Wie stabil ist Ihre zweite Säule?

Mit diesen Kennzahlen ermitteln Sie die Bonität Ihrer Pensionskasse im Handumdrehen.

Stemmen das Einkommen im Alter: Die drei Säulen der Vorsorge. Symbolbild: Keystone / Gaetan Bally

Stemmen das Einkommen im Alter: Die drei Säulen der Vorsorge. Symbolbild: Keystone / Gaetan Bally

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Die Geschäftsberichte der Pensionskassen flattern in diesen Wochen ins Haus. Jeder Beschäftigte ist über den Arbeitgeber obligatorisch beruflich pensionsversichert, und darüber wird jährlich Rechenschaft abgelegt. Das Pensionssystem der Schweiz ist gesamthaft betrachtet kräftig, doch die Lage der rund 2000 Vorsorgeeinrichtungen des Landes ist individuell unterschiedlich.

Herausfordernd für alle sind die zunehmende Lebenserwartung beziehungsweise die längere Dauer des Rentenbezugs und das ungewisse Renditepotenzial der Kapitalanlagen. Jede Kasse geht damit in eigener Art um. Jede und jeder Versicherte kann die Bonität der «eigenen» Pensionskasse anhand vier aussagekräftiger Kenngrössen leicht beurteilen: Deckungsgrad, Versichertenstruktur, Ergebnisverteilung und Umwandlungssatz.

Die Angaben dazu finden sich im persönlichen Versicherungsausweis der Pensionskasse und im Jahres oder im Kurzbericht. Auskünfte können auch direkt bei der Geschäftsstelle der Pensionskasse oder der Personalabteilung des Betriebs angefordert werden.

Was die Sanierungsgefahren lindert

Ausgangspunkt der Bonitätsbeurteilung ist der Deckungsgrad. Er stellt das Verhältnis von Anlagevermögen zu bilanzierten Verpflichtungen dar. Gemäss Jürg Walter, Geschäftsführer des Beraters Libera, ist erst ein Deckungsgrad ab 115 Prozent «im grünen Bereich».

Steht das Deckungsverhältnis nur wenig über 100 Prozent, müssen die Pensionsversicherten mit einer Minderverzinsung des Guthabens rechnen. Bei einer Unterdeckung der Verpflichtungen droht Beschäftigten gar, dass sie zusammen mit dem Arbeitgeber Sanierungsbeiträge à fonds perdu leisten müssen. Die 400 Vorsorgeeinrichtungen der Privatwirtschaft, die an der diesjährigen Umfrage von Swisscanto/ZKB teilgenommen haben, wiesen Ende 2017 im Schnitt 114 Prozent Deckungsgrad auf.

«Je mehr aktive Versicherte den Rentnern gegenüberstehen, desto weniger schmerzhaft wird im Bedarfsfall die finanzielle Sanierung.»Jürg Walter, Liberia

Wie «sicher» Beschäftigte davor sind, sich an einer Sanierung beteiligen zu müssen, zeigt die Versichertenstruktur. Gemeint ist die Gesamtzahl von aktiven Versicherten zu Rentenbeziehenden. Ideal sei ein Verhältnis von mindestens 60/40, sagt Jürg Walter – also eine Ratio von 150 Prozent oder höher: «Je mehr aktive Versicherte den Rentnern gegenüberstehen, desto weniger schmerzhaft wird im Bedarfsfall die finanzielle Sanierung.»

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Eine solche Situation wird im Jargon als strukturell starke Risikofähigkeit bezeichnet. Sie erlaubt für die Kapitalanlage der Kasse eine risikoreichere und deshalb auch chancenreichere Anlagestrategie. Das wiederum ist Basis dafür, dass jährlich ein vergleichsweise grosser Zins auf den Altersguthaben der Beschäftigten landet und so auf Dauer ihre Vermögensbildung begünstigt. Die Höhe des Guthabenzinses ist wichtig für alle, besonders aber für diejenigen, die noch weit weg von der Pensionierung sind. Sie sollten dem Renditepotenzial ihrer Pensionskasse und der Sollrendite – entspricht dem jährlich für die Zinspflichten notwendigen Anlageertrag – ein besonderes Augenmerk schenken.

Rückgang des Deckungsgrads

Der Libera-Chef bringt es auf den Punkt: «Ist die auf dem Pensionskassenvermögen zu erwartende Rendite niedriger als die Sollrendite, ist ein Rückgang des Deckungsgrads zu befürchten.» Die Teilnehmer der Swisscanto-Umfrage messen ihren Investments ein Renditepotenzial von im Mehrjahresschnitt 2,6 Prozent zu. Es stammt in der Regel von erwarteten rund 5 Prozent Performance der Aktienanlagen, 4 Prozent der Immobilieninvestments und 0,5 Prozent des Anleihenportefeuilles. Die Sollrendite der Umfrageteilnehmer liegt auf durchschnittlich 2,3 Prozent. Damit errechnet sich aus beiden Renditezahlen ein günstiger Faktor von 1,1.

