Wie Yasmine Nestlé bezwang

Nach zehn Jahren gewann Yasmine Motarjemi ihren aufsehenerregenden Prozess gegen den Nahrungsmittelriesen. Ob sich das gelohnt hat, weiss sie nicht.

Yasmine Motarjemi kämpfte zehn Jahre lang gegen eines der grössten Unternehmen der Welt. Und gewann. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Yasmine Motarjemi kämpfte zehn Jahre lang gegen eines der grössten Unternehmen der Welt. Und gewann. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

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Sie lacht in einem Moment. Sie weint im anderen. Und manchmal tut sie beides gleichzeitig. So wie jetzt. «Wissen Sie, ich habe daran gedacht, mich umzubringen», bricht es im Gespräch aus Yasmine Motarjemi heraus. Doch dann habe sie sich ermahnt: «Was nützt es, mich umzubringen, ohne zuvor gekämpft zu haben!»

Ihrer verworrenen Gefühlswelt ist Yasmine Motarjemi seit Jahren ausgeliefert. Hinter der 65-Jährigen liegt ein zehn Jahre dauernder Rechtsstreit, der schweizweit einmalig ist und vor ­wenigen Tagen vor dem Waadtländer Kantonsgericht eine überraschende Wende nahm.

Internationales Aufsehen

2011 verklagte Yasmine Motarjemi ihren ehemaligen Arbeitgeber, den Nahrungsmittelkonzern Nestlé mit Hauptsitz im Waadtländer Städtchen Vevey. Nicht irgendeine Firma also, sondern eines der zwanzig teuersten börsen­notierten Unternehmen der Welt. Ein Gigant unter Riesen. Yasmine ­Motarjemi warf dem Konzern vor, sie gegen das Mobbing ihres ehemaligen Vorgesetzten Roland S. nicht geschützt zu haben. Sie forderte einen symbolischen Franken Wiedergutmachung und über zwei Millionen Franken entgangene Lohnzahlungen.

Der Fall sorgte international für Aufsehen. Die Frau war beim Nahrungsmittelkonzern nicht irgendwer. Sie ­verantwortete die weltweite Produktesicherheit. Das Nestlé-Management hatte die gebürtige Iranerin mit Studienabschlüssen in Frankreich, Schweden und den USA 2000 bei der Weltgesundheitsorganisation abgeworben. Sie hatte einiges zu bieten: Kenntnisse über Lebensmittel, Produktionsstandards, öffentliche Gesundheitssysteme in ­aller Welt, ein grosses Beziehungsnetz, Zugang zu Regierungen.

Die Warnung ignoriert

2011 erhob sie einen schweren Vorwurf: Man habe sie bei Nestlé bei ihrer Arbeit für die Produktesicherheit zurückgebunden und als Mensch zugrunde gerichtet. Im Jahr 2007 waren Nestlé-Produkte in den USA in einen schweren branchenweiten Vergiftungsvorfall verwickelt, bei dem Hunderte Haustiere starben. Im Jahr 2008 kam es in China zu einer Melamin-Lebensmittelvergiftung, bei der Babymilch kontaminiert war und etwa 300'000 Babys vergiftet wurden. Nestlé musste seine Produkte in Hongkong und Taiwan vom Markt nehmen. «Ich habe zwei Jahre zuvor vor dem Szenario in Asien gewarnt», sagt Yasmine Motarjemi. Doch bereits 2006 sei sie mit ihren Warnungen kaum mehr durchgekommen, wegen Roland S., ihrem Vorgesetzten.

Vor Gericht bezichtigte sie den Biochemiker, sie isoliert zu haben. Ihr Team sei seinetwegen aufgelöst, sie selber nicht mehr an Sitzungen eingeladen worden. Er habe ihre Auftritte an internationalen Konferenzen verhindert. ­Roland S. wies jede Schuld von sich. Er attackierte stattdessen die Klägerin. «Aus ­meiner Sicht war ihre Anstellung ein Versagen. Sie hatte die notwendigen Kenntnisse, aber nicht die Kompetenzen für die Arbeit.» Sie habe alle Prinzipien und Anwendung der Nahrungsmittel­sicherheit gekannt, sie aber nicht in industriellem Kontext anwenden können. 2010 habe er sie darum entlassen.

Yasmine Motarjemi litt vor und nach der Kündigung an Depressionen, Schlaflosigkeit und beständiger Übelkeit. 55-jährig musste sie eine Berufsinvaliditätsrente beantragen und bekam sie auch. Sie war in ihrem Stolz verletzt. Und dieser Stolz trieb sie an zu klagen, obwohl ein ehemaliger Nestlé-Mitarbeiter ihr dringend davon abriet. «Nestlé ist ein Bulldozer. Ist er einmal in Fahrt, erdrückt er alles unter sich», sagte der Mann zu ihr.

«Ungerechtigkeit gesehen»

Nestlé kam in Fahrt. Erst recht, als Yasmine Motarjemi CEO Paul Bulcke in den Zeugenstand zwang. «Die Qualität und Sicherheit ist die allererste Sorge unserer 339'000 Mitarbeiter», sagte Bulcke 2015 in einem Interview und später auch vor Gericht. Dies betont der Konzern auch heute (siehe Box) und zeigt sich enttäuscht vom Urteil. Bulcke bezichtigte Motarjemi, ausschliesslich eigene Interessen zu verfolgen. Sie konterte Bulcke in einem Meinungsbeitrag wenige Tage später: «Ich stelle nicht die Arbeit Tausender Mitarbeiter infrage, sondern die Missstände bei den Prozessen zur Garantierung der Nahrungsmittelsicherheit dieses Unternehmens.»

