Wie Airbnb zu kalten Betten führt

Der Wohnraumvermittler wirbt gerne mit positiven Effekten, die seine Dienstleistungen in den Städten auslösen. Doch jetzt gerät Airbnb in den Verdacht, die Wohnungsnot zu verschärfen.

Airbnb als Politikum: Demonstration in New York Anfang Jahr.

Airbnb als Politikum: Demonstration in New York Anfang Jahr. Bild: Reuters

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«Für viele Leute ist Airbnb der einzige Weg, dass sie weiterhin in der Stadt wohnen können, die sie lieben.» So stellt sich der Wohnraumvermittler gerne dar. Jüngst etwa in einem Bericht, der untermauern soll, wie San Francisco und das lokale Gewerbe von Airbnb profitieren. Die wichtigsten Botschaften in diesem Papier:

  • Die Airbnb-Gemeinschaft habe in San Francisco 469 Millionen Dollar Wertschöpfung beigesteuert. Dieser Beitrag habe sich damit in den letzten drei Jahren mehr als verachtfacht.

  • Ein Airbnb-Vermieter verdiene im Schnitt 13'000 Dollar mit der Vermietung pro Jahr.

  • Die Airbnb-Gäste würden pro Aufenthalt 1223 Dollar ausgeben und damit deutlich mehr als Hotelgäste mit 931 Dollar. Zudem sei auch die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Airbnb-Nutzer länger: 5 Nächte gegenüber 3,5 Nächten.

Einen Kontrast zu dieser Erfolgsmeldung liefert eine Untersuchung der Aufsichtsbehörde Board of Supervisors der Region San Francisco, wie das Magazin Quartz berichtete. Sie ging der Frage nach, wie Airbnb und weitere Angebote für die temporäre Vermietung wie Homeaway und Flipkey den Wohnungsmarkt beeinflussen.

Tiefe Hürden

Kritisch beurteilt die Untersuchung den Einfluss von kommerziellen Anbietern, die Airbnb für die Vermittlung von Wohnraum benutzen, den sie selber nicht bewohnen. Da für sie die Vermietung via Airbnb finanziell lukrativer erscheint, bieten sie ihren Wohnraum nicht mehr für langfristige Mietverhältnisse an.

Zu dieser Kategorie gehört in San Francisco rund ein Drittel der über 6000 Airbnb-Anbieter. Die Eintrittshürden, Wohnraum via Airbnb anzubieten, sind im Vergleich mit dem Betrieb eines Hotels oder herkömmlichen Bed & Breakfast tief. In San Francisco muss ein Vermieter via Airbnb den Wohnraum während 257 Tagen vermieten, um besser zu fahren als mit einem normalen Mietverhältnis.

Dem Wohnungsmarkt werden dadurch Objekte entzogen. Und die Betten bleiben kalt, wenn sie nicht vermietet sind. «Kurzzeitige Vermietungen können die Wohnungsnot in San Francisco verschärfen», kommt die Untersuchung zum Schluss und befeuert damit die Airbnb-Debatte.

Wie in anderen Städten wird der Aufstieg von Airbnb in San Francisco von Kritik und Nebengeräuschen begleitet. Letzten Herbst begann die Stadt den Markt für die Vermietung von Unterkünften bis 60 Tage zu regulieren. Seit Februar müssen sich Airbnb-Vermieter bei der Stadt registrieren und eine Kurtaxe von 14 Prozent abführen.

Stärkere Kontrollen

Bis jetzt hat sich erst ein Bruchteil der Anbieter bei den Behörden in San Francisco registriert. Um auf die negativen Auswirkungen des Airbnb-Trends zu reagieren, schlägt die Behörde in San Francisco vor, bessere Durchgriffsmöglichkeiten und höhere Eintrittsschwellen zu schaffen: Der Bericht empfiehlt, Airbnb und weitere Plattformen nur noch für Wohnraumanbieter zuzulassen, die bei der Stadt registriert sind. Und die Zahl der Nächte, während deren eine Unterkunft nicht angeboten wird, einzuschränken.

Amerika ist nicht die Schweiz und San Francisco nicht Zürich. Doch zwei Faktoren sind bei den beiden Städten vergleichbar. Der Wohnraum ist knapp und die Immobilienpreise rekordhoch.

Airbnb ist auch in der Schweiz auf dem Vormarsch: Laut einer Auswertung des Walliser Tourismus-Observatoriums vom letzten Herbst ziehen die wichtigsten grossen Städte und deren Einzugsgebiete sowie die Tourismusregionen im Alpengebiet (Wallis, Graubünden, Bern, Waadt und Tessin) am meisten Kunden an. Aus Zürich stammt rund ein Fünftel der über 6000 Airbnb‐Objekte in der Schweiz. Aus Genf rund 14 und dem Wallis 12 Prozent.

8 Prozent Anteil am Angebot

In der Schweiz ist die Politik noch dabei, sich mit möglichen Folgen von Airbnb zu befassen. Das Departement von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf hat einen Bericht in Aussicht gestellt, der die Auswirkungen und die aktuelle Situation ausleuchten soll. Im März hiess es, er werde in den nächsten Monaten erscheinen.

Der Stellenwert von Airbnb unterscheidet sich je nach Region stark: Im Wallis macht das Airbnb-Angebot 14 Prozent der Hotelbetten aus. In Graubünden sind es lediglich 5 Prozent. Im Schweizer Schnitt sind es 8 Prozent.

Eine besondere Rolle hat Airbnb in den Städten übernommen: «Mietunterkünfte für Ferienzwecke in städtischen Regionen. Hier ist es Airbnb gelungen ein Feld zu eröffnen, das von den übrigen Akteuren vernachlässigt wurde, einen früher nicht bearbeiteten Nischenmarkt», heisst es in der Studie.

Erstellt: 15.05.2015, 11:47 Uhr

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