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Schliesslich ist auch der Umwandlungssatz zu beurteilen. Intuitiv mag verständlich sein, dass die Schweizer Stimmbevölkerung den gesetzlichen BVG-Mindestumwandlungssatz von 6,8 Prozent lieber nicht gesenkt haben möchte. So entsteht je 100'000 Franken Altersguthaben bei Pensionierung eine Jahresrente von 6800 Franken Aber garantieren müssen die einmal fixierten Rentenpflichten der Kasse alle erwerbstätigen Versicherten gemeinsam.

Vorteil des tiefen Umwandlungssatzes

Die Vorsorgeträger der Privatwirtschaft berechnen gemäss der Swisscanto-Umfrage neue Pensionsrenten im Schnitt zu 5,87 Prozent . Das ist erlaubt, weil der erwähnte gesetzliche Umwandlungssatz nicht für ergänzende überobligatorische Altersguthaben gilt. Ökonomisch rechtfertigen lässt sich gar nur mehr eine Rentenumwandlung zu 5 Prozent (vgl. Text unten). Die erwähnten 5,87 Prozent sind so gesehen ungünstig (Faktor 0,85). Gemäss Pensionskassenexperte Jürg Walter ist ein hoher Umwandlungssatz nur für Versicherte attraktiv, die kurz vor Pensionierung stehen. Für alle anderen gilt: Je höher der Umwandlungssatz, desto belastender ist das darin einkalkulierte Zinsversprechen – und desto geringer ist deshalb die Kraft der Pensionskasse, die Guthaben der Beschäftigten grosszügig zu verzinsen.


Der Sturz der Pensionskassen

Den Pensionskassen fehlen zur Jahresmitte etwa 20 Milliarden Franken Die treuhänderisch diversifiziert investierten Spargelder der Versicherten von kumuliert gut 900 Milliarden Franken haben wegen der Aktienbaisse etwa 1 Prozent an Wert eingebüsst. Zugleich aber mussten die Vorsorgeeinrichtungen Pro-rata-Zinsen im Umfang von 1,2 Prozentpunkten des Vermögens verbuchen – einerseits zur vollständigen Finanzierung der laufenden Rentenzahlungen und andererseits anteilig für den 1-Prozent-BVG-Mindestzins der Guthaben der Beschäftigten.

Zur «Halbzeit» des Jahres ist der Deckungsgrad der Kassen folglich gesunken. Zu Jahresbeginn noch hatten die Vermögen die Verpflichtungen um 14 Prozentpunkte überdeckt. Die Puffer sind dennoch weiterhin üppig, obschon dies lediglich das Durchschnittsbild der knapp 2000 Kassen des Landes beschreibt.

Daraus ergibt sich auch, dass eine Pensionskasse erst in die «Gewinnzone» gelangt, wenn das Anlageergebnis die Hürde des Zinsbedarfs übersprungen hat. Diese Sollrendite ist davon bestimmt, wie vorsichtig oder aggressiv die Diskontierung der Rentenverpflichtungen von der Kassenführung angesetzt wurde. Zudem spielt die Versichertenstruktur der Kasse hinein, also wie gross die für die Rentner geführten garantierten Gelder im Vergleich zu den kumulierten Guthaben der erwerbstätigen Versicherten sind.

Gemäss Swisscanto-Umfrage unter Pensionskassen liegt die Sollrendite im Schnitt auf 2,3 Prozent. Mit einem Zins dieser Höhe kalkuliert wäre ein Rentenumwandlungssatz von etwa 5 Prozent korrekt. Das Beratungsunternehmen Aon hat für die Stufen möglicher Umwandlungssätze die notwendige Zinskomponente berechnet.

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Ökonomisch leitet sich die Höhe einer Rente ab von der mutmasslichen Dauer der Zahlung – sprich der Lebenserwartung der versicherten Person und ihrer Hinterlassenen – und von der Höhe der jährlichen Aufzinsung des abnehmenden Rentenkapitals. Dass der BVG-Mindestumwandlungssatz von 6,8 Prozent mit jährlich 4,5 Prozent Zins «gefüttert» werden muss, zeigt, wie realitätsfern die gesetzliche Norm ist.

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 30.06.2018, 14:32 Uhr

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