Hintergrund

Wie Big Data die TV-Zuschauer überlistet

Immer grössere Datenberge und immer cleverere Algorithmen bestimmen, was wir im Fernsehen sehen. Das gilt nicht nur für populäres Reality-TV, sondern auch für Kultserien. Ein Selbstversuch.

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Spätestens seit «The West Wing» von Aaron Sorkin gilt Politik als sexy Stoff für eine TV-Serie. In Sorkins Westflügel des Weissen Hauses dreht sich alles um einen fiktiven US-Präsidenten und seinen Stab. Die neueste Politserie heisst «House of Cards» und hat als Helden den fiktiven Fraktionschef der US-Demokraten im Abgeordnetenhaus (brillant gespielt von Kevin Spacey). Die beiden Serien liegen an den gegensätzlichen Enden des dramaturgischen Spektrums. Bei «The West Wing» meinen es alle letztlich gut, selbst die Republikaner. In «House of Cards» triumphiert Machiavelli: Es wird intrigiert, gemobbt, getrunken, gekokst und Sex freizügig und oft als Waffe eingesetzt. Beide Serien zeigen jedoch, dass Politik alles andere als langweilig ist. «House of Cards» war kurz nach seinem Erscheinen Tagesgespräch in den angelsächsischen Medien. Der «Economist» beispielsweise hat der Serie die beliebte Lexington-Seite gewidmet.

Was Zuschauer wünschen

Bei «House of Cards» ist nicht nur der Inhalt, sondern auch die Entstehungsgeschichte ungewöhnlich. Die Serie wurde nicht von einer TV-Station wie ABC oder einer Kabelgesellschaft wie HBO produziert, sondern von Netflix. Netflix ist eine Art iTunes für Filme und Videos. Man kann dort für eine monatliche Gebühr von 7.99 Dollar unbeschränkt Videos und Filme herunterladen. Netflix ist auch eine Erfolgsgeschichte: Weltweit gibt es inzwischen 27 Millionen Abonnenten in 33 Ländern. Das bedeutet, dass sich Netflix nicht nur auf einen beständigen Cashflow verlassen kann, sondern dass es auch über eine riesige Datenbank für Zuschauerinteressen verfügt. «Niemand weiss mehr darüber, was Zuschauer wünschen, als Netflix», stellte die «New York Times» kürzlich fest.

«House of Cards» zeigt, dass Netflix inzwischen weiss, wie man diese Daten erfolgreich verwenden kann. Die Serie wurde bis ins Detail vorgeplant und vorgetestet. Sie basiert auf einer gleichnamigen Kurzserie, die die BBC Anfang der 1990er-Jahre ausgestrahlt hat. Die Art und Weise, wie die Hauptfigur ihr Handeln wie in Shakespeares «Richard III.» dem Publikum ankündigt, wurde dort abgekupfert. Der Regisseur der meisten Folgen, David Fincher, hat nach einem Drehbuch von Sorkin «The Social Network» gedreht, einen Film, der von den Netflix-Kunden überdurchschnittlich oft verlangt wird. Auch Hauptdarsteller Kevin Spacey ist bei dieser Zielgruppe äusserst angesagt. Damit hatte Netflix die groben Koordinaten für seine Serie.

Unheimlich – und umwerfend

Doch das ist bloss die Oberfläche. Netflix schaut sich 30 Millionen sogenannte Plays an, will heissen: Es wird analysiert, wo die Zuschauer den Film anhalten, wo sie vorwärtsspulen oder welche Szene sie zwei- oder mehrmals anschauen. «Weil wir eine direkte Beziehung zu den Konsumenten haben, wissen wir, was sie mögen. Und das hilft uns zu verstehen, wie gross das Interesse für eine bestimmte Show ist», sagt Netflix-Sprecher Jonathan Friedland. «Das wiederum hat uns das Vertrauen gegeben, dass wir ein Publikum für eine Show wie ‹House of Cards› finden werden.»

Das Resultat ist irgendwie unheimlich. Ich bilde mir ein, ein selbstständig denkender Mensch zu sein, der sich nicht so leicht von Marketing beeinflussen lässt. Am verregneten Karfreitag habe ich die erste Folge probehalber angeklickt. Nach wenigen Szenen war es um mich geschehen. Selbst wenn an allen vier Ostertagen der Himmel strahlend blau gewesen wäre, hätten mich keine zehn Pferde dazu gebracht, vom Computer aufzustehen. «House of Cards» ist umwerfend.

Erstellt: 03.04.2013, 09:06 Uhr

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Ein «Netflix-Original»: «House of Cards» befriedigt Kundenbedürfnisse wie keine Serie zuvor. (Bild: PD)

Video

«What is it what You want?»: Der Trailer von «House of Cards». (Quelle: Youtube)

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