Wie Schmolz+Bickenbach Millionen für Jagdgebiete ausgab

Der deutsche Stahlkonzern fordert von seinem Ex-Präsidenten Michael Storm neun Millionen Euro zurück, die er ihm für seine privaten Aufwendungen belastet haben soll.

Beruft sich auf die «Jagdtradition» im Konzern: Michael Storm.

Beruft sich auf die «Jagdtradition» im Konzern: Michael Storm. Bild: Dirk Hoppe (Netzhaut)

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Dass Unternehmer teure Hobbys pflegen, ist ja nicht ungewöhnlich. Michael Storms Leidenschaft ist die Jagd. Über 200'000 Euro kostete ein Jagdausflug, den er im Spätherbst 2006 in Ungarn mit fünf Jagdfreunden unternahm. Eine Jagd zwei Jahre später im gleichen Gebiet mit zehn Teilnehmern war mit 360'000 Euro noch weit teurer. Ein Jagdwochenende in Österreich wiederum, das er sich im Sommer 2009 zusammen mit einem Jagdfreund gönnte, schlug mit einer Viertelmillion Euro zu Buche.

Ungewöhnlich neben den für Normalverdiener gewöhnungsbedürftigen Kosten ist der Umstand, dass Storm diese Jagdpartien nicht aus dem eigenen Sack bezahlte, sondern die Rechnungen vom deutschen Stahlkonzern Schmolz+Bickenbach begleichen liess.

Wenn Inhaber von Familienfirmen es mit der Trennung von Privat- und Geschäftsvermögen nicht immer so genau nehmen, kräht meist kein Hahn danach. Doch Schmolz+Bickenbach war schon damals keine Privatfirma mehr. Die von Storm in vierter Generation geführte Düsseldorfer Stahlfirma hatte 2006 den Schweizer Stahlkonzern Swiss Steel übernommen – und kam so als Nebeneffekt auch zu einer Kotierung an der Schweizer Börse.

Illustre Kreise eingeladen

Storm gehörten damals gemeinsam mit weiteren Familienmitgliedern rund 70 Prozent der Aktien des Stahlkonzerns. Doch spätestens nach dem Börsengang hätte das Unterscheidungsvermögen geschärft sein müssen, möchte man meinen. Bei Storm bewirkte die Öffnung gegenüber externen Investoren eher das Gegenteil. Diesen Schluss legt jedenfalls die Klage nahe, die Schmolz+Bickenbach jüngst gegen ihren früheren Verwaltungsratspräsidenten und Grossaktionär Storm beim Bezirksgericht Hochdorf LU eingereicht hat: 9 Millionen Euro plus 1,4 Millionen Euro Zinsen soll Storm zurückzahlen. So gross sei der Schaden, den sein «aufwendiger Lebensstil» auf Kosten der Firma verursacht habe.

Nach dem Kauf von Swiss Steel legte der deutsche Firmenerbe erst so richtig los. Den Kauf des Jagdgebietes St. Johann in Österreich im Jahr 2007 für 2,7 Millionen Euro sowie 350'000 Euro jährliche Unterhaltskosten liess er noch vom Verwaltungsrat absegnen. Das reichte ihm scheinbar nicht. Storm habe zwei privat gepachtete Jagdgebiete in Deutschland samt Unterhaltskosten über die Firma abgerechnet, obwohl er als Präsident weder operativ tätig noch zur Repräsentation der Firma nach aussen autorisiert gewesen sei, heisst es in der Klageschrift: 3,3 Millionen Euro «Privatausgaben» habe er von 2006 bis 2011 der Firma unter diesem Titel aufgehalst.

Allein das Jagdpersonal habe in dieser Zeit rund 1,1 Millionen Euro gekostet. In einem privaten Gebiet habe er «bis zu acht Jagdmitarbeiter» auf Kosten der Firma eingesetzt. Sogar die Ausweitung einer Privatjagd per Kauf von drei Grundstücken auf eigenen Namen habe er den Konzern begleichen lassen.

Auto für Frau, Seilbahn für Jagd

Zur Jagd habe Storm jeweils einen illustren Kreis eingeladen: Ärzte, Rechtsanwälte, Immobilienmakler, Vertreter der Jagdbehörde, Banker, Wirtschaftsprüfer, Studenten, Politiker, Industrielle. Und zwar auf «privatem Briefpapier», der Konzern sei «in keiner Weise als Veranstalter dieser privaten Jagdveranstaltungen aufgetreten, etwa durch Beschilderung oder Werbung», steht in der Klageschrift.

Storm wurde 2011 als Präsident abgesetzt. Im Auftrag des Verwaltungsrates erstellte Untersuchungsberichte förderten zutage, dass er zudem Ausflüge ausserhalb der drei Jagdgebiete mit weiteren 4,2 Millionen Euro der Firma belastete – davon 1,2 Millionen Euro allein im Jahr 2009, als der Konzern 276 Millionen Euro Verlust machte.

«In diesen Dingen den Überblick verloren»

Der Grossaktionär liess laut Klage einen Teil des «privaten Fuhrparks» über die Firma laufen, darunter «Fahrzeuge für Ehefrau und Mutter». Selbst die Kosten für seine Tätigkeit als Honorarkonsul von Korea liess er sich bezahlen. Auf dem Gelände der Privatjagd der Firma habe Storm Jagdhäuser neu bauen oder renovieren und eine eigene Seilbahn für 400'000 Euro erstellen lassen. Dabei waren laut seiner langjährigen Assistentin im Jahr «weniger als zehn Jagdgäste» anwesend. Die Rückforderung der so entstandenen Kosten von 2 Millionen Euro behält sich die Firma vor.

Anfänglich anerkannte Storm zunächst, er habe «in diesen Dingen den Überblick verloren»; er wisse, dass er bei «einigen Kostenpositionen», etwa bei den privaten Wagen, «nicht ordnungsgemäss zwischen privaten und betrieblichen Aufwendungen unterschieden habe und diese ausgleichen» werde, schrieb er dem Verwaltungsrat 2011. Einen kleinen Teil hat Storm zurückgezahlt, im Übrigen stellt er laut Klage «jegliche Haftung in Abrede». Die Aufwendungen seien eben doch betrieblich bedingt gewesen, im Konzern gebe es eine «Jagdtradition». Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf untersuchte wegen Verdachts auf Untreue, stellte das Verfahren aber gegen Zahlung von 100'000 Euro wieder ein. Eine Einigung gelang nicht, darum hat die Firma nun Klage eingereicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2013, 09:46 Uhr

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