Wie die UBS ihre US-Kunden «abschmelzen» liess

Die UBS stieg viel früher aus dem US-Geschäft aus als bisher bekannt – und zwar klammheimlich, wie ein Finma-Papier zeigt. Hätten das die anderen Banken gewusst, hätten sie sich wohl anders verhalten.

Die Bank erkannte die Gefahren bereits im Sommer 2007: UBS-Sitz in New York.

Die Bank erkannte die Gefahren bereits im Sommer 2007: UBS-Sitz in New York. Bild: Reuters

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Die elf Banken, die auf der Liste der US?Strafbehörden stehen, wurden oft kritisiert, weil sie mit Ausnahme der CS US-Kunden der UBS übernommen hatten. Dies, obwohl sie hätten wissen müssen, dass es Probleme mit den US-Strafbehörden gab. Sogar Bundespräsidentin Eveline Widmer Schlumpf äusserte diesen Vorwurf.

Im letzten Kapitel des geheimen Finma-Berichts zum Crossborder-Geschäft der UBS findet sich aber eine Passage, welche diese These infrage stellt. Gemäss einem unveröffentlichten Bericht der Finanzmarktaufsicht aus dem Jahr 2009 entschied das Top-Management der UBS bereits am 21. August 2007, das Geschäft mit den US-Kunden herunterzufahren. Das war, ein volles Jahr bevor die Bank offiziell bekannt gab, dass sie aus dem Geschäft aussteigen will. Und das war, neun Monate bevor öffentlich bekannt wurde, dass die US-Behörden im Fall UBS ermittelten.

Zuerst versuchte man den Verkauf

Im Sommer 2007 kam man aufgrund von wachsendem Druck der US-Behörden sowie internen Untersuchungen zum Schluss, dass das Geschäft mit US?Kunden von der Schweiz aus nicht mit den US-Gesetzen zu vereinbaren sei (der Finma-Bericht sagt dazu «non compliant»). In einer ersten Phase wurde probiert, das Geschäft zu verkaufen. Doch ein Versuch, es der Bank Julius Bär weiterzureichen, versandete, trotz anfänglichem Interesse des damaligen Bär-Vizepräsidenten und ehemaligen UBS-Mitarbeiters George Gagnebin.

Um den Ausstieg aus dem Geschäft mit mutmasslichen amerikanischen Steuerhinterziehern trotzdem zu bewerkstelligen, wurde am 28. September 2007 unter der Leitung des Chefs des Nordamerika-Desks das Projekt «LEAF» angestossen. «Das bestehende Nordamerikageschäft sollte eingefroren und dann sukzessive, nicht zuletzt mit einem immer unattraktiveren Dienstleistungsangebot, heruntergefahren werden (melt off).»

Arbeiten gegen den Kunden

Um den Abgang der unerwünschten Kunden zu beschleunigen, sollten Gebührenvergünstigungen überarbeitet und Zusatzdienstleistungen abgeschafft werden. Weiter sollten Bankkonten mit einem Saldo von unter 500'000 Franken geschlossen werden. Wertschriftendepots sollten in die USA verschoben werden. Dies alles im Wissen, dass das die meisten Kunden nicht wollten.

Ziel war es, «die Kunden abschmelzen zu lassen». Dass sich die schlecht behandelten Kunden daraufhin bei der Konkurrenz beschwerten und dort ihre Konten eröffneten, war gewollt. Um niemanden misstrauisch zu machen, wurde dabei Wert auf äusserste Diskretion ­gelegt.

Boni für Abgänge

Anfangs wurde das Projekt LEAF sogar intern geheim gehalten. Erst am 19. November 2007 wurde es den Mitarbeitern vom damaligen Chef des Private Bankings, Raoul Weil, vorgestellt. Weil man darauf angewiesen war, dass der Rauswurf der US-Kunden möglichst geräuschlos vollzogen wurde, gab man den Mitarbeitern neue Anreize.

Bisher waren die Kundenberater darauf getrimmt, neue Kunden und neues Geld anzuziehen. Jetzt wurde ein möglichst geräuschloses Abschmelzen angestrebt. Dafür wurde ein sogenanntes Retentionsprogramm aufgegleist für die 90 in der Abteilung verbliebenen Mitarbeiter. Jedem wurde eine Prämie von 15 Prozent des Jahreslohns zugesichert sowie der durchschnittliche Bonus der Jahre 2006/2007. Für Kader (sogenannte Desk-Heads) war sogar eine Prämie von 35 Prozent vorgesehen.

Ausbezahlt wurde das alles im September 2008, kurz vor der Rettung der UBS durch den Staat und nur Monate bevor der damalige UBS-Präsident Peter Kurer an einer ausserordentlichen Generalversammlung von ein paar Mitarbeitern sprach, die illegale Taten in den USA verübt hätten. Raoul Weil ist inzwischen in den USA angeklagt und gilt dort als flüchtig. Am 17. Juli 2008 gab dann Mark Branson vor dem Kongress in den USA den Ausstieg aus dem US-Crossborder-Geschäft offiziell bekannt. Branson hat seither die Seite gewechselt und arbeitet für die Finma als Chef der Grossbankenaufsicht.

Finma-Warnung blieb aus

Warum die Finma, die genau wusste, wie die UBS ihre US-Kunden abgeschoben hatte, die anderen Banken nicht gewarnt hat, bleibt ein Rätsel. Auch weshalb der hier zitierte Teil der Untersuchung aus dem Jahr 2009 nie publiziert wurde, ist unklar. Denn hätten die Banken gewusst, dass die UBS der Ansicht war, das Geschäft mit diesen Kunden sei aus US-Sicht illegal, hätten sie sich wohl anders verhalten. Bei der Finma heisst es dazu, die Banken seien für ihr Geschäft selber verantwortlich.

Als einzige der elf Banken, die im Visier der USA stehen, scheint die CS keine Kunden der UBS übernommen zu haben. Ihr wird in den USA vorgeworfen, ähnlich wie die UBS verbotene Kundenkontakte auf US-Boden gepflegt zu haben. Die CS sagt dazu, interne Regeln hätten dies verboten. Als die CS ihre US?Kunden 2008 ebenfalls loswerden wollte, brachte sie der Chef des US?Desks teilweise persönlich zur Bank Wegelin, wo sie wie viele UBS-Kunden mit offenen Armen empfangen wurden.

Erstellt: 17.03.2012, 13:52 Uhr

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