrag tatsächlich generierten. Affichage war es aber nicht ganz wohl dabei. Es wurden rund 55 Verträge abgeschlossen, mit Konventionalstrafen für abhandengekommene Werbeflächen.

2008 drohten die Buchprüfer von Ernst & Young Schweiz damit, den Wert der griechischen Tochter Affichage Hellas in den Büchern der Mutter massiv tiefer zu bewerten als vom Finanzchef vorgeschlagen. Für die Nutzung vieler Plakatstellen bestehe kein Vertrag. Die blosse Schätzung des Firmenwerts aufgrund der Erträge genüge nicht. Die Prüfer akzeptierten das griechische Geschäftsmodell nicht, das auf Gegengeschäften beruhte. Der von Hug geführte Verwaltungsrat beschloss gegen den Willen von Decaux, Vrionis die restlichen 25 Prozent der Firma abzukaufen. Kaum war Vrionis nicht mehr dabei, fühlten sich in Griechenland Gemeinden und Private nicht mehr an die mündlichen Abmachungen gebunden und begannen damit, Rechte anderweitig zu nutzen oder dem Konkurrenzunternehmen Politis zu übergeben.

Eigene Firma im Affichage-Büro

Damit nicht genug: Es drohte ein Tabakwerbeverbot, das zu einem Ausfall von 20 Prozent des Umsatzes führen konnte. Man wusste um den Einfluss des Generalsekretärs des griechischen Gesundheitsministeriums auf das Thema. Bereits 2007 war die Tochter des Generalsekretärs bei der britischen Tochter von JCDecaux engagiert worden. Ihr Engagement wurde in der Folge verlängert, das Verbot konnte hinausgezögert werden, kam aber schliesslich doch. Danach brach der Ertrag bei Affichage Hellas ein. Chefin Madeleine Linter wurde im Oktober 2007 abberufen. Ihr Nachfolger, ein Grieche mit deutschen Wurzeln, blieb nicht lange. Auf ihn folgte der Kroate Chris Bojanovic. Ihn hatte der damalige Verwaltungsratsdelegierte Christia Kauter vorgeschlagen. Decaux war unter Vorbehalt einverstanden. Bojanovic war bei einer früheren Anstellung von Decaux wegen finanzieller Unregelmässigkeiten entlassen worden. Deshalb wurde ihm ein Finanzchef zur Seite gestellt, der ihn überwachen sollte. Man versprach sich von Bojanovic aber eine Beziehungspflege im Stile Vrionis'.

Wenige Monate später erfuhr die Zentrale in der Schweiz, dass Bojanovic eine Parallelfirma führte. Er nutzte 20 Plakatstellen und Affichages Infrastruktur, um die Erträge selber einzukassieren. Bojanovic wurde fristlos entlassen. Auf seine Forderung nach einer Abgangsentschädigung von einer Million Franken ging der Verwaltungsrat nicht ein. Affichage verzichtete auf eine Klage, obwohl der Sachverhalt feststand.

Klage auf Druck von Kleinaktionären

Nach diesem dritten Wechsel wurde klar, dass man Griechenland nicht in den Griff bekam. Deshalb entwarf der Verwaltungsrat im Herbst 2009 Ausstiegsszenarien. Es kam zu Entlassungen. Madeleine Linter musste gehen, später der Finanzchef. Dem Verwaltungsratsdelegierten Kauter verweigerte die Generalversammlung 2010 als einzigem VR-Mitglied die Entlastung. Decaux hatte gegen ihn gestimmt und behielt sich die Möglichkeit von Klagen vor. Eingeklagt wurde Kauter aber nicht, obwohl auch er Fehler gemacht hatte.

Bewegung in die Sache kam Ende 2010: Affichage klagte die frühere Griechenland-Chefin Linter zivilrechtlich ein. Der Prozess ist «fortgeschritten», sagt ein Anwalt der APG/SGA. Die Beklagte will sich zum laufenden Verfahren nicht äussern, präzisiert aber: «Es handelt sich um ein arbeitsrechtliches Thema. Eine Organverantwortung ist nicht Gegenstand des Prozesses.»

Die Klage war auf Druck von Kleinaktionären zustande gekommen. Fast gleichzeitig hatten Max Müller mit seiner Nidauer Beteiligungsfirma Starlet Investment und der Genfer Claude Piccot, dessen Vater 30 Jahre lang Direktor bei der APG gewesen war, Verantwortlichkeitsklagen eingereicht: gegen Präsident Jean-François Decaux, die Ex-Verwaltungsräte von Affichage Hellas, Jean-Claude Marchand und Georges Gagnebin, den früheren VR-Präsidenten Klaus Hug, den ehemaligen VR-Delegierten Christian Kauter und Madeleine Linter. Vor zwei Wochen zogen Müller und Piccot jedoch ihre Klagen zurück. Sie waren laut Experten chancenlos. Die Beklagten haben Recht auf eine Parteientschädigung. Es könnte um eine sechsstellige Summe gehen.

Bericht nicht öffentlich

So bleiben die Verantwortlichkeiten im 150-Millionen-Debakel wohl ungeklärt. Das gilt insbesondere für den heutigen Präsidenten. Decaux sagte im Mai 2011, der Betrug durch Vrionis und sein Umfeld stehe zweifelsfrei fest. Die zuständige griechische Staatsanwaltschaft hat die strafrechtlichen Klagen zugelassen, und es laufen Ermittlungen. Beobachter gehen jedoch davon aus, dass die Chancen klein sind, in Griechenland mit einer Verurteilung durchzudringen. «Wäre der Prozess nicht in Athen, hätten wir ihn sicher bereits gewonnen», sagte Decaux 2011 in der Westschweizer Wirtschaftszeitung «L’Agéfi».

2011 erstellte die Beratungsgesellschaft Deloitte einen Bericht zum Hellas-Debakel. Der Bericht wurde nie publiziert, Affichage lehnt jede Anfrage dazu ab. Geschäftsführer Daniel Hofer: «Der Bericht wurde an der entsprechenden Generalversammlung ausführlich erläutert. Zusätzliche Fragen wurden an den darauffolgenden Generalversammlungen beantwortet.» Weitere Klagen sind nicht in Sicht. «Alle Schritte wurden unternommen, die juristisch möglich und sinnvoll waren», schreibt Affichage. Madeleine Linter und Christian Kauter lehnten eine Stellungnahme ab, ebenso Jean-François Decaux.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.07.2012, 08:26 Uhr

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