Die meisten Zeugen zeigten vor Gericht Loyalität gegenüber Nestlé und kritisierten die Klägerin. Eine Person könne «nicht alles» ändern, befand der damalige CEO und heutige VR-Präsident Bulcke vor Gericht. Die Erwartungen der Kaderfrau seien anders gewesen als die Rolle, die ihr zugedacht war. Rar ­waren die Momente, in denen Mitarbeitende sie vor Gericht lobten. «Sie wollte das Unternehmen beschützen. Die Personalabteilung handelte unprofessionell», sagte ein ehemaliger Konzernjurist. Dort habe man gesagt, ­Motarjemi solle in ihrer iranischen Heimat nachschauen gehen, was eine «korrekte ­Behandlung» sei.

«Ich habe 15 Jahre meines Lebens in einem Gefängnis voller Trauer verbracht.»Yasmine Motarjemi, 
ehemalige Nestlé-Kaderfrau

Erdrücken liess sich Yasmine Motarjemi vom Prozess nicht. Doch sie litt. An jedem Prozesstag erfassten sie die negativen Emotionen aus den Nestlé-Jahren von Neuem. Zeugen redeten sie schlecht, machten Aussagen, die aus ihrer Sicht nicht stimmen. Doch sie musste stillhalten, durfte nichts sagen. Nach jedem Prozesstag musste sie sich eine Woche lang erholen und sich dann während einer Woche auf den nächsten Verhandlungstag vorbereiten.

Stets an ihrer Seite: Bernard Katz, ihr Anwalt. Er kannte die andere Seite. Er arbeitete für Konzerne, stand aber noch nie im Sold von Nestlé. Er wusste: ­Nestlé hatte mit Anwalt Rémy Wyler einen Universitätsprofessoren und ausgewiesenen Arbeitsrechtsspezialisten engagiert und darüber hinaus eine ganze Rechtsabteilung, die am Fall arbeitete. Warum liess er sich auf die Klage ein? «Ich habe im Dossier die Ungerechtigkeit sofort gesehen.» Nestlé habe seine eigenen Personalrichtlinien missachtet. Wie sich der Konzern von Yasmine Motarjemi trennte, sei weder menschlich noch elegant gewesen. «Doch Mobbing ist immer schwierig zu beweisen und Nestlé schwierig anzugreifen.»

Doch es glückte. Anfang Januar entschieden drei Waadtländer Kantonsrichterinnen, dass die Ex-Kaderfrau des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé gemobbt wurde, während langer Zeit, ohne dass die Konzernspitze die Missstände beseitigt hätte. Das Urteil ist ungewohnt hart formuliert – gegen Nestlé, aber auch gegen das Waadtländer Bezirksgericht, das Motarjemis Klage in erster Instanz abgewiesen hatte.

«Scheinuntersuchung»

Von «hinterhältigem Mobbing» ist im Entscheid die Rede. Die unabhängige Untersuchung, mit welcher die Konzernspitze die Vorfälle untersuchen liess, sei eine «Scheinuntersuchung» gewesen. Das Mobbing habe «schwere physische Schäden» hinterlassen und die zuvor kerngesunde Klägerin «in ihrer brillanten Karriere gestoppt». Zeugen werden als parteilich hingestellt, parteilich zugunsten von Nestlé. Der Konzern habe versucht, Yasmine Motarjemi intern an einen neuen Arbeitsort zu verschieben, ohne den Missständen auf den Grund zu gehen oder sie zu beheben. Das Kantonsgericht sprach der Klägerin den symbolischen Franken Wiedergutmachung zu und wies die erste Instanz an, entgangene Lohnzahlungen zu berechnen, die Nestlé bezahlen soll.

Wer als Kläger von einem Gericht derart gestützt und bestätigt wird, müsste grosse Genugtuung empfinden. Yasmine Motarjemi sagt: «Ich war zuerst überglücklich. Doch dann kam die Verbitterung, weil ich 15 Jahre meines Lebens in einem Gefängnis voller Trauer verbrachte und damit auch meine Familie leiden liess.» Konzernchef Paul Bulcke habe ihr Leben unweigerlich zerstört. Genugtuung ist da, ja. Verletzungen bleiben.

Erstellt: 29.01.2020, 23:05 Uhr

Nestlé von Urteil enttäuscht

Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé muss bis Mitte Februar entscheiden, ob er das Urteil im Fall Yasmine Motarjemi ans Bundesgericht weiterzieht. Ob er das tut, ist offen. Ein Nestlé-Sprecher schickt auf Anfrage ein Statement zu. Darin heisst es: «Wir nehmen die Entscheidung des Berufungsgerichts zur Kenntnis und sind enttäuscht über das Urteil. Nestlé hatte und hat immer die höchsten Standards der Lebensmittelsicherheit und -qualität eingehalten. Wir betonen, dass es weder in diesem Fall noch in dem Urteil um die Sicherheit unserer Produkte geht, sondern dass es sich hier um einen arbeitsrechtlichen Konflikt zwischen einer Arbeitnehmerin und ihrem ehemaligen Arbeitgeber handelt. Wir tolerieren keine Belästigungen. Wir nehmen solche Vorwürfe sehr ernst und gehen ihnen gründlich nach.» (red)

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