Hintergrund

Wie aus Datenklau ein Geschäft wird

Allianz Suisse bietet eine Versicherung gegen Skimming an. Fragt sich nur: Ist man danach besser gegen Betrüger und Trickser geschützt?

Die Fälle von sogenanntem Skimming sind in letzter Zeit rückläufig: Geldautomaten am Zürcher Hauptbahnhof.

Die Fälle von sogenanntem Skimming sind in letzter Zeit rückläufig: Geldautomaten am Zürcher Hauptbahnhof. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn Kriminelle den PIN-Code und die Daten der Bankkarte ausspionieren, ist oft Schaden und fast immer Ärger programmiert. Mit den kopierten Daten haben die Ganoven Zugriff auf das Konto des Karteninhabers. Im besten Fall reagiert das automatische Betrugserkennungssystem. Registriert es ein typisches Missbrauchsmuster, wird die Karte umgehend gesperrt. Das schützt zwar das Konto des Karteninhabers, macht diesen aber, wo immer er Geld benötigt, handlungsunfähig.

Gegen das Ärgernis, mit einer gesperrten Maestrokarte beim Bancomaten abzublitzen oder mit gesperrter Kreditkarte und leerem Portemonnaie im Restaurant die Rechnung nicht begleichen zu können, schützt keine Versicherung. Die Allianz Suisse verspricht aber Schutz gegen Schäden, die durch den missbräuchlichen Zugriff Dritter auf ein Bankkonto entstehen. Sei es, dass beim Onlinebanking Daten geklaut werden. Sei es, dass ein am Briefkasten eingeworfener Überweisungsauftrag herausgefischt und manipuliert wird. Oder sei es, dass die Daten der Bankkarte durch sogenanntes Skimming an einem Geld- oder Billettautomaten ausspioniert werden.

«Das macht keinen Sinn»

Vom Versicherungsschutz gegen Skimming hält man bei der Stiftung für Konsumentenschutz wenig. «Das macht keinen Sinn», sagt André Bähler, Leiter Politik und Wirtschaft. «Wenn der Karteninhaber die Sorgfaltspflichten eingehalten hat, zahlt nach unserer Erfahrung die Bank den Schaden. Wenn er aber die Sorgfaltspflichten verletzt hat, weil er etwa den PIN-Code auf die Karte notiert hat, zahlt auch die Allianz nicht.»

Tatsächlich schliesst die Allianz in ihren Vertragsbedingungen grobe Fahrlässigkeit aus. Sprecher Bernd de Wall betont aber, dass nicht genau definiert sei, für welche Schäden die Banken aufkommen. «In dieser Grauzone kommt der Kontoschutzbrief der Allianz Suisse zum Zug», sagt de Wall. Er erwähnt den Fall, bei dem eine Bank eine Kundin nicht entschädigte, weil sie das Eintippen des Codes nicht mit der freien Hand abgedeckt hatte.

Schmerzlich, nicht existenzbedrohend

Es gibt diese Grauzone. Das verdeckte Eingeben des PIN-Codes gehöre zur Sorgfaltspflicht, sagte Constantin Bregulla, bei der UBS Chef des Kartengeschäfts, bereits am 30. Dezember letzten Jahres gegenüber dem TA. Die UBS zeige sich in diesem Punkt aber kulant. Auch müsse sich der Kunde bei Unstimmigkeiten innerhalb von 30 Tagen melden. Die Regel sei aber, dass die Banken den Schaden übernehmen.

Deshalb zweifelt auch Stefan Thurnherr, Versicherungsexperte beim VZ Vermögenszentrum, am Sinn des Allianz-Produkts. Skimming sei «nicht versicherungswürdig». Es sei nicht etwas, was man als notwendige Versicherung bezeichnen könne. «Es ist eher eine Ergänzungsversicherung, eine Art Wohlfühlpaket, das in Richtung Vollkasko-Mentalität geht», sagt Thurnherr. Er zieht den Vergleich zu einer Reiseversicherung: wenn man eine Reise, für die man 1000 Franken bezahlt habe, nicht antreten könne, sei das allenfalls schmerzlich, aber nicht existenzbedrohend.

Die Nachfrage besteht

Seit der Lancierung des Kontoschutzbriefs im Mai 2011 hat die Allianz «bereits Tausende dieser Versicherungen verkauft», sagt de Wall. Nachdem das Produkt zunächst nur in Kombination mit einer Hausratversicherung zu haben war, bietet es die Gesellschaft seit kurzem auch ohne diese Verknüpfung an – «aufgrund des grossen Erfolges».

Die Allianz rührt auch kräftig die Werbetrommel – mit TV-Spots und Aussagen, die nicht mehr topaktuell sind. «50 Prozent nahm Skimming allein zwischen Februar und März zu», liest man etwa auf der Internetsite der Allianz Suisse. Gemeint sind Februar und März 2011. Im ersten Quartal 2012 gingen die Fälle dagegen zurück.

Heizt der Versicherer die Stimmung an, um sein Geschäft zu fördern? «Die Allianz Suisse betreibt keinen Alarmismus», hält de Wall dagegen. Die Kampagne «Stop Skimming» von Polizei und Finanzbranche zeige, dass es sich hier um ein verbreitetes Problem handle.

Erstellt: 27.06.2012, 06:58 Uhr

Artikel zum Thema

Skimming-Diebe sind erfinderisch

Bancomaten sind sicher, aber die Datendiebe finden immer neue Mittel und Wege. Sie schlagen dort zu, wo es am einfachsten ist: zurzeit bei Billettautomaten und Tankstellen. Mehr...

Panne vorgetäuscht, dann Waffe gezogen

Drei Unbekannte taten auf der Autobahn, als hätten sie eine Panne. Dann wurde ein gutmeinender Helfer zum Opfer: Die Räuber fuhren mit ihm sogar bis nach Zürich an den Bancomat. Mehr...

Allianz kauft kleine belgische Versicherung

Versicherung Frankfurt Die Allianz setzt ihre Einkaufstour fort: Europas Assekuranz-Primus übernimmt das Versicherungsgeschäft der Mensura CCA, einem kleinen belgischen Anbieter von Arbeitsunfallversicherungen. Mehr...

Paid Post

Willkommen auf dem E-Bauernhof

Im Jahr 2050 gilt es, 9,8 Milliarden Menschen zu ernähren. Somit muss bis dann die Nahrungsmittelproduktion weltweit um 70 Prozent erhöht werden.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...