Wie sich die Burkards von Sika entfremdeten

Mit dem Verkauf ihres Anteils kappt die Familie Burkard die Verbindung zum Konzern, der seit 1910 in ihrer Hand ist. Die elf Kinder der fünf Geschwister haben offenbar kein Interesse, weiter zu machen.

Mit dem Verkauf können die fünf Geschwister nun eigene Wege gehen: Der Sika-Konzern ist in 84 Ländern tätig und beschäftigt über 16'000 Mitarbeiter. Foto: Ruben Sprich (Reuters)

Mit dem Verkauf können die fünf Geschwister nun eigene Wege gehen: Der Sika-Konzern ist in 84 Ländern tätig und beschäftigt über 16'000 Mitarbeiter. Foto: Ruben Sprich (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Letzte Woche schien die Welt noch in Ordnung. Am turnusgemäss internen Meeting zwischen dem Sika-Management und der Ankeraktionärin spielten alle die gewohnten Rollen: Die Sika-Führung präsentierte die Erfolge und Ziele – die Familie Burkard nickte die Strategie ab und zeigte Freude am «Sika-Geist».

Was bei Sika niemand wusste: Die fünf Burkard-Geschwister waren bereits vor Wochen in eine andere Rolle geschlüpft: Sie verhandelten im Geheimen mit mehreren möglichen Käufern über den Anteil von 16 Prozent des Kapitals und 52 Prozent der Stimmrechte am Innerschweizer Baustoffkonzern. Seit gestern ist nun bekannt: Für 2,75 Milliarden Franken gaben Burkards dem französischen Bauzulieferer Saint-Gobain den Zuschlag.

«Die Familie regelt damit die Nachfolge», erklärt deren Vertreter Urs Schenker von Baker & McKenzie. Die fünf Geschwister, die vierte Generation der Unternehmerfamilie, seien alle zwischen 50 und 60 Jahre alt. Sie haben zwar insgesamt elf Kinder, die zwischen 2 und um die 30 Jahre alt sind. «Es zeichnet sich nicht ab, dass eines der Kinder je eine nähere Beziehung zu Sika haben wird», begründet Anwalt Schenker den Verkauf weiter.

Dass die Familie den Traditionskonzern abstösst, schockt nicht nur die Sika-Führung, die unter der Kontrolle des neuen Inhabers nicht mehr weiterarbeiten will. Auch viele Publikumsaktionäre sind offenbar über die Art und Weise des Verkaufs erstaunt.

Im Mode- und Fitnessgeschäft

Immerhin ist Sika seit der Gründung im Jahr 1910 in Familienhand. Der Vater der heutigen Verkäufer, Romuald Burkard, hatte aus der damaligen Kaspar Winkler AG Sika und damit einen Weltkonzern gebaut. Der Baustoffkonzern ist in 84 Ländern tätig und macht mit 16'000 Mitarbeitern mehr als 5 Milliarden Franken Umsatz. Romuald Burkard trat 1990 als Verwaltungsratspräsident zurück. Sohn Urs folgte als Verwaltungsratsmitglied. Seither ist die Rolle der Familie aber eine passive. Urs Burkard selbst ist Schreiner und Innenarchitekt und hat eigene Firmen. Auch die drei Schwestern Gabriella, Monica und Carmita sind mit Firmen in anderen Bereichen wie Mode, Gastro, Fitness und Baubereich tätig. Einzig Bruder Fritz Burkard arbeitete mehrere Jahre für Sika in Italien und den Niederlanden und hätte auch gerne mehr Verantwortung innerhalb von Sika übernommen. Er schied aber vor einigen Jahren aus. Sika-intern sagen die einen, die Familie habe ihm nicht mehr Verantwortung zugestanden, andere sprechen von mangelnder Führungsqualität.

Jedenfalls ist Fritz Burkard Anfang 2014 auch aus dem Verwaltungsrat der Familienholding Schenker Winkler ausgetreten und hat einen Stellvertreter delegiert. Über die Holding hält die Familie das Sika-Paket. In Investorenkreisen heisst es denn auch, nach dem Tod von Mutter Franziska Burkard im Dezember vergangenen Jahres habe es unter den Geschwistern Meinungsverschiedenheiten über die Beteiligung gegeben. Familienvertreter Schenker dementiert dies. Fritz Burkards Ausscheiden aus dem Verwaltungsrat der Familienholding habe mit dessen Lebensumständen zu tun. Er weile oft im Ausland.

Mit dem Verkauf können die fünf Geschwister nun eigene Wege gehen – mit dem 2,75 Milliarden Franken hohen Erlös aus dem Verkauf als Polster. Für sie ist das Geschäft sakrosankt.

Keine Rücktrittsklausel

Eine Rücktrittsklausel aus dem Vertrag gibt es auch aufseiten von Saint-Gobin nicht, wie es bei den Franzosen heisst. Genau dies würde sich die Sika-Führung jedoch wünschen. «Wenn ein Aktionär einen Milliardenkauf tätigt, ohne je mit der Firma darüber gesprochen zu haben, und keine Rücktrittsklausel im Vertrag steht, ist das bizarr», sagt Sika-Präsident Paul Hälg. Er hat gestern zusammen mit dem Verwaltungsrat und dem Management den Rücktritt angekündigt, falls der Deal zustande kommt. Die Sika-Führung sieht im neuen Inhaber Saint-Gobin keinen guten Ankeraktionär. Von den Synergien in Marketing und Einkauf würde nur Saint-Gobin profitieren. Auch sonst sieht das Management die Gefahr, dass Sika zur Verliererin wird. Etwa, wenn es um Zukäufe geht. Denn Saint-Gobin konsolidiert Sika zwar vollständig, kann aber nur ein Sechstel der Gewinne verbuchen, die bei den Schweizern anfallen, weil die Kapitalbeteiligung nur 16 Prozent entspricht.

Für die Sika-Chefs ist das gewohnte Rollenspiel zum Drama geworden. Nach dem ersten Akt, der Ankündigung des Widerstands, müssen sie sich nun eine Fortsetzung überlegen.

Erstellt: 08.12.2014, 23:54 Uhr

Schweizer Aktienrecht benachteiligt die Publikumsaktionäre

Beim Sika-Verkauf profitiert einzig die kontrollierende Gründerfamilie. Die übrigen Aktionäre hingegen verlieren über 20 Prozent ihrer Gelder.

«Sika-Untergang». Diesen Arbeitstitel hatte ein Finanzanalyst kurz vor der gestrigen Pressekonferenz auf seinen Schreibblock gekritzelt. Der Mann heisst Remo Rosenau, arbeitet als Leiter der Finanzanalyse bei der Neuen Helvetischen Bank und beobachtet den Geschäftsgang bei Sika seit 21 Jahren.

Es blieb die letzte Notiz an diesem Morgen. Was die Sika-Führung über den anstehenden Verkauf der Firma berichtete, hinterliess nicht nur den Analysten Rosenau sprachlos. 2,75 Milliarden Franken erhält die Familie Burkard-Schenker dafür, dass sie ihr Aktienpaket der französischen Saint-Gobain-Gruppe überlässt – ein Aufpreis von 80 Prozent gegenüber dem vormaligen Börsenkurs des Pakets. Dieses macht zwar nur 16 Prozent der Kapitalsumme von Sika aus, vereinigt aber 52 Prozent der Stimmrechtsanteile auf sich.

«Kontrollprämie» nennt man einen solchen Aufpreis. Das Nachsehen haben die übrigen Aktionäre. Ihre Beteiligungen verloren gestern fast 22 Prozent an Wert. Der Gesamtverlust zulasten des Publikums, zu dem auch Kleinanleger und Pensionskassen gehören, beläuft sich auf 1,7 Milliarden Franken.

«Mit Saint-Gobain übernimmt eine mediokre Firma mit weitgefächertem Angebot das Zepter bei einer fokussierten Spitzenunternehmung», erklärt Rosenau den Kurszerfall. «Die neue Konstellation ist ein Hemmschuh für Sika.» Eine mittlere Katastrophe ist der Eigentümerwechsel, der mit einer Rücktrittsdrohung seitens des Managements einhergeht, auch für den Analysten selbst. Wie viele andere hat er sich bei Sika komplett verschätzt. «Dass die Familie auf diese Weise aussteigt, hätte man sich nie vorstellen können», sagt Rosenau. «Zumal das langfristige Commitment stets als Pluspunkt verkauft wurde.»

Es hängt mit dem Schweizer Börsen- und Aktienrecht zusammen, dass eine Familienholding gegenüber den restlichen Aktionären derart besser dasteht. Gregor Greber, Präsident beim Corporate-Governance-Spezialisten zRating, führt bei Sika drei kritische Punkte an:

Die Opting-Out-Klausel. Sie ist in den Statuten des Unternehmens verankert und verhindert, dass Käufer von grösseren Aktienpaketen gleich dem Gesamtaktionariat ein Kaufangebot unterbreiten müssen.

Die duale Aktienstruktur. Bei Sika haben Namensaktien sechsmal so viel Stimmkraft wie Inhaberaktien. Diese duale Strukturierung des Kapitals begründet die Kontrollmehrheit der Familienholding.

Die Vinkulierung von Aktien. Sie verhindert bei Sika den Eintrag anderer Aktionäre ins Aktienbuch, sofern deren Anteil über 5 Prozent steigt. Gleichzeitig liegt die Hürde für die Einberufung einer ausserordentlichen Generalversammlung bei 10 Prozent.

«Der Kapitalmarkt hat die Risiken im Zusammenhang mit dieser Aktienstruktur nicht wahrgenommen», sagt Gregor Greber, ein bekannter Verfechter des Prinzips «eine Aktie, eine Stimme». Das Beispiel von Sika zeige, dass manchmal sogar der Verwaltungsratspräsident einer Firma gegenüber den Motiven der kontrollierenden Besitzer völlig im Dunkeln tappe.

Jurist Peter V. Kunz von der Universität Bern kritisiert die geltenden ­Gesetze. «Stimmrechtsbeschränkungen sind ein Relikt aus dem 20. Jahrhundert», sagt er. «Die Schweiz ist praktisch das einzige Land, das sie noch kennt.» Kunz fordert, dass die problematischen Opting-Out-Klauseln aus dem Börsen­gesetz gestrichen werden. Den Entwurf zur Aktienrechtsrevision, den der Bundesrat kürzlich in die Vernehmlassung gegeben hat, hält Kunz für problematisch, weil der Schutz von Minderheitsaktionären nur ungenügend reflektiert sei.

Im kürzlich überarbeiteten Swiss Code of Best Practice – einem von diversen Verbänden getragenen Leitfaden – wird das Prinzip «eine Aktie, eine Stimme» dagegen nicht eingefordert. Entsprechende Forderungen seien «verflacht», schreibt der Jurist Karl Hofstetter dazu im begleitenden Bericht.

Analyst Remo Rosenau sieht dies im Licht des Sika-Schocks anders. «Eine so krasse Ungleichbehandlung von Aktionären geht in der heutigen Zeit nicht mehr. Daran sollte auch das Parlament denken.»

Simon Schmid

Ein Kommentar von Markus Diem Meier

Stimmrechtsaktien gehören abgeschafft

Für die 16 877 Mitarbeiter, das gesamte Management, einen Teil des Verwaltungsrats und 83,5 Prozent der Aktionäre des Bauzulieferers Sika muss es ein Schock gewesen sein. Praktisch über Nacht haben sie erfahren, dass ihr Unternehmen an die französische Konkurrentin Saint-Gobain verkauft werden soll, ohne dass sie etwas dazu zu sagen hatten. Mit Blick auf die hervorragende Entwicklung von Sika in jüngster Zeit macht der Zusammenschluss keinen Sinn. Die entsprechenden Aussagen des empörten Spitzenmanagements des Schweizer Konzerns sind glaubwürdig. Auch der dramatische Absturz der Sika-Aktie um 22 Prozent deutet darauf hin.

Mit unternehmerischer Logik hat der Verkauf ohnehin nichts zu tun. Wie es scheint, sind die Nachfolger der Gründerfamilie nicht mehr an ihrem Anteil an Sika interessiert und versuchen ihn jetzt in Geld umzumünzen. Das eigentliche Problem dabei: Sie können das äusserst gewinnbringend tun, weil sie mit einem kleinen Aktienanteil von bloss etwa 16 Prozent die Stimmrechtsmehrheit von rund 52 Prozent innehaben.

Möglich machen das Stimmrechtsaktien: eine Institution, die in den meisten anderen Ländern verpönt ist. Obwohl sie auch in der Schweiz umstritten ist, wird sie sich aller Voraussicht nach sogar im geplanten neuen Aktienrecht wiederfinden. Wie wenig das geltende Recht die Mehrheit der Aktionäre schützt, zeigt auch die sogenannte Opting-out-Klausel. Mit ihr in den Statuten muss Saint-Gobain noch nicht einmal den Mehrheitsaktionären von Sika ein Angebot unterbreiten.

Bleibt nur zu hoffen, dass die drohenden Folgen durch solche Klauseln für ein stolzes und starkes Schweizer Unternehmen wie Sika wenigstens zu einem Umdenken bei den Gesetzgebern führen.

Artikel zum Thema

Sika-Aktie stürzt nach Übernahme ab

2,75 Milliarden Franken blättert Saint-Gobain hin, um Sika zu kontrollieren. Die Sika-Aktie verlor rund 20 Prozent an Wert. Mehr...

«Die Familie hat noch im Oktober ein Bekenntnis abgegeben»

Die kontrollierenden Eigentümer wollen Sika verkaufen, die Firmenleitung droht mit Rücktritt. VR-Präsident Paul Hälg erzählt gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet, wie er von den Ereignissen überrumpelt wurde. Mehr...

Schock für Sika

Der Schweizer Konzern Sika soll vom französischen Konkurrenten Saint Gobain übernommen werden, die Manager wehren sich vehement. Wer hat den Verkauf eingefädelt, was macht Sika eigentlich, ist sie erfolgreich und wer entscheidet schliesslich diesen Deal? Die Antworten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Wollen Sie einen echten Cyborg treffen?

Ihnen gehen Technik und Innovation unter die Haut? Gewinnen Sie 2x2 VIP-Tickets für die Volvo Art Session.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...